Vorurteilsfreie Therapie - ein Leitfaden für TherapeutInnen und Klienten
Eigentlich wurde dieser Text für Therapeuten geschrieben, die mit dicken Menschen arbeiten. Denn leicht tappen auch Therapeuten in ihre eigenen Sichtweisen und Vorurteile und behandeln dicke Menschen nach eher starren stereotypen Bildern.
Wenn sie selber auf der Suche nach einem Therapeuten sind oder sich in einer Therapie befinden, dann ist dieser Leitfaden natürlich insofern hilfreich, als daß sie gezielt nach Sichtweisen und
Erkenntnissen der Therapeutin oder des Therapeuten fragen können und so im Vorfeld über ihre oder seine Qualifikation informiert sind. Im laufenden Prozess der Therapie können sie immer wieder
auf die Sichtweisen achten und für sich selbst überprüfen, ob Aussagen auf sie tatsächlich zutreffen oder vielleicht eher Stereotypen bedienen.
Und nun geht´s los - es handelt sich übrigens um einen stark überarbeiteten Flyer von NAAFA aus Amerika:
Bevor ein Psychotherapeut oder eine Therapeutin beginnt, mit einem dicken Menschen zu arbeiten, ist es wichtig, daß er oder sie sich über die Situation bewußt ist, in der sich dicke Menschen in dieser Gesellschaft befinden. Die meisten von ihnen haben gesellschaftlich gebilligte Vorurteile erfahren. Je dicker die entsprechende Person ist, desto wahrscheinlicher steht sie im täglichen Leben massiven Vorurteilen gegenüber. Wie bei allen Menschen, die Zielscheiben von Vorurteilen sind, kann ein dicker Mensch diese Diskriminierungen verinnerlicht haben, mit der Folge von niedrigem Selbstwertgefühl, sozialer Isolation, Passivität oder Selbsthaß. Dies sind bedeutende Bereiche für die therapeutische Intervention. Grundsätzlich hat nicht jeder dicke Mensch, der therapeutischen Rat sucht, ein Problem mit seinem oder ihrem Körpergewicht und folglich muß nicht unbedingt der Bedarf bestehen, dieses Thema zu bearbeiten.Es ist wichtig, daß der Therapierende sich mit jeglichen eigenen Vorurteilen gegenüber dicken Menschen auseinandersetzt, ebenso wie mit der häufig verinnerlichten Annahme, daß alle Menschen schlank sein wollen und es auch sein könnten, wenn sie es nur wollten. Es ist wichtig zu realisieren, daß es einen Unterschied gibt zwischen der Situation einer „normalgewichtigen“ Person, die über längere Zeit über ihren Bedarf gegessen hat und 4 oder 5 kg verlieren möchte, und der Situation einer dicken Person, die über viele Jahre ein sehr hohes Gewicht behält.
Die meisten dicken Menschen sind nicht nur aufgrund einer klar zu diagnostizierenden Ursache dick. Zumindest werden sie selbst keine klare Antwort auf diese Frage geben können und es wird sich wissenschaftlich medizinisch wahrscheinlich auch nicht herausfinden lassen. Aber: Da nahezu alle dicken Menschen mindestens einmal in ihrem Leben eine Diät gemacht haben, aller Wahrscheinlichkeit nach aber öfter, haben fast alle dicken Menschen auch aufgrund des Jo-Jo-Effekts zugenommen. Aus diesem Grund ist es besser, dicke Menschen zu unterstützen, sich gesund zu ernähren, anstatt sie zum Diäthalten aufzufordern, was nicht nur ineffektiv ist, sondern sich häufig auch nachteilig auf ihre Gesundheit auswirkt.
Mögliche Vorurteile gegenüber dicken Menschen können folgende pauschale Annahmen sein. Sie können auf eine Person zutreffen, sie treffen aber garantiert nicht auf alle dicken Menschen zu.
Vorurteil 1: Alle dicken Menschen haben eine Eßstörung.
Einspruch: Nur ein kleiner Teil dicker Menschen ist eßsüchtig, was sich durch ständigen Zwang und Kontrollverlust gegenüber dem Essen auszeichnet. Dies ist eine ernste Störung, die eine ähnliche Behandlung wie jede andere Sucht erfordert. In eine andere Kategorie einzustufen sind sporadische Heißhungeranfälle, die bei Menschen jeder Gewichtsklasse auftreten und ein Signal des Körpers auf ein biochemisches Ungleichgewicht oder ein Signal der Seele auf eine gelegentlich auftretende psychische Belastung sind. Sporadische Heißhungeranfälle treten häufig als Reaktion auf Diäten auf, und neigen dazu zu verschwinden, wenn die betreffende Person mit dem Diäten aufhört. Weiterhin zeigen Studien, daß dicke Menschen insgesamt im Vergleich zu dünnen Menschen eher weniger essen.
