Im Verein sind wir uns einig - die Jugend ist die schwierigste Zeit für dicke junge Frauen. Der Körper entwickelt sich und wenn man da nicht in die Norm passt, gibt es viele Zweifel und falsche Körperbilder. Unsere Vorsitzende hat für dicke Menschen ein kleines Buch geschrieben, welches 2009 erschienen ist. Aus diesem Buch - einem Mailwechsel zwischen Nichte und Tante, veröffentlichen wir hier wechselnde Abschnitte.
Die letzte Aktualisierung haben wir am 16.8.2010 vorgenommen.
Aus "Schwierige Bilder"
Liebe Petra,
herzlichen Dank für Deine offene Mail, ich weiß dass Vertrauen zu würdigen und werde es natürlich nicht missbrauchen.
Die Geschichte von Thorsten und Dir hat mich ein bisschen sehr ins Träumen gebracht. Wenn es doch mit Conrad und mir auch so funktionieren könnte! Aber bisher gibt es dazu keine Anzeichen. Wir haben nach wie vor nicht richtig miteinander geredet und bei den Dialogen auf dem Schulhof lächelt er zwar manchmal in meine Richtung, aber ich denke dann auch immer, dass ich mir das sicherlich nur einbilde.
Die Hausarbeit ist übrigens abgegeben – ich habe mit einer Freundin zum Klimawandel geschrieben und versucht, die aktuelle Berichterstattung auszuwerten. Mein Lehrer wollte unsere Einschätzung, wie dringlich Klimaschutz ist oder inwieweit sich alles als Panikmache darstellt. Wir waren uns beide einig, dass es ganz dringend ist, was zu tun und dass es eher erschreckend ist, wie wenig sich derzeit bewegt. Da schmelzen schon die Pole und trotzdem werden bei uns noch ganz viele Autos zugelassen, die mehr als 10 Liter Sprit auf 100 km verbrauchen. Ich finde, so was sollte verboten werden. Radikal, damit auch tatsächlich eine Änderung eintreten kann.
Wahrscheinlich wird unser Lehrer das in der Bewertung wieder alles relativieren, nach dem Motto: Wir leben doch aber in einem freien Land und man kann nicht alles verbieten. Auf das Gegenargument, dass damit dann aber vielleicht unsere Zukunft verbaut wird, hat er dann keine ordentliche Antwort.
Was meinst Du dazu?
Liebe Grüße
Antje
Petra las die Mail mit einer Mischung aus nostalgischer Erinnerung und schlechtem Gewissen. Ja, sie war in ihrer Jugend auch sehr im Umweltschutz und in der Friedensbewegung aktiv gewesen. Zahlreiche Demos hatte sie mitgemacht und versucht, die Welt zu retten. Und sie konnte sich noch gut an das Gefühl erinnern, tatsächlich zu glauben, wie viel sie gerade verändern würden. Heute hatte sie das Gefühl, dass das alles fast nichts gebracht hatte. Es wurden immer noch Kriege auf der Welt geführt, vielleicht mit anderer Ausrichtung, aber machte das einen Unterschied?
Im Umweltschutz hatte ich sicherlich einiges getan, wenn Antje auch Recht hatte, es war eindeutig zu wenig. Trotzdem konnte sie sich schwer aufrappeln, selber etwas zu tun – im Gegenteil, eigentlich verhielt sie sich selbst nicht besonders umweltfreundlich. Ob sie dies Antje vermitteln konnte?
Eigentlich fand sie die anderen Themen, die sie mit Antje verband auch viel spannender. Die Themen, die sie beide wirklich beschäftigten, ihren Körper, ihre Angst davor nicht richtig zu sein. Und die vielen spannenden Erlebnisse, die sie ihr noch erzählen wollte, wie der Dessousabend, den sie vorgestern bei einer Freundin mitgemacht hatte.
Liebe Antje,
was den Klimaschutz angeht, bin ich mit Dir voll und ganz einer Meinung. Und trotzdem selbstkritisch genug mir an die eigene Nase zu fassen, wir waren immerhin auch im Mai in Spanien. Natürlich mit dem Flieger. Dass das nicht umweltfreundlich ist, war mir klar, wir haben es aber trotzdem gemacht. Von daher bin ich mit Dir inhaltlich voll auf einer Linie und trotzdem kommt es auch immer wieder zu Momenten, wo ich weiß, dass auch ich mich gerade nicht pro Klimaschutz verhalte.
