Interview zum Buch: Kulinarische Körperintelligenz

Inzwischen gilt wissenschaftlich als gesichert: Diäten machen dick und krank - und sie können zu Essstörungen führen.

Trotzdem wimmelt es gerade zu Jahresbeginn von Abnehmtipps und „Diätrevolutionen“. Dabei kennt jeder Diätler auch den gefürchteten JoJo-Effekt: Nach Ende der zeitlich begrenzten Abspeckkur sorgt das körpereigene „Energiesparprogramm“ schnell für frische Fettpfunde, um gegen die nächste Hungersnot gewappnet zu sein. „Wie zerronnen, so gewonnen - nach Ende der Diät werden Sie ruckzuck wieder schwerer“, erklärt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop, Autor des ersten Buchs zur Kulinarischen Körperintelligenz. Er rät grundsätzlich von Diäten ab, nachdem er für sein Buch mehr als 150 aktuelle Studienergebnisse und über 50 Expertenstatements kritisch analysiert hat. Stattdessen empfiehlt er, das Entfettungsvorhaben schonungslos zu hinterfragen, bevor man sich der „Lebensaufgabe Abnehmen“ stellt.  

 

 

Warum raten Sie von Diäten ab ?

 

Knop: „Finger weg von Diäten. Sie sind wie trojanische Pferde, die Gutes vorgaukeln aber stattdessen Unheil in Ihrem Körper anrichten - sie machen dick und krank und können zu Essstörungen führen. Mittlerweile ist klar: Diäten entwässern und entfetten vielleicht kurzfristig. Aber nach Beendigung bewirken die Abspeckkuren genau das Gegenteil: Sie werden ruckzuck wieder schwerer aufgrund der schnellen Fetteinlagerung. Das ist der bekannte JoJo-Effekt. Damit schützt sich Ihr Körper vor der nächsten Hungersnot. Außerdem kann es bereits während der Diät zum „Entzugssymptom“ Heißhungerattacke kommen, die in unkontrollierte Fressorgien mündet.“

 

Warum sprießen denn derzeit neue Diäten wie Pilze aus dem Boden?

 

Knop: „Gute Frage. Wenn irgendeine der bisherigen Abspeckkuren dauerhaft schlank machen würde, dann gäbe es nicht alle paar Tage neue Diäten. Daran sieht man: Diäten sind nutzlos. Außer für die Anbieter, die immer wieder neue Entfettungskuren anpreisen können, weil die Vorherigen die Diätler noch dicker gemacht haben - so einfach erhält man sich seine Zielgruppe in einem Milliarden-€-schweren Markt. Eigentlich müsste jedem aufgrund der dauernd neuen „revolutionären Diäten“ inzwischen klar sein: Irgendetwas stimmt hier nicht. Daher lassen Sie sich Ihrer Gesundheit zuliebe nicht mit unhaltbaren Schlankversprechen locken!“

 

Was sollen denn diejenigen nun machen, die abnehmen möchten ?

 

Knop: „Die wichtigste Frage, die sich jeder Abnehmwillige vor Beginn einer Hungerkur grundehrlich beantworten sollte, die lautet: „Warum bin ich so schwer?“ Oftmals ist nämlich nicht das echte Essen zur Lebenserhaltung die Ursache der überflüssigen Pfunde, sondern Probleme im Alltag, die zu hungerfreiem Essen führen. Da ist eine Abspeckkur genau der falsche Weg.“

 

Was meinen Sie mit hungerfreiem Essen ?

 

Knop: „Wenn Sie beispielsweise aus eingefahrener Routine frühstücken, weil es ja so gesund sein soll. Oder aus Langeweile, Frust oder Einsamkeit Leckereien in sich hineinstopfen. Auch Stress mit Völlerei zu „bekämpfen“ - all das ist hungerfreies Essen. Hier gilt die erste Frage nach dem „Warum esse ich, obwohl ich keinen echten Hunger habe?“ Anschließend sollten Sie die Auslöser dieses „kompensatorischen Essens“ beseitigen, bevor Sie überhaupt an eine Diät denken. Wenn Sie kochendes Wasser abkühlen möchten, dann müssen Sie auch den Wasserkocher abschalten, anstatt von oben kalte Luft drauf zu pusten.“

 

Also erst die Gründe herausfinden, warum man isst?

 

Knop: „Genau. Gehen Sie in sich und durchleuchten Sie Ihr Leben ohne Scham und Scheu: Wo ist der Stress, wo ist die Langeweile, wo sind die Routinen, die mich ohne Hunger essen lassen? Aus welchem Grund habe ich mir einen emotionalen Schutzpanzer aus Fett angefuttert? Wann tröste ich meine Seele mit Essen? Da sollten Sie ansetzen, denn genau das setzt bei Ihnen an. Eliminieren Sie die Ursachen des hungerfreien Essens und einige Kilos verschwinden dann vielleicht von ganz allein.“

 

Und was ist mit denen, die wirklich nur essen, wenn sie echten Hunger haben, aber trotzdem abnehmen möchten ?

