Interview mit Sabine Asgodom


Frau Asgodom, Sie haben gerade ein neues Buch herausgebracht mit dem schönen Titel „Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot“.  Wie kam es zu diesem Buch?

Dicksein ist mein Lebensthema. Seit ich 13 war, habe ich Diäten gemacht und habe 25 Jahre den Stempel „Zu dick“ getragen. Jetzt war Zeit, damit aufzuräumen. Es ist also mein „Leib-und Magen-Buch“, könnte man sagen.

Viele dicke Frauen klagen, dass ihnen besonders in der Familie und am Arbeitsplatz immer wieder mit verbalen Seitenhieben deutlich gemacht wird, dass sie mit ihrem Körper nicht dazugehören. Welchen Rat geben sie in solchen Situationen, damit das Selbstbewusstsein möglichst wenig angegriffen wird?

 „Ja, ich bin dick“ ist ein guter Schutz gegen alle Angriffe und Frotzeleien. In meinem Buch beschreibe ich fünf Ursachen für Dicksein, die uns aus der „Schuldfalle“ holen: von „Talent“, den Anlagen zum Dicksein; über „Trance“, dickmachender Ess-Gewohnheiten; „Trotz“, also dem Widerstreben, sich anzupassen; „Turbulenzen“, dem nachweisbaren Dickmacher Stress; bis „Traurigkeit“, dem Gefühl, eine Diät-Versagerin zu sein.  Ich selbst habe schon weit über 120 Kilo gewogen und mir war es so wichtig, mit den gängigen Vorstellungen von „fett, faul und gefrässig“ aufzuräumen.

 

Erleben Sie selbst Situationen, in denen Ihnen deutlich gemacht wird, dass Sie jetzt deutlich erfolgreicher sein könnten, wenn Sie den gesellschaftlichen Normen mehr entsprechen würden? Verletzt Sie das?

Ja, es hat mich oft gekränkt, vor allem in jüngeren Jahren. Über blöde Bemerkungen, unterschätzt zu werden, mich ärgern zu müssen über enge Stühle oder zu kurze Anschnallgurte im Flugzeug. Und natürlich bei jedem Gang in eine Boutique mit dem arrogant-gequälten Blick der Verkäuferinnen. Ich habe ja viele Jahre bei Frauenzeitschriften gearbeitet, und es war sehr kränkend zu erkennen, dass ich als Dicke niemals Chefredakteurin werden würde. Ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen und habe mich mit 46 selbstständig gemacht. Übrigens die beste Entscheidung meines Lebens!

Vor allem hat mich die Unterstellung gekränkt, ich bin bloß zu blöd (oder faul) zum Abnehmen. Die meisten dünnen oder essdisziplinierten Menschen haben doch keine Ahnung, was die meisten Dicken alles schon versucht haben, um abzunehmen, und wie sehr sie sich selbst quälen. Uns muss man gar kein schlechtes Gewissen machen, die meisten von uns haben es schon.

 

Und wie gehen Sie damit um?

Mit 38 Jahren habe ich beschlossen, mich so  zu mögen, wie ich bin, sprich, zu akzeptieren, dass ich dick bin. Dies ist ein Prozess, und ich bin meinem Ziel schon sehr nahe gekommen. Ja, ich mag mich heute, wie ich bin. Andere sind groß und dünn, ich bin klein und dick. Andere haben blaue Augen, ich habe grüne Augen. Andere können Klavier spielen, ich kann andere Dinge. Wie sagen die Amerikaner so schön: „We come in different sizes“, ja, wir kommen in verschiedenen Größen auf die Welt!

Sie sehen sich also nicht als „Opfer“?

Nein, nein, nein. Ich bin verantwortlich für mich und mein Leben. Ich entscheide, wie ich mein Leben führe, niemand darf mir vorschreiben, wie ich zu sein habe. Und da kann ich wirklich fuchtig werden. Im „Knäckebrot“-Buch habe ich den Satz geschrieben, „Die Würde der Dicken ist unantastbar“! Jawohl. Niemand darf Dicke beleidigen. Und das sage ich auch in all meinen Vorträgen und Seminaren.

 

In unseren Selbsthilfegruppen  für dicke Selbstakzeptanz berichten Frauen immer gerne von der kleinen nagenden Stimme, die von Zeit zu Zeit und verstärkt im Alter sagt, man müsse jetzt doch mal, allein um der Gesundheit willen, abnehmen. Kennen Sie diese Stimme bei sich auch? Und wie gehen Sie damit um?

Ja, natürlich kenne ich die! Und ich achte sehr auf meine Gesundheit: Esse möglichst keine Fertigprodukte, koche Frisches, bewege mich  regelmäßig (ohne Sport zu machen), achte auf meinen Stress-Pegel. Aber ich unterscheide zwischen dick und krank. Es ist eine Unverschämtheit, dass dick gleich krank gesetzt wird. Auch eine dünne Frau mit Diabetes muss ihr Leben umstellen!

 

Ihr beruflicher Werdegang ist beachtlich und Sie haben sicherlich für viele Frauen eine erhebliche Vorbildwirkung. Haben Sie immer an Ihren Erfolg geglaubt? Oder ist der Ihnen nur irgendwie – wider aller weiblicher Zweifel – zugefallen?

Natürlich kenne ich Selbstzweifel und das Gefühl, nach einem Blick in den Spiegel mich nicht zu mögen. Aber soll ich Ihnen etwas verraten: Das geht dünnen Frauen genauso! Ich habe festgestellt, in dem Augenblick, als ich begann mir meine Pfunde zu verzeihen, habe ich eine andere Ausstrahlung bekommen, ich stehe gerader und meine Stimme ist fester, ich vertrete meinen Standpunkt und habe an Souveränität gewonnen. „Ja, guckt alle her. Hier steht eine dicke Frau, die klasse ist und erfolgreich und die etwas für alle Menschen zu sagen hat!“ Dieses Gefühl möchte ich anderen dicken Frauen vermitteln. Das heißt: Nicht verstecken, sondern sich zeigen!

 

Und wie können dicke Frauen lernen, sich zu mögen?

Dazu empfehle ich in meinem Buch die fünf L: Lieben lernen, nämlich sich selbst; Lust, die Lust am Leben anfachen; Leichtigkeit, Schwung bekommen für unser Leben; Laben, ich habe ein Programm für „gelassen Essen“ entwickelt; und Lachen, dicke Frauen können so herrlich lustig sein. Sie haben so viel mehr Selbstironie, nehmen sich nicht so furchtbar wichtig und sind in der Regel wunderbare Freundinnen!

 

Vielen Dank, Frau Asgodom, wir wünschen Ihnen und Ihrem neuen Buch viel Erfolg.

 

Das Interview führte Gisela Enders

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Kommentare: 1
  • #1

    Elke Standfuss (Donnerstag, 16 Dezember 2010 15:09)

    Schönes Interview und tolles Buch, das allen Frauen (und Männern) ans Herz gelegt sei. Manchen Inhalt kennt man schon, Frau Asgodom findet aber immer so eine schöne, verbale „Verpackung“. Außerdem findet der/die Ratsuchende neue Informationen und Denkansätze. Übrigens: Knäckebrot ist kein Schlankheitsfutter, hat (das erwähnt auch Frau Asgodom) mehr Kalorien als andere Brotsorten. Die Erfindung des Knäckebrotes geht ins Altertum zurück, man brauchte leicht zu transportierende und schwer verderbliche Nahrung für lange Fahrten und Feldzüge. Daher die Idee dieses komprimierten Brotes. In diesem Sinne: Mahlzeit ;-)!