Genug geschämt
Ein Gastbeitrag von © Patricia Wendling (15.06.09), im Original auf der Seite www.Wolfsmutter.com erschienen.

Ab sofort werde ich Dicken-Aktivistin
Der heutige Schlankheitsterror trifft Frauen und Mädchen bis ins Mark. Wie tief, das lässt sich an der zunehmenden Diskriminierung dicker Menschen erahnen. - Ein Aufruf aus dem Diätenwahnsinn auszusteigen.
Als ich im Alter von 10 Jahren von meiner Mutter auf Diätferien geschickt wurde, begann ich mich für meinen Körper und für die Lust am Essen zu schämen. Mit 11 fassten mir Burschen zum ersten Mal an meinen Hintern und machten sich mit den Worten “Du hast aber einen großen Arsch!” über mich lustig. An diesem Tag begriff ich, dass Mädchenkörper ungehindert taxiert, verglichen und betatscht werden dürfen und dass ich vorsichtig sein müsse. Als ich schließlich mit 19 von meiner Au-pair-Arbeitgeberin gefragt wurde, ob ich denn niemals einen Mann haben wolle, weil dazu müsste ich ja schließlich abnehmen, war der Hass auf meinen eigenen Körper schon so groß, dass ich ihr glaubte. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, weiß ich, dass es unzähligen Mädchen und Frauen genauso geht und ich beginne langsam zu erahnen, dass es Kriegszeiten sind, in denen wir leben. Der Schlankheitsterror fährt schwerstes und mittlerweile immer undurchschaubareres Geschütz auf um sein einziges Ziel zu erreichen, der Dicken Tod.
Gewichtsdiskriminierung
Neben der gesellschaftlichen Ächtung dicker Menschen, die von “Blade Sau!”-Beschimpfungen auf der Straße über die mediale Verspottung durch dickenfeindliche Werbung (Stichwort: tele.ring Kampagne “Weg mit dem Speck!”) bis hin zu dem unumstößlichen Vorurteil “dick =dumm, faul & krank” und den daraus folgenden Ratschlägeanmaßungen reichen, wird auch strukturelle Diskriminierung immer besorgniserregender. So wurde zum Beispiel von der Stadt Wien eine junge Frau als Kindergartenhelferin abgelehnt, weil sie mit 120kg Körpergewicht offenbar “nicht wendig genug sei und kein Vorbild für die Kinder sein könne” (siehe Help TV vom 18.07.2007). Auch bei vielen anderen ArbeitgeberInnen ist ein bestimmter Body-Mass-Index (BMI) Voraussetzung für eine Einstellung beziehungsweise Grund für eine Kündigung. An vorderster Stelle stehen: Fluggesellschaften, Landesregierungen, Polizei, Beamte, und die Fitness- und Modebranche.
An die Normierung der gesamten Warenerzeugnisse - insbesondere bei Kleidung, Möbel, Fahrzeugen oder medizinischen Geräten - haben sich viele von uns schon so gewöhnt, dass eine Veränderung in diesem Bereich kaum mehr vorstellbar scheint. Im Gegenteil, wir “verstehen” bereits Fluglinien, die Menschen, ab einem gewissen Körperumfang einen zweiten Sitzplatz in Rechnung stellen wollen, anstatt von den Flugzeugherstellern variable Sesselgrößen zu fordern. Auch das, zwar noch leise, aber doch deutlich vernehmbare, Ansinnen nach höheren Krankenkassenbeiträgen für dicke Menschen wird ernsthaft in Erwägung gezogen.
So ist es auch kaum verwunderlich, dass die im Jahr 2006 auf der Europäischen Ministerkonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterzeichnete “Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas” so gut wie überhaupt keine Gegenstimmen hervorgerufen hat. Dort heißt es unter anderem: “Die langfristige Zielvorstellung besteht darin, Gesellschaften zu schaffen, in denen eine durch gesunde Ernährung und Bewegung geprägte Lebensweise die Norm ist und in denen gesundheitliche Ziele und wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Ziele aufeinander abgestimmt ... werden.”
Das Argument “Gesundheit”
In keinem anderen Lebensbereich - außer vielleicht ansatzweise beim Rauchen - muss das Argument “Das ist ungesund!” so sehr herhalten wie beim sogenannten Übergewicht. In keinem anderen Lebensbereich gibt es so viele “ExpertInnen”, die mit wohlmeinenden Tipps um sich werfen, um dicke Menschen zum Abnehmen zu bewegen und sie zu “heilen”. Und nirgendwo sonst wird das Argument Gesundheit so missbraucht!