 

Knop: „Gerade diese Menschen sollten Ihr Vorhaben kritisch hinterfragen! Denn jeder Körper hat einen sogenannten Setpoint, das ist sein persönliches Wohlfühlgewicht, das maßgeblich durch die Gene festgelegt wird. Dieses individuelle Idealgewicht verteidigt Ihr Körper. Warum also wollen Sie abnehmen? Wenn Sie sich beispielsweise aus optischen Gründen von Ihrem natürlichen Setpoint runterhungern wollen, also etwa um dem künstlichen Körperideal unserer Gesellschaft nahe zu kommen, dann machen Sie sich auf einen lebenslangen Kampf gegen Ihren eigenen Körper bereit. Er wird sich mit allen Mitteln gegen die Zwangsreduzierung seines Wohlfühlgewichts wehren.“  

 

Nun haben gerade zum Jahreswechsel viele Menschen den „guten Vorsatz“ getroffen: „Ich will abnehmen!“ Was sollen sie machen?

 

Knop: „Ist die Entscheidung für den Kilokampf gefallen, dann ist es völlig egal, mit welcher Hungerkur Sie abnehmen. Große Studienanalysen kommen immer wieder zu dem eindeutigen Ergebnis: Wichtig ist nur die negative Energiebilanz. Sie müssen also nur weniger essen, als Ihr Körper verbraucht. Das bedeutet auch: Ein freies Essverhalten ist nicht mehr möglich, Sie müssen Ihre Nahrungsaufnahme kontrollieren. Schauen Sie daher bei professionellen Institutionen nach einem maßgeschneiderten Programm, das am besten zu Ihren kulinarischen Vorlieben und individuellen Essgewohnheiten passt. So halten Sie wenigstens die emotionalen Entbehrungen von Lust & Freude am Essen so gering wie möglich. Was Sie wann am Tag essen, ist egal. Es muss einfach nur zu wenig sein - hier hilft auch mehr Bewegung. Aber seien Sie sich ernsthaft bewusst: Sie treten entweder eine Lebensaufgabe an oder Sie werden nach Ende der Diät bei gewohntem Essverhalten wieder zunehmen - und wahrscheinlich mehr wiegen als vorher. Daher sollte die Entscheidung, den Kilos den Kampf anzusagen, wohl überlegt sein.“   

 

Ist es denn grundsätzlich nicht besser abzunehmen, wenn man Übergewicht hat - auch wenn es das körperliche Wohlfühlgewicht ist?

 

Knop: „Die Frage vorher lautet: WAS ist denn überhaupt Übergewicht? Aktuelle Analysen der wissenschaftlichen Literatur zeigen beispielsweise, dass der als „Übergewicht“ bezeichnete BMI-Bereich zwischen 25 und 30 das längste Leben garantiert - und eine Adipositas Grad I, also BMI 30 bis 35, keine erhöhte Sterblichkeit zur Folge hat. Vielleicht sollte Darwins berühmteste Aussage umformuliert werden in Survival of the biggest. Unabhängig davon: Mindestens genauso wichtig wie unspezifische BMI-Werte sind die subjektiven Werte Zufriedenheit und Wohlfühlfaktor. Wenn Sie mit sich zufrieden sind, Ihr Leben genießen und sich gesund und wohl fühlen, dann sollten Sie sich nicht von unpersönlichen Messgrößen dazu drängen lassen, an Ihrem Setpoint herumzudrehen - es könnte Ihrem Leben nicht nur viel Freude nehmen, sondern es sogar verkürzen!“

 

Letzte Frage: Wie isst man denn Ihrer Meinung nach grundsätzlich „gesund“ und richtig?

 

Knop: „Vertrauen Sie Ihren Gefühlen Hunger und Lust, anstatt auf Ernährungsregeln oder -päpste zu hören. Der Nutzen von Regeln wie fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen, täglich zwei Liter Wasser zu trinken oder weniger Fleisch zu essen ist nicht belegt – es ist nicht mehr als eine Vermutung. Meine kritische Auswertung von über 150 aktuellen Studienergebnissen und mehr als 50 Expertenstatements entpuppte derartige „Volksempfehlungen“ als pseudowissenschaftliche Ernährungsratschläge ohne echte Beweiskraft. Der „mündige Ess-Bürger“, der braucht so was nicht, sondern er hat Vertrauen in den eigenen Körper - Vertrauen in die Kulinarische Körperintelligenz, die jeder von uns über die intuitiven Gefühle Hunger & Lust spüren kann. Essen Sie also nur, wenn Sie echten Hunger haben und zwar nur das, worauf Sie Lust verspüren und was Ihnen gut schmeckt. Es kommt dann weniger darauf an, was Sie essen, sondern dass Sie sich dabei wohl fühlen und genießen, bis Sie satt sind. Nur Ihr Körper weiß am besten, was gutes Essen für Sie ist, sonst niemand!“

 

 

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