Im Verein sind wir uns einig - die Jugend ist die schwierigste Zeit für dicke junge Frauen. Der Körper entwickelt sich und wenn man da nicht in die Norm passt, gibt es viele Zweifel und falsche Körperbilder. Unsere Vorsitzende hat für dicke Menschen ein kleines Buch geschrieben, welches gerade erschienen ist. Aus diesem Buch - einem Mailwechsel zwischen Nichte und Tante, veröffentlichen wir hier wechselnde Abschnitte.
Aus "Schwierige Bilder"
Liebe Antje,
na, das hört sich ja nach keinem schönen Biologie-Unterricht an. Schade eigentlich – aber bei dem Thema ist „Gut gemeint“ wahrscheinlich wie so oft eben nicht „Gut“. Wenn Du den Mut hast, könntest Du ja mal nach wissenschaftlichen Zahlen fragen, wie viele Diäten wirklich langfristig geholfen haben. Und welche das waren? Und wie man dies wissenschaftlich festgestellt hat. Denn viele Studien werden versteckt durch die Diätindustrie mitfinanziert und dann kann man sich natürlich auch ausrechnen, was bei solchen Studien rauskommt. Immerhin will ja auch die nächste Studie wieder finanziert werden – da steckt viel Geld dahinter. Deshalb muss man sich viele Ergebnisse genau anschauen – um nicht immer in die Ecke gestellt zu werden, bei allen anderen klappt es, nur bei Dir nicht.
Ich wäre gespannt, welche Antwort Dir Deine Biologie-Lehrerin gibt. Und ich hab umgekehrt viel Verständnis, wenn Du Dich nicht traust. Ich hätte mich in Deinem Alter auch nicht getraut, vielleicht sogar heute nicht – weil man sich irgendwie gleich in einer komischen defensiven Situation befindet. Obwohl das wahrscheinlich sogar mit ein Teil des Problems ist. Da alle dicken Menschen peinlich berührt schweigen, ändert sich die Meinung der anderen Menschen auch nicht und es bleibt die große Mähr im Raum stehen, mit ein bisschen Beherrschung wird es schon gehen.
Und wir ziehen uns beschämt in unsere Wohnungen, auf die Schultoilette oder sonst wohin zurück. Oh, ich würde es so gerne ändern – aber ich fühl mich auch oft alleine und zu schwach dafür.
Vielleicht bringst Du den Mut ja auf?
Na gut, ich seh ein, dass ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Möglicherweise hast Du ja auch Glück und das Thema wird gar nicht weiter behandelt. Wenn ich mich recht entsinne, wird auf dieses Thema doch gar nicht soviel Wert gelegt. Ich mein im normalen Lehrplan.
Übrigens finde ich es okay, dass Du die Hoffnung auf einen schlanken Körper noch nicht aufgegeben hast. Das habe ich mit 16 Jahren auch noch längst nicht getan, da habe ich sogar sehr von schlanken Tagen geträumt – und sie zwischendurch auch glatt immer mal ein paar Monate gelebt. Eine Freundin sagte dazu mal sehr passend: Ich kann mir einen schlanken Körper leihen, aber ich werde ihn nie besitzen.
Und dennoch, dass sind jetzt auch nur meine Erfahrungen und die dieser Freundin. Vielleicht ist es ja bei Dir anders. Vielleicht hilft es, wenn Du viel Sport treibst, Spaß an Bewegung entwickelst und Dich gesund ernährst. Letzteres finde ich übrigens in jedem Fall wichtig. Ich versuch mich mit viel Obst und Gemüse zu ernähren – allein schon, weil ich auch in meinem dicken Körper möglichst gesund leben will.
Ach ja, Du hast mich ja noch nach meiner Gesundheit gefragt. Deine Mutter hat schon Recht, das waren die erwähnenswerten Krankheiten, die ich bisher hatte. Gott sei Dank! Und das mit dem Beinbruch habe ich ja nun wirklich selbst verschuldet. Bei Glatteis rauszugehen war einfach eine selten dämliche Idee.
Daneben habe ich schon auch immer mal mit Zimperlein zu tun, die auch etwas mit meinem Gewicht zu tun haben werden. Manchmal tut mein rechtes Knie weh und der Rücken fühlt sich auch nicht mehr so an, als ob er der jüngste wäre. Ich höre – bevor ich mir dazu ein schlechtes Gewissen mache – immer sehr genau hin, was dünne Freundinnen so zu ihren Problemen mit Rücken und Kniegelenken zu berichten haben. Und danach können diese Probleme wohl auch mit dem Gewicht zu tun haben, es können eben aber auch immer viele andere Ursachen sein. Denn die nicht so schweren Menschen können von all diesen Beschwerden auch ein Lied singen.
