Dicke Kinder - ein schwieriges Leben voller Vorurteile

„Ich will dich nicht in meinem Team. Du bist zu dick zum Laufen.“

„Guck’ dir das fette Faß an.“

„Dein Bauch sieht aus wie eine Wassermelone.“

Echos meiner Jugend. Es ist schon Jahrzehnte her, aber mein Magen krümmt sich immer noch, wenn ich daran denke. Ich war damals für nicht mehr als ein Zehntel meines Lebens dick, aber ich werde die Narben des Dickseins bis zu meinem Grab tragen.

Die Kinder von heute haben es noch deutlich schwerer. Als ich jung war, war die Diätindustrie noch in ihren Kinderschuhen, und in meinen Comic-Heften fanden sich noch Anzeigen, die der Gewichtszunahme gewidmet waren. Heute sind solche Anzeigen verloren gegangen in einer Medienflut, die für Modediäten und kalorienarme, synthetische Nahrung werben.

 

Die Kinder von heute haben es noch deutlich schwerer. Als ich jung war, war die Diätindustrie noch in ihren Kinderschuhen, und in meinen Comic-Heften fanden sich noch Anzeigen, die der Gewichtszunahme gewidmet waren. Heute sind solche Anzeigen verloren gegangen in einer Medienflut, die für Modediäten und kalorienarme, synthetische Nahrung werben.

 

Das Buch „Du bist jemand: Wie du ein schlankes Kind sein kannst“[i] soll in der achten Klasse in Sasketchewan, Kanada gelesen werden. In den USA zieht ein Mann, der sich selbst „Mr. Slim Goodbody“ nennt, ein Trikot an, auf dem Körperteile abgebildet sind, und hält an den Schulen Vorträge über Fitneß und Ernährung. Grundsätzlich ist nichts falsch an Sport oder guter Ernährung, aber es ist eine Menge falsch an einem Titel, der beinhaltet, das man schlank sein muß, um jemand zu sein, oder an einem Namen, der aussagt, daß ein Körper schlank sein muß, damit er gut ist. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, welchen Effekt solche Botschaften auf Kinder haben können, die nicht schlank sind. Studien zeigen, daß dicke Kinder bei ihren Spielkameraden schon in einem Alter von drei oder vier Jahren negativ wahrgenommen werden. In der Schule werden schwere Kinder öfter abgelehnt, sind anfälliger für Depressionen und haben ein schlechteres Selbstbild als ihre Klassenkameraden. Manche Soziologen vermuten, daß dicke jugendliche Mädchen sich als Angehörige einer Minderheitengruppe sehen und sich dementsprechend verhalten. Diese Mädchen ziehen sich oft zurück und werden passiv, sie erwarten Ablehnung, bevor sie überhaupt geschieht.

 

Angst vor Fett hat sich in den letzten Jahren unter Kindern mindestens so durchgesetzt wie unter Erwachsenen. Nach einer Studie, die von der University of California in San Francisco herausgegeben wurde, sind die meisten jugendlichen und fast-jugendlichen Mädchen auf Diät. Die Studie bezog fast 500 Mädchen ein, die in San Franciscos Schulen in die Klassen vier bis 12 gingen. Fast die Hälfte der neun Jahre alten Mädchen und 80 Prozent der zehn- und elfjährigen machte gerade Diät. Das Auftreten von Diäten stabilisierte sich zwischen 65 und 71 Prozent bei Mädchen von 12 bis 16 Jahren, aber es vermehrte sich auf 89 Prozent im Alter von 17 und 85 Prozent im Alter von 18 Jahren. Die Studie ging nicht unter die Grenze der vierten Klasse, aber „Fettphobie“ zeigt sich schon viel früher. Fran Krieger-Lowitz, eine Berkeley-Psychologin, erzählt von großen, dünnen siebenjährigen, die besorgt sind, zu dick zu sein, und von einer vierjährigen, die zu ihrer Mutter sagt: „Mom, ich bin nicht dick, oder?“ „Jedes Mal, wenn ich den Fernseher anmache, sehe ich all diese dünnen Menschen,“ sagt Angie, elf Jahre, in einem San Jose Mercury News Interview. „ Du kommst dazu zu glauben, daß es das ist, wie du aussehen mußt.“

