Die Depression, mein stiller Freund

Meine Depressionen umschleichen mich. Sie schmiegen sich zärtlich an mich an und lullen mich ein. Sie flüstern zärtlich vernichtende Worte in mein Ohr und zielen mit kleinen, aber spitzen Pfeilen auf meinen Lebensmut.

 

Meine Depressionen sind immer präsent. Sie sind bereit, sich vorübergehend still zu verhalten. Doch tragen sie ein warnendes Schild vor sich her: “Beachte uns, sonst werden wir wieder laut und machen dich fertig!”

Irgendwann in den letzten Tagen oder vielleicht auch Wochen haben meine Depressionen ein Gefühl der Missachtung entwickelt und langsam erheben sie sich. Sie schreiten zur Tat. Sie wollen mich warnen: “Hör auf uns! Beachte uns! Setz dich mit uns auseinander! Wenn nicht, dann weißt du was passiert! Du rutscht schneller die Rutsche in den Abgrund runter, als du denken kannst. Und du wirst das Gefühl haben, dich im Freien Fall der Machtlosigkeit zu befinden!”

Lasst mich in Ruhe, schreie ich innerlich! Ich will euch nicht haben! Ihr habt mir soviel Schmerz und Elend bereitet! Ich will nicht wieder in die Hölle, da war ich schon und da gefällt es mir überhaupt nicht!!!

Meine Depression schaut mich zärtlich an und flüstert:”Dann komm zu uns! Rede mit uns! Beachte uns!” Noch leiser haucht sie mir ins Ohr:”Wir sind dein Helfer. Wir kommen doch nur, wenn dein Inneres Hilfe braucht. Wir wollen dich wieder ins Gleichgewicht bringen.”

Ich springe entsetzt zurück und schreie die Depressionen an:”Ihr??? Ihr wollt mich ins Gleichgewicht bringen??? Ihr bringt mir nur Elend und Schmerz!!! Geht weg!!!”

Doch die Depression lächelt mich an und antwortet in einem leisen, fast angenehmen Singsang:”Nein, mein Schatz, wenn wir auftauchen, dann gibt es einen wichtigen Grund. Wir lieben dich! Wir sind ein Spiegel deines Inneren. Was du in uns siehst, ist das Chaos in dir. Nur gemeinsam können wir das Chaos besänftigen und vielleicht schaffen wir sogar gemeinsam ein bißchen Ordnung in das Universum deiner wirren Gedanken zu bringen. Lass uns zu dir kommen. Bitte!” Langsam wird die Stimme der Depression lauter und drängender. Trotzdem bleibt sie sanft:”Du darfst uns nicht ignorieren. Wir sind stärker als du. Du weißt, was passiert, wenn du tust, als wären wir Luft? Wir nehmen dich mit hinab in dein Universum des Chaos. Wir holen dich hinein in dich und dann schau, wie du da wieder rauskommst. Ingnoriere uns nicht! Wir sind stärker als du!” Den letzten Satz schreit mir die Depression förmlich entgegen.

“Aber was willst du von mir?” frage ich wimmernd. Tränen rinnen aus meinen Augen. Ich will nicht weinen, doch die salzige Flüssigkeit scheint ein Eigenleben zu haben und sucht sich ihren eigenen Weg.

“Was willst du von mir?” frage ich lauter. Doch meine Antwort ist Stille.

Es dauert eine Weile, dann höre ich eine hallende Stimme wie aus weiter Ferne, als würde ich in einer großen Halle stehen:”Hör dir zu!”

Was meint die Depression damit??? Hör dir zu??? Was soll der Scheiß???

Ich bin durcheinander. Wie soll ich mir zuhören? Ich höre mir den ganzen Tag zu. Mein Kopf plappert ohne Unterlass. Selbst mit größter Willensanstrengung kann ich dieses Geschnattere in meinem Schädel nicht abstellen. Ständig muss ich mir anhören, was ich alles nicht kann. Welche verpassten Chancen mein Leben durchziehen. Wie schön das Leben doch wäre, wenn es nur anders wäre.

Die Stimme die mir vorschlug, mich vor ein Auto zu werfen, schweigt. Sie war lange die lauteste Stimme in meinem Kopf. Wie es wohl wäre jetzt einen Schritt zu früh auf die Straße zu gehen. Da kommt ein LKW. Schau, der müsste groß genug sein um dich gleich zu erledigen. Los, geh! Nur ein Schritt und das Elend hat ein Ende!