Vorurteil 2: Dicke Menschen vermeiden oder sind im Konflikt mit ihrer Sexualität.
Einspruch: Sexuelle Ängste sind keine typische Eigenschaft von dicken Menschen. Viele Menschen, die dick sind, fühlen sich gut mit ihrer Sexualität und leben diese aus.
Vorurteil 3: Dicke Frauen wurden meistens sexuell mißhandelt.
Einspruch: Sexuelle Mißhandlung kommt bei Frauen jeden Gewichtes vor. Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einen Zusammenhang zwischen der Erfahrung von sexueller Mißhandlung und Dicksein aufweisen. Es ist klar, daß es schädlich für den therapeutischen Prozeß ist, wenn der Therapierende von einer sexuellen Mißhandlung ausgeht, wo gar keine existiert.
Vorurteil 4: Es mangelt dicken Menschen an Willenskraft.
Einspruch: Es gibt keine Beweise dafür, daß die Unfähigkeit abzunehmen in Relation zu der Willenskraft der betreffenden Person steht. Viele dicke Menschen unserer Gesellschaft haben Jahre mit Diäten verbracht (und zeigen damit Willenskraft) und haben bedeutende Mengen an Gewicht verloren. Das Versagen, dieses niedrigere Gewicht zu halten, steht vor allem in Relation zu dem biologischen Widerstand gegen Gewichtsveränderungen. Ständiges Entsagen von Nahrung bedeutet einen ewigen Kampf zwischen dem Willen des Einzelnen und dem biologischen Mechanismus, der das Körpergewicht bestimmt.
Vorurteil 5: Schlanksein löst alle Probleme
Einspruch: In unserer Gesellschaft werden wir dazu verleitet zu glauben, daß ein schlanker Körper physisches und seelisches Wohlbefinden symbolisiert. Viele dicke Menschen und – unglücklicherweise - manche Therapeutinnen haben diesen Punkt unreflektiert als Wahrheit angenommen. Tatsächlich sind die Menschen aber wesentlich komplexer, und die Probleme werden nicht durch einen schlanken Körper gelöst. So wie Dünnsein kein Wohlbefinden garantiert, ist Dicksein kein Anzeichen von psychischer Labilität. Es ist möglich, ein ausgeglichener Mensch zu sein ungeachtet des Gewichts!
Vorurteil 6: Dicke Menschen brauchen eine Schutzzone zwischen sich und ihrer Umwelt
Einspruch: Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch dick sein kann. In manchen Fällen braucht der betreffende Mensch eine Schutzzone. Es ist falsch zu glauben, daß dies für alle Menschen zutrifft. Und es ist erniedrigend für einen Menschen, der keine Schutzzone braucht, wenn ihm diese Vorstellung vermittelt wird, weil der Therapeut möglicherweise davon ausgeht, daß dieses Vorurteil eine Tatsache sei.
Wichtige Aspekte in der therapeutischen Arbeit
Individuelle Probleme mit dem Klienten aufarbeiten.
Obwohl nahezu alle dicken Menschen in unserer Gesellschaft Diskriminierungen ausgesetzt sind und somit ihre Erfahrungen sie miteinander verbinden, sind alle Menschen, ob dick oder dünn, Individuen. Für Therapeutinnen ist es wichtig, über die äußere Erscheinung einer Person hinaus zu sehen und ihr zu helfen, die individuellen Konflikte zu lösen, ob sie nun mit dem Gewicht zu tun haben oder nicht.
Ungerechtfertigte Diskriminierungen klären.
Die Menschen werden durch den Schlankheitswahn der Gesellschaft so manipuliert, daß es schwierig ist zu erkennen, in welcher subjektiven und entwürdigenden Art der dicke Mensch dargestellt wird.
Viele dicke Menschen fangen an zu glauben, was sie über dicke Menschen hören, anstatt darauf zu achten, was sie selbst erleben.
Sie verinnerlichen Vorurteile, beispielsweise, daß sie häßlich, dumm, sexuell unattraktiv, willensschwach und generell wertlos seien. Als eine Folge davon leiden manche unter einem starken
Selbsthaß. Eine der Aufgaben der Therapeutin sollte sein, der Klientin erkennen zu helfen, in welchen Bereichen sie Opfer von Diskriminierungen ist, und ihr zu helfen, ein realistisches Bild von
sich selbst zu bekommen.