Ob oder ab wann Korpulenz ungesund ist oder nicht, weiß ich nicht. Dazu gibt es mittlerweile zu viele gegensätzliche medizinische Studien und auch Biografien. Wahrscheinlich soll das Körpergewicht bis zu 80 Prozent genetisch bestimmt und längerfristig nicht grundlegend veränderbar sein. Und wahrscheinlich sollen Stress und häufige Gewichtsschwankungen den Körper mehr belasten als ein stabiles Übergewicht. Das halte ich für plausibel und es deckt sich auch mit meinen eigenen Erfahrungswerten. Aber obwohl Gesundheit(saufklärung) ein zweifellos unterstützenswertes Ziel ist, scheint mir dieses Argument doch nur vorgetäuscht um das eigentliche Ziel, nämlich die Überwachung der Bevölkerung, zu verschleiern. Niemals kann eine gesetzlich verordnete und damit bevormundende Körper- und Gesundheitsnorm das Ziel einer freien Gesellschaft sein. Das Ziel kann nur sein, dass allen Menschen - ob gesund oder krank, ob jung oder alt, ob fähig oder andersfähig, ob schwarz oder weiß, ob dick oder dünn, ob hetero- oder homosexuell - ein Grundvertrauen entgegengebracht wird und die Möglichkeit, selbstbestimmt über den eigenen Körper zu entscheiden. Mit dieser eigenen Entscheidung hat jede und jeder das Recht, glücklich und zufrieden und in Würde leben zu können, teilzuhaben am sozialen Gefüge und diese Welt mitzugestalten. Die Norm ist, dass wir Menschen verschieden sind und eine Politik und eine Wirtschaft, die das ignoriert und sich weiterhin an künstlich erzeugten, einheitlichen Größen und Maßstäben orientiert, ist als menschenverachtend zu bezeichnen.
Warum also wird so vehement aggressiv, ja fast schon militant fanatisch an einem Schlankheitsdiktat festgehalten?
Zum einen mit Sicherheit aus wirtschaftlichen Interessen. Einheitsgrößen und Unisexprodukte sind billiger in der Herstellung und bringen mehr Profit. Darüber hinaus erzielen Pharmaindustrie, Ästhetische Medizin und der Fitnessmarkt mittlerweile Milliardenumsätze beim Geschäft mit der Traumfigur. Und der Staat verdient daran. Wären Regierungen nämlich tatsächlich um die Gesundheit ihrer BürgerInnen besorgt, würden nicht nur Naturheilkunde, biologische Landwirtschaft oder die pflanzliche Artenvielfalt ausreichend gefördert und damit auch leistbarer werden, sondern auch die wirklichen Krankmacher wie Armut, Erwerbsarbeitszwang, Umweltverschmutzung, Gewalt, Kriege oder auch Leistungssport endlich der Vergangenheit angehören. Dass Diätmittel und Diätpläne an dem Anstieg von Essstörungen mit Schuld tragen, steht mittlerweile wohl ebenfalls außer Frage.
Zum anderen wurzelt die Pflicht zur Disziplinierung des Körpers auch in der Religion. Sowohl das Christentum und Judentum als auch der Buddhismus gehen von einer Spaltung des Menschen in Körper und Geist aus und dabei wird der Geist immer dem Körper übergeordnet. Der Geist oder Verstand gilt als “rein” und “gut”, der Körper oder das Fleisch gilt als “unrein” und “böse”, das - sich selbst überlassen - zum unkontrollierbaren Monster wird. So gelangen dann Worte wie “Sünde” in den allgemeinen Sprachgebrauch um ein Stück Kuchen zu beschreiben oder “abarbeiten” um sich von der Schuld, dieses Stück Kuchen gegessen zu haben, zu befreien. Besonders deutlich wird diese moralische Abwertung auch in der gleichzeitig stattfindenden Sexualisierung und Fetischisierung runder Frauenkörper in der Sexindustrie einerseits und der Verbannung üppiger Frauen aus der Öffentlichkeit andererseits. Eine Doppelmoral, die als Angriff auf eine selbstbestimmte Frauensexualität zu verstehen ist. Die Botschaft ist klar, wenn ich ernst genommen und geachtet werden will, habe ich mein Gewicht unter Kontrolle zu halten und meinen Körper und seine Bedürfnisse so gut es geht auszuschalten, andernfalls gelte ich als ungezähmte, unersättliche und obszöne “Hure”, die von außen unter Kontrolle gebracht werden muss. Ein freier und lustvoller Umgang mit dem eigenen Körper und eine aktive, selbstbestimmte Sexualität jenseits von Männerphantasien und Schönheitsidealen ist für Frauen nicht vorgesehen.
