Wie wollen wir leben? - Na, ohne Diskriminierung!

Die Kanzlerin ist auf der Suche nach den Themen dieses Jahrzehnts. Was sind unsere Probleme, wie lauten die Lösungen, die wir dafür vielleicht im Kleinen schon gefunden haben?

Eine gute Möglichkeit, um auf ein Problem aufmerksam zu machen, für das es jenseits der Dicken-Foren noch gar kein Bewußtsein gibt: die Diskriminierung von Übergewichtigen.

Im Folgenden findet Ihr einen Beitrag der Duschdiva für den  Dialog über Deutschland. Bitte unterstützt dieses Anliegen und gebt hier Eure Stimme und natürlich auch Kommentare ab. 

Außerdem könnt ihr hier den kompletten Text von Duschdiva lesen. 

 

“Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden”, Artikel 3 (3) des Grundgesetzes.

 

Dieser Artikel ist unvollständig.

 

Ich habe Übergewicht. Wenn ich zurückblicke auf meine eigene Teenagerzeit, würde ich behaupten, dass ich bereits vor 20 Jahren aufgrund meiner äußeren Erscheinung und der damit verbundenen Vorurteile benachteiligt wurde – und inzwischen wird diese Diskriminierung von staatlicher Seite gefestigt und gefördert.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Tatsache, dass man in einigen Bundesländern die Verbeamtung von Übergewichtigen immer noch stark erschwert oder sogar verwehrt, obwohl Langzeitstudien belegen, dass bei körperlicher Fitness das Übergewicht für die Sterblichkeit ein zu vernachlässigender Faktor ist [1].

 

Jedoch wird all das wieder verständlich, wenn man erkennt, dass Dicken die Fähigkeit körperlich fit zu sein, von vornherein abgesprochen wird. So lautete das Motto der Kampagne, mit der 2007 Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) vor allem Kinder und Jugendliche für einen gesünderen Lebensstil begeistern wollten “fit statt fett”.

 

Diese Worte als scheinbaren Gegensatz darzustellen, erweist gerade übergewichtigen Kindern einen Bärendienst, weil es das Mobbing auch noch legitimiert – schließlich haben wir aus der täglichen Werbung längst gelernt, dass fit gleichzusetzen ist mit schön und erfolgreich.

 

Unsere Gesellschaft führt Übergewicht ausschließlich auf Willensschwäche oder Dummheit zurück. Dick zu sein ist eine Entscheidung, die man für sich getroffen hat, kein psychosomatisches Symptom, keine genetische Veranlagung und keine Form von Schönheit, für die man sich womöglich sogar aktiv entschieden haben könnte. Nein, wir sollten uns schämen! Und das tun wir. Wir meiden die Straßen, wir meiden die Schwimmbäder, wir bestellen unser Essen über den Lieferservice, weil man uns im Restaurant vom Nachbartisch aus neugierig auf dem Teller schaut.

 

Fiktion? Nein, eine Realität, der ich als Moderatorin und Mitglied in verschiedensten Dicken-Foren täglich begegne. Dicke haben in Deutschland keine Lobby. Ihre öffentliche Demütigung ist akzeptiert, sei es in Form von unzähligen ekeldurchsetzen Kommentaren auf YouTube oder sogar in der Werbung, wo selbst Sonnenblumen kein Blatt vor den Mund nehmen und einem dicken Kind: “Hey Du, fette Qualle! Ja Du, Du bist gemeint! Ja, husch, husch auf die Schaukel, sonst gibt ‘s nichts mehr zu fressen.” zuraunen [2].

 

Ist das tatsächlich noch Humor? Für 302 Mitglieder der BARMER GEK offensichtlich nicht. Sie waren bereit ein Organ von sich verstümmeln zu lassen, um aus dem Kreis der Diskriminierten zu entfliehen. Im Jahr 2009 wurden allein von dieser Krankenkasse 131 Schlauchmägen, 126 Magenbypässe und 45 Magenbänder gemäß eigener Angaben bewilligt.

Ja, ich spreche bewusst nicht von Verfahren zur Wiederherstellung der Gesundheit, denn meine Erfahrung aus Gesprächen mit Betroffenen ist ausnahmslos, dass gesundheitliche Gründe weit nach dem psychischen Leidensdruck kommen, der in der Abscheu begründet ist, die von der Gesellschaft Dicken entgegengebracht wird. Sie überträgt sich schleichend ebenfalls auf uns, was schließlich zu dem Wunsch führt, aus der eigenen Haut heraus zu wollen.