 

„Kinder scheinen heute mehr davon zu hören als zu der Zeit, als ich noch Kind war“, sagt Joanne Ikeda, Ernährungserziehungs-Spezialistin an der University of California (Cooperative Extension at Berkeley). „Im Alter von dreieinhalb Jahren streckte meine Tochter, die wirklich dünn war, mir ihren Bauch entgegen und sagte mir, sie sei zu dick.“ Dies ist bezeichnend, da diese betroffenen Kinder meistens ein normales oder sogar unterdurchschnittliches Gewicht haben. 85 Prozent der Mädchen der San Francisco-Studie sahen sich selbst als übergewichtig, aber nur 17 Prozent war es tatsächlich. Laut Aussage der Forscher war die Verbreitung dieses verzerrten Selbstbildes am höchsten unter den elfjährigen, möglicherweise aufgrund der schnellen Veränderungen des Körpers, die normalerweise in diesem Alter vor sich gehen. Aber diese Verzerrung tauchte in allen untersuchten Altersstufen auf, und sie wurde mehr bei den normalgewichtigen und untergewichtigen Mädchen als bei den übergewichtigen Mädchen festgestellt. 52 Prozent der an der Studie Beteiligten sagten, sie würden sich besser fühlen, wenn sie dünner wären und 57 Prozent sagten sie sähen besser aus, wenn sie Gewicht verlieren würden. Diese Wahrnehmungen waren sogar unter den neun- und zehnjährigen üblich.

 

Wo Diäten sind, da ist in der Regel auch extremes Sich-gehen-lassen. Die San Francisco Untersuchung fand heraus, daß der Prozentsatz von Mädchen, die von Heißhunger-Attacken berichten, mit dem Alter steigt. Die 18-jährigen berichteten alle von Heißhunger-Ereignissen. „Wenn Eltern anfangen, ihren Kindern das Essen zu beschränken und Gewicht zu einem Thema zu machen, dann scheint das zu dem Problem beizutragen,“ sagt Joanne Ikeda. „Eltern haben Angst, wenn sie ihren Kindern helfen, sich gut zu fühlen, daß diese nicht mehr denken würden, daß es noch nötig sei, abzunehmen. Das ist absolut falsch, besonders wenn man den Druck der Schulkameraden und der Medien betrachtet. Die meisten Kinder, ob dick oder dünn, haben ziemlich schlechte Eßgewohnheiten. Aber es gibt keinen Unterschied darin, was dicke und was dünne Kinder essen.“ Studien bestätigen Ikeda’s Beobachtungen. Leona Shapiro und Patricia Crawford sind Ernährungsforscherinnen an der University of California in Berkeley. 1985 schlossen sie eine 16-Jahre-Langzeitstudie über die Entwicklung von Dicksein und Dünnsein ab. Die Studie begann 1969 mit einer Gruppe von 450 sechs Monate alten Babys. Ungefähr 185 wurden über die folgenden Jahre begleitet und ihre Maße ermittelt. Die Ergebnisse beseitigten einige der Mythen über Gewicht und Kinder. „Zu der Zeit als die dickeren Kinder Teenager wurden, aßen sie etwas weniger als die anderen,“ sagt Shapiro. „Außerdem werden dicke Babys gewöhnlich nicht zu dicken Teenagern. Wir haben vielmehr herausgefunden, daß Gewichtszunahme im Babyalter kein Vorzeichen für späteres Übergewicht ist. Und Dicksein steht auch nicht in Verbindung mit dem „leeren Teller“-Syndrom oder mit einem „süßen Zahn“ bei Kindern.“ Nach dieser Studie beginnt Übergewicht bei Kindern meistens im Alter zwischen sechs und neun Jahren, obwohl es auch manchmal schon im Alter von zwei oder drei Jahren anfängt. Kinder, die im Alter von neun bis zwölf dick sind, werden wahrscheinlich auch als Teenager dick sein, und manche Untersuchungen zeigen, daß dicke Teenager wahrscheinlich dicke Erwachsene sein werden. Und noch einmal: Der Grund sind nicht ihre Eßgewohnheiten. Sowohl die Berkeley-Studie als auch eine frühere Studie (die von der Ernährungswissen-schaftlerin Jean Mayer in Schulen von Newton und Brookline, Massachusetts durchgeführt wurde) zeigen auf, daß dicke Teenager-Mädchen dazu neigen, weniger zu essen als Mädchen mit durchschnittlichem Gewicht, sie neigen aber auch dazu, körperlich weniger aktiv zu sein.

