So
03
Jul
2011
PERFORMANCE-WORKSHOP "SchwerGewicht"
Der Theater- und Performance-Workshop vom 23.- 25. September 2011 in Berlin will die gesellschaftlichen Widersprüche in denen sich dicke Menschen subjektiv und objektiv bewegen, sichtbar machen und thematisieren. Das 'Theater der Unterdrückten' nach Augusto Boal (1931-2009), brasilianischer Theatermacher und Friedensnobelpreiskandidat 2008, arbeitet mit seinen Übungen und Spielen, sowie in Bildern und Statuen sehr körperbetont und richtet sich auf eine annehmende Haltung zum eigenen Körper.
Organisatorisches
23.- 25. September 2011
Alter Saal, Nachbarschaftsheim Berlin-Schöneberg
Frege Straße 53, 12161 Berlin, U 9, Walther-Schreiber-Platz
S1, S-Bhf. Feuerbachstraße/ S-Bhf. Friedenau.
Teilnahmepreis: 50 € für den Workshop, 30 € Ermäßigung (bei H4, Studium etc.).
Regelmäßige Teilnahme an der Theaterwerkstatt: 12 € im Monat.
Die anschl. Theaterwerkstatt wird im 14tägigen Rythmus für jeweils 3 Std. voraussichtlich im Theaterhaus Berlin-Mitte statt finden.
KONZEPTION
Dickes Leid
Dicke Menschen erfahren alltäglich Abwertungen und Kränkungen. Lust auf Bewegung, Spiel und Spaß, Essen und Sexualität ist mit stetiger Maßregelung körperlicher Befindlichkeit und Identität,
sowie mit (seelischem) Schmerz gekoppelt. Dicksein gilt als lasterhaft. Als hätten Dicke an ihrem Körpergewicht nicht genug zu tragen, sollen sie sich „schuldig“ fühlen. Diäten ersetzen den
Ablaßhandel. Die Parole „weniger Essen - mehr Bewegung“ scheint logisch, wirkt aber paradox. Durch Mangelernährung und Stress werden Dicke dicker. Die Idealisierung von Schlankheit und die
Diskriminierung von Dicken sind Ideologie der Herrschaftssicherung: Sozialpolitische Gründe und komplexe Ursachen von Erkrankungen an Herz- und Kreislauf, Stoffwechselfunktionen und
Bewegungsapparat, soziale Defizite und Bildungslücken werden den Dicken zur Last gelegt. Faul, unflexibel und konfliktscheu können sie sich am Arbeitsmarkt nicht behaupten und sind Kindern und
Jugendlichen ein schlechtes Vorbild. Dicke und übergewichtige Menschen stellen einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung und sind äußerst
profitabel. Dicke gelten als gutmütig, sensibel und spendabel. Dicke fühlen sich, entsprechend den ästhetischen Vorgaben der Massenmedien und der Gesellschaft, unwohl in ihrer Haut und sind
bereit, ein Vermögen für „die Gesundheit“, bzw. die ästhetische Rekonvaleszenz auszugeben, um endlich wieder (wenn
auch nur für kurze Zeit) als „attraktiv“ zu erscheinen. Vom schlechten Gewissen der Dicken profitiert nicht nur die Beratungsbranche. Sie teilt den Markt mit einer Gesundheitsindustrie, die aus
der Produktion von Übergewicht Gewinn schöpft: einerseitseits durch den Verkauf von Produkten wie Appetitzüglern, biodynamischen Pulverdiäten und anderen Schlankheitspillen, andererseits durch
die Verwertung der künstlich reproduzierten Adipositas mittels der Behandlung ihrer seelischen und somatischen Folgen.
Dicke Widersprüche
Der Theater- und Performance-Workshop will die gesellschaftlichen Widersprüche in denen sich dicke Menschen subjektiv und objektiv bewegen, sichtbar machen
und thematisieren. Das 'Theater der Unterdrückten' nach Augusto Boal (1931-2009), brasilianischer Theatermacher und Friedensnobelpreiskandidat 2008, arbeitet mit seinen Übungen
und Spielen, sowie in Bildern und Statuen sehr körperbetont und richtet sich auf eine annehmende Haltung zum eigenen Körper. Emotionen und Haltungen werden durch prospektive und introspektive
Übungen offenbart und tragen zur Ermutigung des angeschlagenen Selbstwertgefühls bei. Schwierigkeiten und Konflikte des dicken Lebens werden von den Teilnehmer/innen inszeniert und
problematisiert. Szenen alltäglicher Diskriminierung sollen dabei durch das Forumtheaterspielerisch erkundet und verändert werden. Spielen bedeutet Genuss, der dicken Menschen mitchronisch
„schlechtem“ Gewissen oft verwehrt ist.
Annahme statt Abnahme!
Performance-Workshop und Theaterwerkstatt richten sich an dicke Menschen, die es leid sind, sich ihr Leben durch die Normen von anderen vermasseln zulassen.Dick sein definiert sich subjektiv,
d.h. dick ist, wer sichdick fühlt. Das gilt unabhängig von Diagnosen und Ursachenzuschreibungen. Teil des Workshop-Konzeptesist es, mit einer kontiuierlich arbeitenden
Theatergruppe Forumtheater-Szenen zu entwerfen und weiterzuentwickeln, die bei einem Auftritt in der Öffentlichkeit vom Publikum mit eigenen Lösungen verändert werden können. Dicke
machen sich in der Öffentlichkeit zum Thema, ohne Mitleid und Bevormundung. Sie stellen sich der Debatte ohne ein Gramm ihrer gewichtigen Präsenz preis zu geben. Von Diäten und zwanghafter
Manipulation des Gewichts darf gefastet werden. Beschämende Attributierung von Asexualtität, Bewegungsunlust und psycho-vegetativer Dysfunktionalität werden Geschichte. Mach mit und probe den
Widerstand. Wir haben ein Grundrecht auf Würde. Annahme statt Abnahme!