Stärkung des eigenen „dicken“ Ichs
Alle Menschen brauchen ein gutes Selbstwertgefühl, um ein gesundes psychisches Wohlbefinden zu besitzen. Die Gedanken vieler dicker Menschen drehen sich häufig um ihr Dicksein. Es ist wichtig, daß die Therapeutin der Klientin hilft zu sehen, daß sie mehr als nur ein dicker Körper ist und daß andere Dinge an ihr wichtiger sind. Es ist möglich, daß jemand mit sich und seinem Dicksein ins Reine kommt und so ein glückliches und erfülltes Leben führt. In diesem Prozeß ist es von äußerster Wichtigkeit, daß die Therapeutin nicht die Klientin dazu drängt abzunehmen. Statt dessen sollte sie die Klientin über die geringen Erfolgsaussichten eines langfristigen Gewichtsverlusts informieren. Dies kann auf Seiten der Klientin von großen Sorgen, Ärger, Frustration oder Verleugnung begleitet sein, aber es kann auch eine Erleichterung sein (weil es die Klientin von Schuldgefühlen oder dem Druck, Diät halten zu müssen, befreien kann). Es ist unrealistisch und oft kontraproduktiv, die Hoffnung zu unterstützen, daß die Klientin eines Tages schlank sein wird. Statt dessen sollte geholfen werden zu erkennen, daß sie auch als dicke Person ein Recht darauf hat, ihren Platz als aktives Mitglied der Gesellschaft einzunehmen.
Bearbeitung der fälschlicherweise angenommenen Schuld
Es ist wichtig, daß die Therapeutin die Vorstellung unterstützt, daß Dicksein niemanden zu einem schlechten Menschen macht. Weiterhin sollte sie sich der Schuld bewußt sein, die viele dicke Menschen wegen ihres Dickseins auf sich nehmen. Hier ist es ebenfalls wichtig, daß der Klientin geholfen wird zu verstehen, daß sie höchstwahrscheinlich ganz und gar nicht an irgend etwas „Schuld“ hat, weil ihr Dicksein kaum etwas ist, daß sie in großem Maße beeinflussen kann.
Besondere Aspekte in der Arbeit mit eßgestörten Menschen
Obwohl die gesellschaftliche Diskriminierung gegenüber dicken Menschen unabhängig von der Ursache des Dickseins ist, ist die Situation eßgestörter Menschen etwas anders als die der übrigen dicken Menschen. Inzwischen gibt es sehr viel Literatur zu der Thematik Eßstörungen, die für Psychotherapeutinnen verfügbar ist. Nichtsdestotrotz möchten wir kurz auf die folgenden beiden Aspekte im Umgang mit Eßsüchtigen eingehen: Es ist sehr wichtig, daß das hauptsächliche Augenmerk auf den persönlichen Problemen der Klientin liegt! Es kann für den therapeutischen Prozeß schädlich sein, wenn die Therapeutin entweder erst einen Gewichtsverlust verlangt, bevor die Therapie begonnen wird, oder die Klientin während der Therapie zu einer Diät drängt. Der Grund hierfür liegt darin, daß nicht das „Gewichtsproblem“ die hauptsächliche Ursache für die Probleme der betreffenden Person darstellt. Außerdem wird eine Diät, also eine weitere Nahrungskontrolle, das bereits existierende Ungleichgewicht einer Eßsucht nicht lösen können. Manche Eßsüchtige verlieren an Gewicht, während die Therapie voranschreitet. Andere nicht. Die Ursachen hierfür sind komplex und können bei jedem unterschiedlich sein. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, daß die Person eine oft lange Diätkarriere hinter sich hat. Während des Diäthaltens hatte sie häufige Gewichtsschwankungen aufgrund des Jo-Jo-Effekts. Der höchste Punkt wird vom Körper erstemal wieder als das Ziel angestrebt.
Die Lektüre dieses Buches wird Ihnen schon einiges an wesentlichem Hintergrund geliefert haben, um Ihre dicke Klientin so zu sehen, wie sie wahrscheinlich auch eine schlanke Klientin sehen werden, als ein komplexes spannendes Individuum, mit zahlreichen Problemen, die unterschiedlichster Hilfestellungen verlangen.
Bilder mit dem Quellennachweis Pixelio stammen vom Anbieter www.pixelio.de.