Deshalb ist der Schlankheitsterror letztendlich auch ein bewusstes Unterdrückungsmittel um Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten und richtet sich in patriarchalen Gesellschaften vorwiegend gegen Frauen und Mädchen. Denn solange ich damit beschäftigt bin, mich zu schämen und meinen Körper an gesellschaftliche Normen anzupassen, werde ich mich nicht erheben, um diese Normen aufzubrechen und meine Rechte einzufordern. Die kollektive Verachtung und permanente Ermahnung dicker Frauen und Mädchen erzeugt einen lebenslangen, psychischen Druck, der die Beziehung zum eigenen Körper und das Selbstwertgefühl vollkommen zerstören kann und wertvolle Ressourcen blockiert. Und zwar nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern bei fast jeder Frau unabhängig von ihrem Gewicht.

“Riot, don't diet!”
Dicke Frauen, die sich dazu entschließen aus dieser erniedrigenden Schlank-sein-um-jeden-Preis-Spirale auszusteigen und stolz verkünden: “Wir sind dick und haben nicht vor, das zu ändern!”, treffen sehr schnell auf Unverständnis und Gegenwind. Aber - und das ist die gute Nachricht - sie sind auf dem Vormarsch, die Dicken-Aktivistinnen, nicht nur im Mutterland der Fat Acceptance Bewegung USA, sondern auch in Mitteleuropa.
Neben prominenten Einzelfrauen, die selbstbewusst ihre Rundungen zeigen - wie zum Beispiel die Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die Komikerin Hella von Sinnen, die Sängerin Beth Ditto oder das Plus-Size-Model Velvet d'Amour - und verschiedensten Projekten von und für Betroffene, die helfen, die Schönheit des eigenen Körpers zu entdecken, gemeinsam Strategien für den Alltag zu entwickeln, Kontakte zu knüpfen oder Sport zu betreiben - wie zum Beispiel Gisela Enders Buch “Dick das Leben leben”, die Internetplattform RundNaUnd.ch oder der Kurs Dick und Fit im Frauengesundheitszentrum Graz - entstehen auch politische Initiativen wie die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Stephanie von Liebenstein, die Vorsitzende des Stuttgarter Vereins, antwortete erst kürzlich in einem Focus-Interview auf die Frage “Besteht die Gefahr, dass die Existenz Ihres Vereins die Diskriminierung provoziert?”: “Das ist eine ähnliche Frage wie die, ob Gleichstellungsbeauftragte die Diskriminierung von Frauen fördern. Sicherlich sorgt unser Verein mit dafür, dass eine in Deutschland bisher wenig organisierte Gruppe von Menschen, die bislang glaubten, ihre Figur sei ihr privates Versagen, eine gesellschaftlich wirksame Identität erhält.” und macht damit das Ziel der Lobbygruppe klar, nämlich für die Rechte von dicken Menschen, besonders in den Bereichen Medizin, Arbeit und Medien, zu kämpfen.
Feministische FrauenLesbenInitiativen, die die Verbindung von Sexismus, Schönheitsidealen, Essstörungen und der Unterdrückung dicker Frauen aufzeigen und deren Basis die generelle Befreiung und Achtung des Frauenkörpers ist - wie es beispielsweise in den 1970/80er Jahren “Fat Underground” oder “Fat Lip Readers Theatre” in Kalifornien oder die Fat Women's Gatherings organisiert von Feministinnen innerhalb der NAAFA (National Association to Advance Fat Acceptance) waren - muss frau hierzulande noch mit der Lupe suchen. Eine ist gerade in Begriff zu Entstehen, die Feministische Aktionsgruppe dicker Frauen in Wien ruft derzeit Dicken-Aktivistinnen zum Zusammenschluss auf. Ich bin dabei.