Zum Arzt gehe ich aber tatsächlich ungern. Ich hasse dieses Gefühl, statt einer echten Untersuchung eine Musterung von oben bis unten zu erfahren, die dann ohne eine ordentliche Diagnose in der Empfehlung endet, nehmen sie erstmal ab, dann werden ihre Schmerzen schon verschwinden. Unverschämt finde ich das und oft gehe ich dann da auch nicht mehr hin.
Neulich hat mich meine neue Hausärztin in einem etwas längeren Gespräch allerdings überrascht. Sie lobte mich dafür, dass ich so zu meinem Körper stehen würde und gab selbst zu, wie anstrengend sie viele Versuche von Frauen finden würde, ständig ihr Gewicht zu kontrollieren.
Nun muss ich hier wieder Schluss machen. Ich gehe heute abend noch mit Thorsten in die Oper und muss mich jetzt langsam fein machen. Ich hab ein neues Kleid und das will ich heute ausführen. Mal sehen, wie es Thorsten gefallen wird. Und ich bin natürlich auch auf die Oper gespannt, wir sehen ganz klassisch die Hochzeit des Figaros von Mozart, allerdings in moderner Ausführung. Dazu erzähle ich Dir in meiner nächsten Mail mehr. Dir einen schönen Abend und halt die Ohren steif.
Liebe Grüße
Petra
Nach dieser Mail hörte Petra lange nichts von Antje. Nachdem sie viele Male ihren Computer angemacht hatte und nach einer Mail von Antje Ausschau hielt, begann sie sich langsam Sorgen zu machen. Antje war immer eine so fröhliche, ja und auch zuverlässige Nichte gewesen. Petra wunderte sich und war nah dran, selbst eine weitere Mail hinterherzuschicken – da kam die lang ersehnte Mail auf dem Computer an.
Hallo Petra,
sorry, dass ich einige Tage nicht gemailt habe – aber ich hatte Stress. Wir haben heute in Englisch eine Arbeit geschrieben und ich musste da doch noch ziemlich viel für lernen. Ich glaube, es ging ganz gut heute – obwohl ich mir bei einigen Worten echt nicht ganz sicher war.
Und bevor Du mich fragst, ja es ging mir auch mit unserem Thema nicht ganz so gut. Aus der Nebenklasse hat ein Typ wieder so eine dumme Bemerkung über mich gemacht. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Weg vom Schulhof nach draußen und mitten aus einer Gruppe ruft er mir hinterher, ich solle aufpassen, dass das Fahrrad auch hält. Alle haben gelacht und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Es war so peinlich und ich kam mir so blöd vor. Der ganze restliche Tag war versaut und ich habe mich nur gehasst. Ich seh doch einfach auch fett aus. Und wie viel Kilos können Fahrräder eigentlich tragen?
In jedem Fall – ich will das nicht mehr. Ich will mich in diesem Körper nicht mehr. Ich möchte ein ganz normales Leben führen und nicht immer irgendwelche Klamotten tragen müssen aus Geschäften, in die sonst keiner außer mir rein muss. Bei Ärzten möchte ich auch nicht immer wieder darauf angesprochen werden, dass ich zu dick bin. Ich mein, dass weiß ich doch selber. Wenn sie dann Mama mit bedächtiger Miene anschauen und sagen, da sollten wir mal was machen. Und dann aber eigentlich auch selten tatsächlich brauchbare Informationen rausrücken, was denn jetzt „Was machen“ eigentlich heißt.
Nee Petra, mir geht es gerade nicht gut. Ist doch alles sehr bescheiden im Leben.
Mach´s erstmal gut Antje
Als Antje die Mail abgeschickt hatte, legte sie sich erstmal auf ihr Bett und vergoss ein paar leise Tränen. Eigentlich neigte sie nicht zu Selbstmitleid, aber ihr war superelend zu Mute. Sie wollte so gerne schlank sein und endlich überall mitmachen können. Stattdessen erzählte Petra ihr etwas von immer dick bleiben, immer als Tonne durchs Leben rennen. Beim letzten Gedanken musste sie allerdings ein bisschen selbst stutzen, da sie nur sich selbst als Tonne sah, ihre Tante war irgendwie keine Tonne. Da gab es einen Unterschied. Aber – der half ihr jetzt auch nicht weiter. Das Leben war trostlos.
Liebe Antje,
na, das war ja keine erfreuliche Mail von Dir. Hoffentlich war wenigstens Deine Englischarbeit ein Erfolg. Aber selbst wenn, dass ist wahrscheinlich ein schwacher Trost, oder?