 

Doch die Nebenwirkungen dieser Verfahren sind alles andere als ein gesundheitlicher Zugewinn: Der schnelle Gewichtsverlust belastet das Herz und gibt der Haut nicht die Möglichkeit sich zurückzubilden. Fettschürzen und starke Faltenbildung sind die Folge. Dazu gesellen sich Nahrungsunverträglichkeiten, Sodbrennen und Krämpfe. Am Ende mag hier ein schlanker Mensch stehen, der für seine Abnahme bewundert und für die Folgen dieser Abnahme bedauert wird, ein gesunder Mensch allerdings wohl kaum.

Sie fragen: “Wie wollen wir zusammenleben?”
Ich sage: “In gegenseitigem Respekt, unabhängig von der Konfektionsgröße.”

 

Wie können wir das erreichen? Für alle Generationen jenseits der Schule kann die Antwort darauf nur lauten: sehr, sehr schwer, denn eine Kampagne allein ändert die Sehgewohnheiten nicht. Sie ist nur eine kurze Irritation, die zwar womöglich positiv bei den Betroffenen hängen bleibt, bei der eigentlichen Zielgruppe dagegen nichts auslöst.

 

Ein gutes Beispiel hierfür sind die unretuschierten Models von Dove oder Ruby [3], die Anti-Barbie des Bodyshop von 1997 – auch wenn es sich hierbei um Werbekampagnen handelte. Beide Kampagnen waren zwar Balsam für die Seele der diskriminierten Dicken, haben aber am Umstand selbst nichts ändern können. Daher müssen die Weichen bereits in der Schule richtig gestellt werden und das fängt beim Sportunterricht an.

Es wird immer wieder davon gesprochen, dass Sport als Ausgleich gedacht ist. Dieser Gedanke ist in meiner Jugend allerdings beim wöchentlichen 800m Lauf mit anschließendem Mannschaftssport spürbar auf der Strecke geblieben. Die Freude an Bewegung ist nicht zwangsläufig mit der Lust am Wettkampf gekoppelt. Da muss es doch einleuchten, dass es wenig Sinn macht, die Wettkampftalente für Olympia 2020 gegen die Tai Chi Begeisterten von Morgen antreten zu lassen.

 

Es gibt eine Reihe von Sportarten, die ohne Wettkampf-Komponente auskommen und damit jahrgangsübergreifend angeboten werden könnten: Tai Chi, Callanetics, Übungen mit dem Schwungstab (Flexibar) oder Balancetraing mit dem Bosu. Dadurch wäre der zusätzliche Einsatz an Personal gering zu halten. Davon abgesehen hätten meine Eltern damals sicherlich gern einen kleinen monatlichen Beitrag geleistet, um mich für Sport zu begeistern, denn der normale Schulsport hatte eher eine stark gegenteilige Wirkung.

 

Sozialkunde ist natürlich das Fach mit dem stärksten Bezug zum Thema, wo man die Schönheitsideale verschiedener Länder oder den Wandel des Schönheitsideals in Deutschland näher beleuchten könnte. Immerhin wurde hier 1922 noch für Eta-Tragol-Bonbons [4] geworben, um „die unschönen Knochenvorsprünge an Wangen und Schultern“ schwinden zu lassen.

 

Über den Deutschunterricht ließe sich dick zu sein als genauso normal darstellen wie groß oder klein, sei es durch Kinderbücher mit dicken Helden oder in höheren Stufen über die Analyse von Gedichten, die sich mit dieser gänzlich anderen Form der Schönheit auseinandersetzen.

Eine weitere Möglichkeit zur Einbindung des Themas bietet natürlich der Kunstunterricht, wobei hier nicht immer Rubens bemüht werden muss. Idealer Weise sollte in der Oberstufe das Aktzeichnen Teil des Kunstunterrichts sein. Wenn man sich über den Durchschnitt zum Besonderen vorarbeitet wird hier schnell klar, dass unsere vermeintlichen Mängel der wahre Grund für unsere Einzigartigkeit sind.

 

Das müssen wir endlich im Bezug auf unseren Körper begreifen: Mit dem Streben nach einer einheitlichen Schönheit, die uns andere vorgeben, entfernen wir uns von uns selbst und damit unserer eigenen, individuellen Schönheit – und das ist ein Ziel, das letztlich für keinen von uns geeignet ist.

 

[1] Studie: Epidemiology and Prevention
Long-Term Effects of Changes in Cardiorespiratory Fitness and Body Mass Index on All-Cause and Cardiovascular Disease Mortality in Men

[2] Hornbach Spot
Urheber leider unbekannt

[3] Ruby
Eine Kampagne der Werbeagentur Host Universal für THE BODY SHOP

[4] Eta-Tragol-Bonbons
Ein Produkt der ETA chemisch Technische Fabrik

 

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