Diese Stimme war mein Freund. Sie war immer so freundlich. Die Aussicht auf Ruhe war so verlockend. Endlich keine Entscheidungen mehr. Endlich Ruhe!!!

Doch jetzt schweigt sie. Ist sie überhaupt noch da? Ich denke schon. Sie sitzt kleingerollt und zusammengesunken in der Ecke. Doch wenn ich nicht aufpasse wird sie sehr schnell sehr stark und mächtig.

“Depression?” rufe ich fragend in den Raum. “Depression, bist du da?” Schweigen ist meine Antwort. “Entschuldige bitte, Depression, das ich dich missachtet habe. Was willst du mir sagen? Ich bin jetzt bereit dir zuzuhören!”

“Ich glaube dir nicht! Und das weißt du, denn du bist ich!” Die Stimme der Depression klingt beleidigt und ein bißchen wütend. Ich glaube, sie ist eingeschnappt, weil ich sie einfach nicht verstehe. Aber was redet sie auch so verquer? Sie macht mich wütend.

Ich nehme all meinen Mut und meine Wut zusammen und sage der Depression jetzt meine Meinung.

“Depression, hörst du mich? Kannst du dich bitte klar ausdrücken? Kannst du mir bitte sagen, was du von mir willst? Ich spüre dich nur in Form von unglaublicher Müdigkeit und dem Gefühl ausgedehnter Antriebslosigkeit. Ich hasse diesen Zustand!!! Hah, aber ich habe dich entlarvt, du Mistvieh. Ich weiß, dass du mir die Müdigkeit auf den Hals schickst. Mach sie weg!!! Wenn ich nicht so müde bin, dann schaffe ich auch endlich mehr. Dann kann ich endlich aufräumen und wieder mein Leben leben. Geh weg, du blöder Haufen Scheiße!!! Hau ab!!! Ich will dich nicht!!!” Ich schreie. Ich schreie so laut, dass meine Stimmbänder kratzen und mir der Hals weh tut. Ich bin so wütend und gleichzeitig so traurig. Ich könnte heulen, doch jetzt stecken die Tränen plötzlich fest. Warum bekomme ich eigentlich nie das, was ich gerade brauche???

Ich fühle mich so hilflos, den Mächten ausgeliefert. So allein und winzig klein im Universum. Ich bin nur eine kleine Ameise im großen Menschheitshaufen. Ich bin so unwichtig! Fällt es überhaupt auf, wenn ich fehle?

“Natürlich fällt es auf, wenn du fehlst, du dummes Mädchen,” donnert plötzlich eine tiefe, bassvibirierende Stimme in mir. “Du bist verdammt wichtig. Auch wenn die Königin des Ameisenhaufen nichts von deiner Existenz weiß, bist du unabkömmlich für das Wohl der Gemeinschaft. Wir brauchen dich und wir lieben dich! Also hör auf diesen bösen Gedanken zuzuhören.”

Die Stimme verstummt. Wer war das? Die Stimme kam von der Stelle hinter meinem Herzen. Sie kam irgendwie von meinem Rücken. “Hallo tiefe Stimme,” starte ich zaghaft,”danke für deine Worte. Bin ich wirklich so unabkömmlich?” Ich spüre ein viebrieren durch meinen Körper jagen und habe plötzlich das Gefühl in einer sanften und gleichzeitig festen Umarmung zu sein.

Keine Worte. Nur dieses sichere und geborgene Gefühl.

Es ist schön, am Leben zu sein!

Dieser Text ist durch Focussing entstanden. Eine Technik um an sein Inneres zu gelangen. Alles was ich geschrieben habe ist echt. In meinem inneren findet immer ein reichhaltiger Dialog statt. Ich habe soviele Persönlichkeitsanteile in mir, denen ich den Mund verbiete. Durch Focussing kann ich sie zu mir holen, in mein Bewusstsein und ich kann mich mit ihnen unterhalten. Focussing hat mir sehr stark geholfen, den Weg aus meiner Depression zu finden. Ich bin wieder am Licht. Doch es wird wohl ein ewiger Kampf bleiben, im Sonnenschein zu stehen. Die Hölle wartet auf mich und sie lädt mich nicht ein, sie holt mich einfach. Focussing ist eine Methode mich im Licht zu lassen.

 

Dieser Text ist im Original auf dem Blog Villa Nilpferd erschienen.

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