Ein Brief an mein Fett

Pixelio.de von Wandersmann
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Liebes Fett!

Ganz einfach ist das nicht, einen Brief an Dich zu beginnen. Schon das Wort Fett fällt mir nicht leicht zu schreiben. Es ist ein schwer belastetes Wort in unserer Gesellschaft und eigentlich darf keiner etwas damit zu tun haben oder es gar besitzen. Aber eigentlich ist Fett kein Gift und da ich viel von Dir habe, denke ich mir, daß ich das Wort auch nicht mehr nur mit Abscheu verwenden will. Ob ich soweit bin, Dich als „liebes” Fett ansprechen zu wollen, darüber bin ich mir nicht so sicher.

Dieter Schütz  / pixelio.de
Dieter Schütz / pixelio.de

Wir sind schon lange zusammen. Du hast mir mein Leben auch oft sehr schwer gemacht. So wie Du an mir immer abgelehnt worden bist, habe ich Dich lange Zeit versucht zu verleugnen. Das war nicht leicht und eigentlich hat es nie richtig geklappt, auch wenn ich es immer vermieden habe in Spiegel und reflektierende Schaufenster zu schauen. Und ich habe versucht Dich nicht zu berühren. Wegen Dir habe ich viel Leid erlitten. Ich war immer auf hab acht Stellung in der Erwartung, daß eine blöde Bemerkung kommen könnte. So wahnsinnig viele waren es gar nicht, wenn ich denke, daß wir nun ca. 35 Jahre zusammen sind. Vielleicht waren es nur 1-2 Bemerkungen pro Monat. Aber das hat schon gereicht.

Die Qualität war wohl wichtiger als die Quantität. Und die andauernde Angst hat mir auch genug Kraft geraubt. Abwertende Blicke gab es dazu genug. Besonders hart waren immer die Bemerkungen von Ärzten. Und, daß meine Eltern Dich zum Tabuthema gemacht haben, als ob, wenn sie Dich nicht erwähnen, es Dich nicht gibt. Wegen Dir hat meine Mutter sich wohl als versagende Mutter gefühlt, und ich mich als Versagerin. Gekämpft habe ich wegen Dir tagtäglich. Ich wußte, daß ich überall im Minus anfing. Wer so fett ist, kann ja auch nichts taugen. Immer wieder habe ich versucht, anderen gegenüber zu beweisen, daß ich auch etwas wert bin. Es hat auch häufig geklappt. Nur das andauernde Kämpfen hat viel Kraft gekostet, unwahrscheinlich viel Kraft. 

 

Uta Herbert  / pixelio.de
Uta Herbert / pixelio.de

Ich habe hart gegen Dich gekämpft. Wenn ich meine Gedanken an Dich nicht verdrängen konnte, habe ich immer wieder versucht, Dich los zu werden. Es gab unzählige Diäten. Ich habe sie auch gut durchgehalten. Manchmal habe ich Dich auch reduzieren können. Aber eigentlich war die Menge, um die ich Dich reduziert habe, den Diät-Kampf nicht wert. Jedesmal, wenn ich wieder anfing halbwegs normal zu essen, warst Du wieder da. Eigentlich behieltst Du immer die Oberhand. Und Du hast mir immer Angst gemacht, weil Du der Stärkere bist. Wo könnte das alles enden? Wo kann das alles enden? Ich hatte und habe die Angst, von Dir erstickt zu werden, weil ich so gut wie keine Kontrolle über Dein Wachstum hatte oder habe.

Mein Leben ohne Dich wäre viel leichter gewesen. Ich hätte nicht immer nur kämpfen müssen. Ich hätte sein können wie ich war. So vieles wäre leichter gewesen. Ich wäre viel lieber gemocht worden. Ich hätte den Ort, in dem ich groß geworden bin, nicht verlassen, in dem Versuch vor Dir zu flüchten. Als Teenager hätte ich einen netten Freund bekommen können. Ich hätte modische Kleidung tragen können. Ich hätte nicht so viele Kränkungen wegstecken müssen... Ich hätte...

Heute versuche ich Dich nicht mehr zu bekämpfen. Ich versuche Dich anzunehmen, wobei ich zugebe, daß mir dies nicht leichtfällt. Es ist schwer in dieser Gesellschaft aus alten Gewohnheiten auszubrechen. Eigentlich bin ich froh, daß mein Kampfgeist nicht verloren ist, denn es tut mir gut, für Deine Akzeptanz bei mir und auch bei anderen zu kämpfen. Aber das ist noch nicht ganz zur Gewohnheit geworden. Gehaßt habe ich Dich. Du hast mein Leben bestimmt. Ich bin hart mit Dir umgegangen. Nicht nur habe ich versucht, Dich mit Diäten zu vernichten, ich habe Dich in zu engen Hosen hart eingeschnürt. Und noch vor 6 Jahren habe ich Dich am Busen wegschneiden lassen. Ich war froh, daß ich einen medizinischen Grund dafür hatte, etwas von Dir los zu werden. Dennoch hat es lange gedauert, bis ich mich an die kleineren Brüste gewöhnt habe. Und es gibt auch heute noch Momente, wo ich den großen Busen vermisse. Das hätte ich vor 10 Jahren nie gedacht!