 

Wie geht man aber mit den Gesundheitsgefahren um? Hierzu hat der medizinische Forscher Paul Ernsberger nachgewiesen, daß Erwachsene, die als Kind schon dick waren, nicht mehr gefährdet sind, eine Herzkrankheit oder Kreislaufprobleme zu bekommen, als der Rest der Bevölkerung auch. Die dicken Menschen, die eher anfällig für Gesundheitsprobleme sind, sind diejenigen, die erst als Erwachsene zugenommen haben. Alle diese Untersuchungen zeigen, daß die Dinge, die wir mit dicken Kindern in Verbindung bringen, nochmals überprüft werden müssen. Ein dickes Baby beispielsweise auf Diät zu setzen, wäre schlimmer als sinnlos. „Eltern geben ihren Kindern manchmal fettarme oder fettlose Milch...,“ sagt Joanne Ikeda. „Das ist ein relativ neuer Trend, der verheerend für die gesunde Entwicklung des Kindes sein kann.“ Ältere Kinder auf Diät zu setzen, ist nicht viel besser. Die Erfolgsrate ist düsterer als bei Erwachsenen und schädliche körperliche Auswirkungen können das Resultat sein, da das Wachsen und die Entwicklung von Kindern direkt mit einer angemessenen Ernährung verbunden sind. „Manche dieser Kinder werden dicke Erwachsene werden, egal, was sie tun,“ sagt Ikeda. „Es ist wichtig, ihnen ein gutes Gefühl über sich selbst zu geben, und sie wissen zu lassen, daß sie okay sind.“

 

Kindern ein gutes Gefühl zu sich selbst zu vermitteln heißt nicht, die Verantwortung für ihre Ernährung aufzugeben. Eltern sollten immer noch ihre Kinder zu einem gesunden und genußvollen Eß- und Sportverhalten führen, genauso wie sie sie auch bezüglich anderer Verhaltensweisen und Werte leiten. Aber Quälen ist kein Führen, und einschränkende Diäten sind alles andere als gesundes Eßverhalten. Kinder haben ein Recht darauf, glücklich zu sein, ungeachtet des Gewichts, sowohl jetzt als auch später als Erwachsene. Mit anderen Worten: Wir sollten dicke Kinder genauso rücksichtsvoll behandeln wie dünne. Und wir sollten von anderen erwarten, dasselbe zu tun.



[i] Original „You’re somebody: How to be a slim kid“

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Elke S. (Freitag, 15 August 2014 12:04)

    So ist es definitiv. Und diesen Artikel hätte ich in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts gerne meinen Eltern unter die Lesebrille gehalten.

  • #2

    Bettina (Sonntag, 25 Januar 2015 09:39)

    Hallo,
    ich finde man kann sich vieles auch Schönreden.
    Ich bin eine sehr dicke Frau. Mit über 100kg.
    Alle meine Kinder sind schlank.
    Ich war auch schon ein dickes Kind und was ich da so alles aufgrund meiner Leibesfülle erlebt habe verfolgt mich noch heute. Deswegen war es für mich sehr wichtig das ,dass was meine Eltern mir angetan haben, indem sie mich alles haben essen lassen ohne auf einen sportlichen Ausgleich zu achten nicht zu wiederholen.
    Sicher sollte es viel mehr Toleranz und vor allen Dingen Aktzeptanz geben.
    Doch ich finde das die Eltern in der Pflicht sind.
    Für mich ist das Dick Füttern von Kindern Schwere Körperverletzung.