Zu dick für den Staatsdienst?

Ich habe es schon oft angeprangert, als eine Form der Diskriminierung gegenüber dicken Menschen. Die Verweigerung der Verbeamtung aufgrund eines hohen BMIs. Ein Fachartikel in der Zeitschrift für Beamtenrecht unterstützt meine These. Der Autor Martin Hillebrecht zieht in seinem, juristisch sehr schlüssig begründeten Fachartikel „Die gesundheitliche Eignung für ein öffentliches Amt bei Übergewicht und Adipositas“ das Fazit, dass das bisherige Messverfahren mithilfe des BMIs nicht geeignet ist um eine beamtenrechtliche Prognosebeurteilung zur gesundheitlichen Eignung vorzunehmen. Diese Prognoseunsicherheit darf dabei nicht zu Lasten der Bewerber gehen. 

In seinem Artikel nimmt der Autor die Prognosebeurteilung unter die Lupe. Denn diese wird bei einer gesunden Person mit einem erhöhten BMI für eine Ablehnung der Verbeamtung zugrunde gelegt. Es ist nicht die bereits vorhandene Krankheit, sondern die statistische Wahrscheinlichkeit, dass im Laufe des Lebens Krankheiten auftreten könnten, die hier versucht wird, zu erfassen. Diese Kalkulation der Wahrscheinlichkeitsgrade beinhalten allerdings Fragwürdigkeiten. Durch die rasante Entwicklung der Medizin werden alte Krankheiten besser behandelbar oder gar hinfällig, neue Krankheitsbilder können entstehen. Entsprechend gibt es in dieser Diskussion bereits die Forderung, die Verbeamtung nur noch zu verweigern, wenn sich mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten fünf Jahren die Krankheitsanlagen auf die gesundheitliche Eignung des Bewerbers auswirken können.

Für die Bewertung der Risikolage wird bei dicken Menschen das BMI als Bewertungsmaßstab genommen. Das BMI hat allerdings in sich einige wesentliche Schwächen in der Kategorisierung. Sie ist stark altersabhängig, bei über vierzigjährigen Männern lassen sich kaum noch „Normalgewichtige“ finden – womit die Normalitätsnorm selbst in Frage gestellt wird. Auch der Zusammenhang des Übergewichts mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und vor allem mit verringerter Lebenserwartung ist wissenschaftlich aktuell mehr in Frage gestellt, als das es eindeutige Nachweise dafür gäbe. 

 

Thorben Wengert  / pixelio.de
Thorben Wengert / pixelio.de

Im Gegenteil, gerade beim Mortalitätsrisiko haben Menschen mit deutlichem Übergewicht ein geringeres Risiko als Menschen mit einem niedrig-normalen BMI. Der Autor errechnet in seinem Artikel auch die Mortalitätswahrscheinlichkeit nach Geschlechtern. Von 100.000 Frauen, die mit 30 verbeamtet werden, ist die Sterbewahrscheinlichkeit bei normalem BMI in den nächsten 37 Jahren im Durchschnitt 9.537. Von den Frauen mit einem BMI größer 30 sterben in diesem Vergleich 12.207, also durchschnittlich 2.670 mehr als bei normalen BMI. Dagegen überleben 87.793 (88%).

Vergleicht man diese Zahl mit der Mortalitätsquote von Männern, so ergibt sich ein krasses Bild. In der Zeit zwischen 30 und 67 sterben hier statistisch von den 100.000 Männern mit einem normalen BMI 17.930 Personen, also 5.723 mehr als bei den Frauen mit erhöhtem BMI. Juristisch schlüssig zieht der Autor hier die Schlußfolgerung: „Im BMI-Bereich von 30 – 40 kg/m lässt sich nicht aussagen, dass bei einer adipösen Einstellungsbewerberin körperliche oder psychische Veranlagungen (Risikofaktoren) vorliegen, aufgrund derer die Möglichkeit häufiger Erkrankungen oder der Eintritt dauernder Dienstunfähigkeit schon vor Erreichen der Altersgrenze nicht mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Andernfalls müsste man nämlich konsequenterweise auch sämtliche Männer von einer Verbeamtung ausschliessen, da diese bereits aufgrund ihres Risikofaktors „Geschlecht“ den geforderten hohen Grad an Wahrscheinlichkeit nicht erreichen können“.

Im weiteren kritisiert der Autor, dass das BMI nicht als Bewertungsmaßstab genutzt werden kann, weil die relativ geringe Erhöhung des Mortalitätsfaktors durch sehr viele Faktoren überlagert werden, wie beispielsweise körperliche Aktivität, gesunde Ernährung und ein relativ hoher sozialer Status – alles Faktoren, die sich nachweislich positiv auf die Lebenserwartung auswirken.

Grundsätzlich schlägt der Autor vor, neuere Bemessungsverfahren, die sich mehr auf die Fettverteilung, als auf Gewicht und Alter stützen, auszubauen und wissenschaftlich zu untersuchen. Diese neuen Verfahren orientieren sich im Wesentlichen an dem Apfel- und Birnentyp in der Fettverteilung, wobei der bei Frauen häufig vorliegende Birnentyp zu keiner nennenswerten Erhöhung des Mortalitätsrisikos führt. Allerdings sind diese Verfahren noch nicht wissenschaftlich ausgereift. Der Autor warnt hier vor zu schnellem Handeln: „Gerade die mit dem Body-Mass-Index gemachten Erfahrungen sollten hier vor übereilten „Schnellschüssen“ warnen. Es dauerte immerhin annähernd zwei Jahrzehnte, bevor sich die Forschungslage beim BMI derart konsolidiert hatte, dass festgestellt werden konnte, dass Risikoprognosen allein auf Grundlage der WHO-Klassifikation nicht möglich sind. In dieser Zeit wurde zahlreichen Bewerbern (insbesondere Frauen!) unnötigerweise die gesundheitliche Eignung für ein öffentliches Amt abgesprochen, obwohl sie diese – nach heutigem Stand der Wissenschaft – vielfach besessen haben werden.“

 

Quelle: "Die gesundheitliche Eignung für ein öffentliches Amt bei Übergewicht und Adipositas", Zeitschrift für Beamtenrecht, Jg. 59, Heft 3, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011

 

 

Bilder mit dem Quellennachweis Pixelio stammen vom Anbieter www.pixelio.de.

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Kommentare: 3
  • #1

    Anette (Dienstag, 06 September 2011 19:51)

    Schade, dass es diese Einsicht erst heute gibt. Ich wollte vor etwa 10 Jahren verbeamtet werden und es wurde mir wegen meiner Figur so gut wie keine Chance eingeräumt. Das jetzt zu lesen, tut schon sehr weh. Viele Grüße Anette

  • #2

    Susanne (Donnerstag, 08 September 2011 22:58)

    Danke für diesen Beitrag. Ich finde auch, dass nur noch dicke Frauen und keine Männer mehr in den Staatsdienst gehören. Hihi

  • #3

    Berna (Montag, 03 Oktober 2011 23:21)

    Ich freue mich zu lesen, dass es da langsam Einsicht gibt. Ich selbst bin 2005 lebenszeitverbeamtet worden, allerdings nur, weil ich zu dem Zeitpunkt schwanger war. Ansonsten hätte ich wohl mindestens eine Verlängerung der Probezeit zum Abnehmen bekommen. Eine Kollegin kenne ich, die auf Grund der Regelung nun Angestellte ist... Den Artikel werde ich, wenn möglich, mal innerhalb unserer Verwaltung weiter leiten und hoffen, dass es dir richtige. Leute lesen.