Schade, dass sich mit Conrad bisher nichts Neues getan hat. Manchmal brauchen die Dinge Geduld, oder? Aber einfach ist das nicht – zu warten und nicht zu wissen, was Sache ist. Frei aus der Reihe „Er liebt mich, er liebt mich nicht… er liebt mich, er liebt mich nicht…“ Schade, dass es jetzt so wenig Gänseblümchen gibt, um es auszuzählen. Da musst Du wohl bis zum Frühjahr warten. Wäre aber noch ein bisschen lang hin.
Ich war übrigens in den letzten Tagen bei einer Freundin, die hatte zu einem Dessousabend für mollige Menschen geladen. Es war eine Designerin und Schneiderin da, die sich speziell auf das Entwerfen und Produzieren von Dessous für dicke Menschen spezialisiert hat. Es war klasse. Am Anfang war es zugegeben etwas ungewohnt, die unterschiedlichen Teile anzuprobieren, zumal eigentlich nur das Schlafzimmer meiner Freundin als Anprobe zu nutzen war. Aber im Laufe des Abends wurde es lockerer und wir haben uns kurzerhand gleich im Wohnzimmer umgezogen und die einzelnen Teile dann auch gegenseitig kommentiert. Ich war überrascht, wie wohlwollend alle miteinander umgegangen sind. Nicht jedes Teil sah nun mal gut aus, aber die Designerin hat einen Ton angeschlagen, den wir dann auch alle übernommen haben. Und da waren dann schlecht sitzende BHs eben nur noch „unvorteilhaft und probieren sie doch einfach mal diesen…“.
Am Ende des Abends haben wir dann auch munter bestellt, man konnte sich die Stoffe dann nämlich noch selbst zu den anprobierten Schnitten aussuchen. Ich habe mir gleich einen neuen Badeanzug und zwei BHs bestellt und bin jetzt ganz gespannt auf das Paket.
Hast Du schon Probleme mit BHs, oder geht es noch? Ich fand es früher immer die Hölle mit meiner Mutter zusammen Unterwäsche einkaufen zu gehen, allein die Verkäuferinnen haben mich damals immer fertig gemacht. Wahrscheinlich hab ich mir die abschätzenden Blicke immer nur eingebildet, aber ich habe mich ob meines großen Busens immer geschämt.
Mittlerweile trage ich von der Stange immer dasselbe Modell und das bestelle ich im Internet. Dort gibt es das natürlich nur in weiß und schwarz. Entsprechend sind die neu bestellten BHs jetzt auch in blau und rot. Jawohl – besonders den roten wir Thorsten bestimmt lieben.
So, ich muss jetzt mal in die Küche. Wir bekommen heute abend noch Besuch und ich will schöne Lammfilets mit Bohnen und Kartoffeln machen. Thorsten steuert natürlich den Wein dazu und da es befreundete Kunden von ihm sind, wird das Ganze sicherlich in einer halben Weinprobe ausarten. Ich nehme mir immer vor, abends aufzupassen, da mir zuviel Essen und besonders zu viel Wein dann doch nachts zu schaffen macht. Aber wenn es dann so nett ist und lecker – dann vergesse ich diese Vorsätze immer wieder. Nur nachts um vier, wenn ich von einem grummelnden Bauch oder von Kopfschmerzen aufgeweckt werde – dann denke ich wieder dran und ärgere mich. Es ist schon echt ein Kreuz mit der Selbstbeherrschung.
Mal sehen, wie es heute wird. Die gute Hausfrau entschwindet in die Küche und sagt erstmal Tschüß für heute.
Viele Grüße
Petra
Mit etwas Neid saß Antje vor ihrem Computer und sah auf Petras Mail auf dem Bildschirm. Petra hatte so ein aufregendes Leben, mit Dessousparty, ihrem Freund – und das Abendessen heute würde bestimmt ein toller Erfolg werden. Dagegen fühlte sich ihr Leben gerade sehr fad an. Was passierte hier den schon großes? Außer die Geschichte mit Conrad. Die lies ihr Herz ein bisschen schneller hüpfen.