Erst in der Zeit, seitdem ich in der Selbsthilfegruppe war, habe ich ambivalente Gefühle zu Dir zugelassen. Ich habe zugelassen, daß ich Dich nicht nur hasse. Ich habe gemerkt, daß Du auch warm und weich bist. Ich habe gemerkt, daß ich auch andere dicke Frauen zum Teil sehr attraktiv finde. Aber es fällt mir immer noch viel leichter andere, dicke Frauen zu akzeptieren, als Dich an mir. Warum? 

 

klaas hartz  / pixelio.de
klaas hartz / pixelio.de

In den letzten Jahren habe ich kapiert, daß der Körper die Heimat der Seele ist. Du gehörst zu mir, Du bist ein Teil meiner Heimat. Ich habe langsam eingesehen, daß ich Dich höchstwahrscheinlich nie los werde. Ich habe erkannt, daß ich zwar einen schlanken Körper durch Diäten vielleicht vorübergehend mal bewohnen kann, aber mein Eigentum wird er nie werden. Das war und ist zum Teil heute noch eine sehr schmerzhafte Erkenntnis. Es war schwer über Dich mit meinem Therapeut zu sprechen. Mit anderen dicken Menschen kann ich das zwischenzeitlich ganz gut, aber ich glaube, schlanke Menschen sind (wenn auch unbewußt) voller Vorurteile gegenüber dicken Menschen. Er brachte das übliche Gerede von der Schutzschicht an. Warum kann es nicht akzeptiert werden, daß manche Menschen groß und manche Menschen klein sind, und manche Menschen dünn und manche Menschen dick sind? Sicherlich kann Fett verschiedene Funktionen für verschiedene Menschen haben. Aber warum kann es so schwer angenommen werden, daß es eben auch zur Natur des Menschen gehören darf? Ich glaube eigentlich weniger daran, daß Du als Schutzschicht für mich dienst (was eigentlich völlig unlogisch wäre, da Du mich nie vor etwas geschützt hast, sondern eher als riesengroßes Angriffsschild da gewesen bist). Aber auch wenn Du als Schutzschicht eine Funktion hattest oder hast, was ändert das? Unsere Beziehung über die Jahre war so, wie sie war. So oder so will ich Dich nicht mehr bekämpfen.

Ich bin nicht so weit, wie ich dachte. Die Sitzung mit meinem Therapeut hat mich gut ins Rotieren gebracht. Und Du spieltest eine Hauptrolle. Die ganze Nacht danach gab es Unruhe. Leider habe ich keinen einzigen Traum behalten. Aber immer wieder wachte ich auf und merkte, daß ich wegen Dir wieder leiden mußte. Ich habe Dich aber nicht weg geschworen. Ich habe Dich gefühlt und angenommen und war ganz froh, daß es Dich gibt. Trotzdem war ich verängstigt und sehr traurig. Traurig bin ich immer noch. Aber mit Dir kam ich auch immer wieder in den Schlaf. Ich war froh, daß das alte Gefühl des Hasses Dir gegenüber weg war.

Tja, so steht es wohl mit uns. Der Weg ist nicht zu Ende. Aber ich bin froh, daß ich Dich jetzt annehmen kann und nicht mehr hasse. Die Nacht nach der Therapiesitzung hat mir gezeigt, daß es noch viel in unserer gemeinsamen Geschichte zu verarbeiten gibt. Mal sehen, wie es weiter geht.

In Vertrautheit

 

(entnommen aus Dick das Leben leben von Gisela Enders)

 

Bilder mit dem Quellennachweis Pixelio stammen vom Anbieter www.pixelio.de.

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Kommentare: 2
  • #1

    Christa Husen (Mittwoch, 13 Juli 2011 10:06)

    Ein supertoller Brief. Die Briefe-Methode wird ja auch in der Methode der Radikalen Vergebung angewendet, wo man auch ein Arbeitsblatt zu dem Thema
    Dicksein/Beleibtsein machen kann. Dort würde der erste Brief an mein Fett ganz bewußt aus der Opferperspektive geschrieben werden, um an die tiefer liegenden Gefühle zu kommen, dann im zweiten Brief wird dann etwas von der positiven Absicht des Fettes zugelassen und im dritten Brief ist der Tenor: Fett, du bist mein Heilungsengel gewesen..." was ja auch stimmt, denn hätten die Zellen sich nicht generiert,wären wir schon längst tot.Christa Husen, Radical Forgiveness Coach und Reikimaster, Bielefeld I

  • #2

    klaashartz-picture (Mittwoch, 18 März 2015 01:42)

    Es freut mich das mein Bild hier gezeigt wird

    klaashartz/pixelio.de

    übrigens suche ich immer Models es geht hier bei nicht darum wie Ihr ausseht die Natürlichkeit ist gefragt

    wir sind ein Sandkorn in der Wüste wir werden von einem ort zum anderen getragen

    Wenn Ihr lust habt mit mir zu schoten so seht euch doch die seite klaashartz-picture.jimdo.com an

    und meldetet euch bei klaas.hartz@online.de