Ich kann Dich gut verstehen und würde Dir jetzt so gerne sagen, mach Dir nichts aus so blöden Bemerkungen. Aber ich weiß, dass man sich was draus macht! Das es weh tut und einen nun mal zutiefst verunsichert. Auch wenn ich Dir dann doch sagen will, dass der Typ voll blöd ist und es kein besonderes Zeichen von persönlicher Stärke ist, sich über andere Menschen lustig zu machen. Egal ob dick oder besonders klein, pickelig oder was auch immer – ziemlich sicher ist er selbst sehr unsicher, dass er sich auf diese Weise Bestätigung holen muss. Und obwohl ich das hier schreibe, weiß ich dass es weh tut – sehr weh sogar. Und ich kann nur zu gut verstehen, wenn es Dich ein paar Stunden oder sogar Tage runterzieht.
Ob es Dir hilft, Dir dumme Antworten einfallen zu lassen? Manchen gibt das ja viel Bestätigung, in solchen Fällen zurückzurufen: „Na lieber einen dicken Körper als so wenig Gewicht im Kopf.“
Trotzdem, meistens fallen einem die entsprechenden schlagfertigen Antworten ja leider immer erst später ein – und dann ist es fast ein bisschen zu spät. Obwohl es sicherlich auch hilft, sich selbst die Antwort nochmal laut vorzusagen.
In jedem Fall, liebe Antje, ich fühle mit Dir und kann mich selbst nur allzu gut an solche Situationen in meinem Leben erinnern.
Ich glaube übrigens, dass Dein Fahrrad Dich in jedem Fall tragen wird. Wenn ich das recht weiß, sind sie schon auf ziemlich viel Gewicht ausgelegt. Aber die Frage hast Du auch nicht wirklich ernst gemeint, oder?
So und Du willst also nicht mehr in den Geschäften für große Größen einkaufen. Aus meiner Sicht ist das übrigens schon viel besser geworden. Ich weiß noch, wie ich mit 14 auf einer Austauschfahrt in England meine erste Jeans gekauft habe. Die gab es für meine Größe damals in Deutschland schlicht nicht. Ich hatte überwiegend Cordhosen an, nicht weil ich sie toll fand sondern weil es einfach nicht viel anderes gab. Da bist Du heute schon viel besser dran. Obwohl es schon faszinierend ist, wie wenig die Modeindustrie auf eine ziemlich große Käuferinnenschicht eingeht.
Wo kaufst Du denn Deine Kleidung ein? Geht Mama (etwa) noch mit oder gehst Du alleine? Ich bin als junge Frau immer super ungern mit Deiner Mutter zusammen losgezogen. Sie war ja eher schlank und hat immer leicht Kleidung gefunden. Ich dagegen fand es schon furchtbar, mich in der Umkleidekabine nur umzuziehen. Ganz zu schweigen von dem Standardsatz, wenn ich wieder raus gekommen bin: „Zu eng!“.
Ich bin dann lieber alleine losgezogen.
Hast Du schon mal darüber nachgedacht, einen Nähkurs zu machen? Ich bin da leider nicht besonders talentiert, aber das muss ja für Dich nichts heißen. Und mit ein bisschen Talent könntest Du Dir doch auch das eine oder andere selbst nähen. Ganz davon abgesehen, dass es ja doch schon das eine oder andere Geschäft gibt, wo es ganz vernünftige Sachen gibt, oder?
Erwartest Du auf Deinen Aufschrei „Du willst abnehmen“ wirklich von mir eine Antwort? Dazu fällt mir leider nicht viel ein.
Sag mal, machst Du eigentlich Sport? Bewegung ist ja schon auch ein Schritt damit Du nicht weiter zunimmst und Deinem Körper was Gutes tust. Denn das ist, obwohl Du ihn nicht magst, schon auch wichtig.
Ich geh oft schwimmen, weil ich es toll finde, wie frei ich mich im Wasser bewegen kann. Immerhin trägt das Wasser durch den Auftrieb ja viele Kilos. Ob einfaches Bahnen schwimmen oder ein bisschen Stretching und Bewegung am Rand – ich find beides gut.
Leider komm ich nicht so oft dazu, wie ich es gerne würde. Manchmal nehme ich mir vor, jeden Tag vor der Arbeit schwimmen zu gehen. Von den Öffnungszeiten des Bades würde es ja gehen, aber mein Schweinehund protestiert, wenn ich eine Stunde früher aus dem Bett will.
Und wenn ich mal einen Blick auf die Uhr werfe, da muss ich jetzt auch dringend hin – sonst komme ich morgen auch eine Stunde später nicht raus.
Gute Nacht Petra
Antje tröstete es beim abendlichen Lesen etwas, dass auch ihre Tante so was wie einen Schweinehund kannte. Sie war noch ziemlich wach und machte sich gleich an eine Antwort – zumal sie alleine zuhause war und der Rechner ganz zu ihrer Verfügung stand.