Liebe Petra,
na, dann wünsche ich Euch erstmal guten Appetit. Da ich heute abend nichts vorhabe, alle anderen unterwegs sind und im Fernsehen auch nur Quatsch läuft, habe ich viel Zeit, Dir zu schreiben.
Ich glaube, ich esse mehr aus Langeweile und Frust. Wenn es immer nur die Abendessen wären, bei denen ich zuviel esse, dann wäre ich wahrscheinlich rank und schlank. Denn so oft gibt es so leckere Abendessen, wie Du sie da beschreibst, bei mir eigentlich nicht. Zuhause essen wir abends meistens Brot oder Pizza oder so. Das Mittagessen, was ich meist noch in der neuen Schulkantine esse, ist ja warm. Wenn auch meistens nicht wirklich lecker – eher oft das Gegenteil, davon esse ich meistens auch nicht zuviel. Aber es hält bei mir irgendwie nicht lange vor und nachmittags bei den Hausaufgaben oder wenn ich gefrustet bin, esse ich dann eben irgendwas. Auch viel Süßes. Dass das nicht so gesund ist, weiß ich irgendwie schon, aber so richtig einfallen tut mir das immer erst, wenn die Tüte schon alle ist. Dann habe ich natürlich auch ein super schlechtes Gewissen und nehme mir vor, es nicht wieder zu tun. Aber das hält halt nicht lange. Ich kann es eben einfach nicht.
Es ist besser, wenn ich nachmittags noch was vorhabe. An den Tagen, an denen wir nachmittags im Chor proben, komme ich meist mit einem Apfel hin. Es ist schön zu singen und es bleibt sowieso nicht viel Zeit etwas zu essen. Aber Chor ist eben nur dienstags und an den anderen Tagen eben nicht. Und jeden Tag wieder etwas anderes zu machen, dazu habe ich auch nicht die Energie.
Kannst Du mich mal zu Dir einladen, wenn es wieder so eine Dessousparty gibt? Alleine kann ich mir nicht vorstellen an einer solchen Party teilzunehmen – aber mit Dir zusammen könnte ich mich vielleicht trauen. Obwohl so massgeschneiderte Sachen wahrscheinlich furchtbar teuer sind, oder? Ja und Du hast schon Recht (und es tröstet mich ein bisschen, dass es bei Dir auch so war), BH kaufen ist furchtbar. Ich ziehe eher alleine los, aber allein schon dieses zurechtfinden in der Wäscheabteilung. Ich versuch immer ohne die Unterstützung von so blöden Verkäuferinnen zurechtzukommen, aber meist brauch ich sie dann doch. Und wenn ich mir irgendwo so richtig fett und hässlich vorkomme, dann da. Zumal mein Busen auch einfach deutlich größer ist, als der meiner Freundinnen. Im Schulsport, wenn danach geduscht wird, ist es auch immer ätzend. Selbst wenn sich die Freundinnen, die wirklich sehr kleine Brüste haben, darüber beschweren, dass sie so wenig haben, fühle ich mich schlecht. Obwohl ich mich ja dann eigentlich freuen könnte. Aber wir wollen alle das Mittelmass, gell? Und nicht diese Ungleichverteilung, die eine hat superviel und die andere so gut wie gar nichts. Das Leben ist ungerecht.
Anyway, für so eine Dessousparty würde ich Mama und Papa überreden, mir eine Fahrkarte für ein „Tantenbesuchswochenende“ zu kaufen.
So und bis zum Ende dieser Mail habe ich die Neuigkeiten von Conrad aufgespart. Wir haben uns gestern das erste Mal richtig unterhalten. Er hatte einen Platten am Fahrrad und ich habe genau zu diesem Zeitpunkt (ehrlich, es war Zufall), auch mein Rad geholt. Und hatte eine Pumpe… Hab sie ihm natürlich geliehen und er hat dann schnell sein Rad aufgepumpt. Danach ist er aber auch nicht gleich losgefahren, sondern wir haben noch ein bisschen geredet. Er hat mir vom Stress mit den Abivorbereitungen erzählt, bei ihm zählen ja jetzt schon immer alle Arbeiten auch für die Abinote und das macht ihm wohl ziemlich viel Stress. Eigentlich haben wir nur darüber geredet, aber ich war hin und weg. Nach ein paar Minuten hat er dann gesagt, dass er los muss und ist weitergefahren.
Ich habe kurzfristig darüber nachgedacht, ob ich ihm jetzt immer dienstags in der Chorpause die Luft aus seinen Reifen rauslassen soll, und dann wieder mit der Luftpumpe auftauchen soll. Aber ich schätze, dass sind dumme Kleinmädchenstrategien, über denen ich stehen sollte. Und deshalb warte ich jetzt auf den nächsten Zufall. Und träume so vor mich hin….
Die Haustür geht, meine Mutter kommt und ich werde gleich gefragt werden, ob alle Hausaufgaben gemacht sind und ob nicht Schlaf auch eine gute Idee wäre. Warum?
Ich hoffe, Du hattest einen schönen Abend und wünsche Dir eine gute Nacht (hoffentlich ohne schlechtes Gewissen).
Tschüß Antje
Liebe Antje,
sorry, dass ich gestern nicht geantwortet habe, aber ich hatte abends noch eine Sitzung und war erst spät zuhause.
Unser Abendessen vorgestern war sehr schön und – so wie ich es schon geahnt hatte – sehr süffig. Ich hatte Thorsten von meinem Dilemma geschildert und in seiner liebevollen Art hat er mich nur aufgefordert, ich solle ihn nachts wecken, wenn es mir schlecht gehen würde, er würde mich dann trösten und mir zeigen, was für einen wundervollen Körper ich hätte, der es wert sein, Wein und gutes Essen zu geniessen. Ach Gott, ich liebe diesen Mann. Wenn ich ihn auch garantiert nicht wecken würde, schon gar nicht in der Woche. Die dann fehlenden Nachtstunden würden sich morgens am Schreibtisch brutal rächen.
Dein „Fahrrad stell Dich ein“ mit Conrad hört sich doch gut an. Gibt es irgendwelche gemeinsamen Verbindungspunkte, an denen Du anknüpfen könntest? Vielleicht kannst Du ja andere „Zufälle“ schaffen, die etwas freundlicher sind, als die Luft aus den Reifen zu lassen.
Tschüß Petra
PS. Die Dessous sind übrigens nicht viel teurer als die „Sondergrößen“ von der Stange. Von daher wirst Du Dir auch ein schönes Stück leisten können. Ich sag Bescheid, wenn wieder ein Termin bei uns ist und freu mich auf Deinen Besuch!
Obwohl Antje sich über Petras Mail eigentlich freuen sollte – immerhin stand da eine Einladung zu einer Dessousparty, ging es Antje gerade gar nicht gut. Dieses Neidgefühl auf ihre Tante hatte sich noch etwas verstärkt, in ihr nagte das Gefühl mit lauter Stimme, dass da sagte, sie ist hässlich, hat keinen Mann verdient und sonst auch kein lebenswertes Leben. Außer, sie würde endlich abnehmmen! Und da waren die Mails ihrer Tante einfach eine leise Stimme von außen, die kaum was dagegen setzen konnte. Sie war einfach hässlich, Conrad sollte sie sich so schnell wie möglich aus dem Kopf schlagen. Obwohl es da auch eine leise Stimme in ihr selbst gab, die Conrad dann auch wieder nicht so leicht loswerden wollte. Es war nicht einfach, sie war ziemlich verwirrt.
Liebe Petra,
ich denke schon die ganze Zeit über Verbindungspunkte zu Conrad. Und merke dabei, dass ich nicht wirklich viel über ihn weiß. Er macht wohl viel mit Physik, da ist er wohl auch dienstags in einer AG. Aber sonst…? Am Wochenende ist er immer in der Disco, wo hier alle von der Schule so hingehen. Deshalb bin ich auch neulich mitgegangen – aber an dem Abend war er wohl nicht da, zumindest habe ich ihn nicht entdeckt. Und immer in diese Disco zu gehen, nur um ihn zu treffen, mag ich auch nicht.
Ich sehe gerade keinen wirklichen Anknüpfungspunkt. Obwohl, vielleicht könnte ich ihn fragen, ob er mir bei der Einrichtung meines neuen MP3 Players helfen könnte. Das Ding macht mich fertig, immer finde ich nicht die Musik, die ich gerade hören will. Aber ist das nicht ein bisschen albern?
Und ich glaube, er würde mich in jedem Fall auslachen, weil eigentlich glaube ich eh, dass mich keiner haben will. Die Geschichte mit Thorsten und Dir ist ja schön und gut. Aber bei uns haben nur die schlanken Mädchen einen Freund. Alle etwas molligeren haben keinen. Warum sollte ich da einen haben? Wo ich mich selbst schon nicht attraktiv finde. Oder es deutlicher sagen kann: UNATTRAKTIV BIN!
Warum sollte Conrad mich toll finden? Er wird mir vielleicht bei meinem MP3 Player helfen, aber deshalb wird er mich noch lange nicht als Freundin haben wollen.
Das ist alles ganz schön frustrierend. Und ich hab jetzt auch keinen Bock auf einen Apfel – ich brauch was Süßes.
Sorry, dass ich möglicherweise so gar nicht Deinem Bild von einem fröhlichen jungen Teenager entspreche, aber tief in mir drinnen bin ich eben auch nicht fröhlich.
Trotzdem liebe und vielleicht auch ein bisschen verzweifelte Grüße
Antje
Nachdem sie die Mail abgeschickt hatte, fühlte sich Antje ein bisschen besser. Sie ging zwar immer noch mit frustrierten Gefühlen ins Bett, aber mit der leisen Hoffnung, dass Petra vielleicht einen guten Rat hatte, wie sie aus dieser ganzen Trostlosigkeit herausfinden könnte.
Liebe Antje,
uih, da geht es einer ja gar nicht gut. Ich fühle mit Dir, auch wenn Dir das vielleicht keine große Hilfe ist. Und ich auch gar nicht weiß, ob ich Dir helfen kann.
Wenn Du magst, versuche ich es aber schon ein bisschen. Ja?
Ich habe mir nochmal die letzten Mails von Dir durchgelesen und denke, dass es da einige Gedanken, Unsicherheiten und Gefühle gibt, die Dich so durcheinander bringen.
Da ist zum einen Dein Körper, der rund und mollig ist, für Dich eben einfach fett. Du willst gerne abnehmen, aber es funktioniert nicht. Und wenn Du darüber gefrustet bist, isst Du im Zweifelsfall noch mehr oder zumindest Süßigkeiten, die Dich auch nicht schlanker machen.
Dann ist da Conrad, den Du nett findest, für ihn schwärmst oder sogar in ihn verliebt bist – obwohl, ich würde eher sagen, dass Du für ihn schwärmst. Denn nach meiner Ansicht, muss man jemanden auch ein bisschen kennen, um verliebt zu sein. Und so viel hattet ihr miteinander ja noch gar nicht zu tun, oder?
Aber meine Ansicht muss man auch nicht teilen, vielleicht kann man auch verliebt sein, wenn man sich nicht wirklich kennt. Aber da Liebe viel mit Vertrauen zu tun hat und Vertrauen eben erst entstehen kann, wenn man sich kennt, hm, ich bleibe dabei, verliebt braucht mehr Kennen.
Zwei nicht ganz so einfache Baustellen. Die sich auch nicht einfach lösen lassen werden, glaube ich. Dein Weg wird über viele Hochs und Tiefs gehen, aber vielleicht ist es Dir ein Trost, dass die meisten Frauen (und übrigens auch zunehmend Männer) in Bezug auf ihre Figur durch viele Hochs und Tiefs gehen. Nenne mir eine Frau oder eine Klassenkameradin, die an ihrem Körper nichts auszusetzen hat. Na, wie viele fallen Dir ein? Glücklicherweise gibt es manchmal ein paar wenige. Die Mehrzahl ist es auf jeden Fall nicht. Und das hat nicht nur was mit Kilos zu tun. Das hat viel damit zu tun, dass Frauen in unserer Gesellschaft nach ihrem Aussehen bewertet werden und sich selbst (und besonders untereinander) auch danach bewerten. Der Wert einer Frau misst sich auch an ihrer Schönheit. Ist sie schön, bekommt sie einen guten und besonders reichen Mann, hat Erfolg im Job und ist glücklich. So ungefähr lautet die Glücksformel, die da dahinter steht. Und die im Umkehrschluss dicken und anderen nicht der Norm entsprechenden Menschen eigentlich keine Zukunftschancen gibt. Oder?
Soviel die gängige Meinung, die durch Medien, besonders so netten Frauenzeitschriften mit magersüchtigen Modells, aber auch mit Werbung ständig untermauert wird.
Aber nehmen wir den Glaubenssatz doch mal ein bisschen auseinander.
Wieviel willst Du einen Mann, für den Du ein hübsches „Schmückwerk“ bist? Der vielleicht – eben weil er reich ist – entweder nie zuhause ist, oder große Probleme damit hat, wenn Du auch arbeiten willst und gut sein willst, weil eigentlich hat er doch das Bild von einer gut gestylten glücklichen Hausfrau und Mutter, die ihm zuhause den Rücken frei hält und die gemeinsamen Kinder großzieht.
Wieviel willst Du aber auch einen Mann, der vielleicht in meinem Alter mit Deinem Aussehen nicht mehr zufrieden ist und sich dann eine neue – natürlich jüngere - Frau sucht. Denn spätestens mit den Jahren vergeht Schönheit, zumindest die, die unser gängiges Schönheitsideal gerade bestimmt. Und leider kenne ich in meinem Freundeskreis nicht nur eine Freundin, der das widerfahren ist. Und die jetzt bittere Erfahrungen durchmachen müssen.
Die Suche nach einem Partner ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben im Leben eines Menschen. Schlanke wie dicke Menschen scheitern daran oft. Schlanke wie dicke Menschen haben aber auch die Chance einen Partner zu finden, bei dem Vertrauen die Basis bildet. Wobei ich Dir nicht vormachen will, dass es für dicke Frauen genauso einfach wäre, wie für schlanke Frauen. Auch Männer werden von Medien beeinflusst und lernen aus vielen Quellen, dass schlanke Frauen attraktiv sind und man sich mit ihnen – auch vor den eigenen Freunden – gut schmücken kann.
Im eigenen Umfeld zuzugeben, dass man lieber mit einer nicht-schlanken Frau zusammen ist, zum einen weil man sie mag und ihr vertraut, zum anderen aber auch, weil man sie begehrt, ist nicht ganz einfach. Bei letzterem braucht ein Mann vor seinen Freunden schon einiges an Selbstvertrauen, um sich dies zuzugestehen und es gegenüber seinen Freunden und anderen Männern zu vertreten.
Das macht die Partnersuche für dicke Frauen nicht einfacher. So gar nicht!
Es bleibt der Trost, dass es da draußen Männer und sicherlich auch junge Männer gibt, die sich dann auch als sehr gute Partner erweisen, weil sie selber genug Selbstvertrauen mit sich bringen, dass sie zu ihrer Frau stehen können und sie so lieben, wie sie ist. Und wenn sie einen dann auch noch begehren, dann würden sie uns auch auf Händen tragen, dafür sind sie dann aber doch meistens zu schwach (lach).
Wenn ich auf meine eigene Männersuche zurückblicke, kann ich Dir, liebe Antje, jetzt auch nicht wirklich viel Mut machen, dass Du da ohne blutige Nase oder besser, einige gebrochenen Herzen durchkommen wirst. Nebenbei, gebrochene Herzen gibt es immer, wenn Liebe und Gefühle im Spiel sind. Das gilt auch für die schlanke gutaussehende Welt. Aber ich fürchte, für unsere Welt noch mehr.
Nun liegt auf der Hand zu sagen, dann steige ich doch aus dieser „hässlichen Welt“ aus und versuche mich zur „gutaussehenden Welt“ zu hungern. Da komme ich zu meiner Mail vor ein paar Wochen zurück, in der ich Dir das Prinzip des Jojo-Effekts erklärt habe. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wirst Du bei dieser Aktion am Ende dicker sein, als vorher. Das ist also keine wirklich brauchbare Alternative. Oder was meinst Du?
Ich weiß, jetzt kommen sicherlich viele wichtige Gedanken bei Dir hoch, die Dich alle überreden wollen, abzunehmen. Und zu glauben, dass es geht. Vielleicht ist es auch noch zu früh, dass Du mit einer relativ kurzen „Diätkarriere“ für Dich die Erkenntnis schon machen konntest, dass Du mit Diäten nicht weiterkommen wirst.
Im Übrigen, dies ist kein Freifahrtschein, Dich komplett gehen zu lassen. Im Gegenteil. Mit einem Stoffwechsel, der dazu neigt, Pfunde anzusetzen, ist es schon einer Herausforderung nicht zuzunehmen. Ganz davon abgesehen, dass es jeder Körper verdient, gesund ernährt zu werden. Denn auch wenn er dick ist, so soll er doch möglichst gesund sein. Nebenbei, ich bin überzeugt, dass einige der Krankheiten, die man dem Übergewicht zuschreibt, wenig mit dem Gewicht als solchem zu tun haben, sondern viel mehr mit den damit verbundenem schlechten Körpergefühl und der fehlenden Fürsorge für den eigenen Körper. Ganz zu schweigen, von der Selbstverachtung, die grundsätzlich nicht gesund sein kann.
Also, auch als dicker Mensch, gilt es für den eigenen Körper zu sorgen. Gut zu sorgen. Ich glaube, die Grundregeln einer guten Ernährung kennst Du, oder? Viel Gemüse und Obst, wenig Zucker und Fett usw. Da bin ich sogar mit Deiner Biolehrerin einer Meinung, wenn ich es auch hoffentlich anders rüberbringe. Entsprechend nehme ich an, ich muss das nicht alles ausführen, ganz davon abgesehen, dass ich mich auch nicht hundertprozentig auskenne und die Tipps sich ja dann auch immer wieder ändern. Aber mit Obst und Gemüse fahre ich zumindest gut. Und Bewegung gehört eben auch dazu. Das hatten wir ja auch schon irgendwann mal. Und eben nicht Bewegung, um möglichst viel abzunehmen. Sondern alleine aus dem Grund, dass auch wir dicken Menschen einen Körper erhalten erhaben, der dazu da ist bewegt zu werden. (Wenn sich das auch manchmal wie ein Paradox anfühlt, wenn man die Massen in Bewegung bringen will). Und als kleiner Trost für Dich: Manchmal nimmt man dabei auch ab. Ich will hier nicht so verstanden werden, als ob das dann schlimm sein. Aber ich habe es als sehr hilfreich für mich erlebt, nicht mehr alles unter dem Diktat der Waage zu unternehmen, sondern weil es mir gut tut. Wenn die Waage daraufhin nach unten ausschlägt, umso besser. Wenn sie es nicht tut, haben mir gesunde Ernährung und Bewegung aber trotzdem gut getan.
Soviel erstmal zum Körper. Hoffentlich kommen meine Gedanken nicht allzu sehr als Predigt rüber. In meiner nächsten Mail würde ich Dir auch noch was zur Selbstachtung an sich schreiben. Wenn Du magst. Denn wenn es zu sehr als Moralpredigt einer alten Tante ankommt, dann höre ich damit lieber auf und wir schreiben uns zu anderen Themen.
Und hier und heute muss ich Schluss machen. Ich hab nämlich Hunger und muss jetzt mal zu Abend essen.
Sei ganz lieb gedrückt, meine Liebe
Grüße
Petra
Antje hatte ich Mail jetzt gleich mehrmals gelesen. In ihr war nichts als Widerwillen. Das was ihre Tante ihr da vorschlug, konnte doch nicht eine ernsthafte Möglichkeit für ihr Leben sein. Heute abend konnte sie wenigstens nicht antworten. Sie hatte Angst, Petra zu sehr vor den Kopf zu stossen. Sie würde morgen nachmittag antworten und jetzt erstmal schlafen.
Am nächsten Nachmittag setzte sich Antje wieder vor den Rechner und schaute nochmals auf die Mail. Nein, auch heute konnte sie den Traum von einem ganz normalen, schlanken Leben nicht einfach so aufgeben.
