Das ewige Gerede über Diäten

Im Blog von Elizabeth hat diese sich im Beitrag "Talking about diet talk" mit vielfältigen Formen von Diätgeschwätz auseinandergesetzt. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin hat Anja Drescher den Artikel übersetzt: 

Ich will nichts von deiner Diät hören. Ich will nicht wissen, wie viele Kalorien du heute gegessen hast oder morgen planst zu essen. Ich will nicht wissen, ob du letzte Woche 500 g abgenommen oder 3 kg zugenommen hast im Urlaub. Ich will nicht wissen, ob ein Zumbakurs dir geholfen hat „2 Kilo in einer Woche zu verlieren“.

Grundsätzlich, das ist mir scheißegal.

Das heißt nicht, dass du mir egal bist – wenn du mein Freund bist, interessiere ich mich ganz bestimmt für dich. Wenn du ein Mensch bist, der diesen Blog liest, interessiere ich mich auch für dich. Und wenn Gesundheit dir ein Anliegen ist, interessiert mich das: mich interessiert, wie du zu deiner Gesundheit stehst und zu deinem Körper. Wahrscheinlich interessiere ich mich sogar dafür, wie weit du am Wochenende Fahrrad gefahren bist und ob du dich deswegen gut fühlst. Oder ob Zumbakurse so viel Spaß machen und so energetisierend sind, wie die Leute in meinem Fitnessstudio zu meinen scheinen. Wahrscheinlich interessiere ich mich sogar dafür, ob die Gluten-freie Ernährung was bringt, von der du hofftest, sie würde bei einigen unangenehmen Symptomen, die du hattest, helfen. Ich will nur nicht genau wissen, ob du deine Umstandsjeans getragen hast, während du diese Gluten-freien Snacks gebacken hast oder nicht. Und ich will definitiv nicht wissen, wie viele Kilojoule eine Portion dieser Gluten-freien Chips hat, die du mir anbietest und, verdammt noch mal, wie vielen Minuten auf dem Stepper das entspricht.

 

 

Weil, ich wiederhole es ungern: Es ist mir scheißegal.

 

 

Komm mit deinem Gerede über Diäten nicht zu mir, weil

 

  • es langweilig, ermüdend und ärgerlich ist. Ich bekomme es von überall sonst – Fernsehen, Zeitschriften, Kollegen bei der Arbeit, die ich (bedauerlicherweise) nicht mit Plastikgabeln stechen kann, um sie zu stoppen und sogar beim Arzt. Im Diät-Hamsterrad zu sein, mag sich wie eine Clubzugehörigkeit anfühlen oder es mag schlicht normal erscheinen, aber es ist kein Club, in dem ich Mitglied sein möchte, und es ist nicht normal für mich. Erwarte nicht, dass ich da mitmache.      

 

  • Es ist beleidigend, wenn du mir erzählt, wie du 5 Kilo verlieren möchtest, um in einen „gesunden Gewichtsbereich“ zu kommen, wenn ich dazu vierzig verlieren „müsste“. Es ist beleidigend, darüber zu reden, wie eklig dein Fett ist, wie „böse“ du wegen des Essens bist, wie verzweifelt du verhindern möchtest, während der Schwangerschaft zu viel Gewicht zuzunehmen, während du neben einer dicken Person stehst. Du beabsichtigst vielleicht nicht meinen Körper zu verunglimpfen, indem du auf deine „Fehler“ aufmerksam machst, aber genau das tust du. Also lass es.

 

  • Diäten funktionieren nicht. Die Diätindustrie verdient Milliarden mit einer absolut fehlerhaften Vorstellung und floriert durch die wundergläubigen Diäter weltweit. Kauf ihnen den Blödsinn nicht ab! Und wenn du den Blödsinn für dich allein kaufen willst, ist das deine Sache, aber verlang nicht von mir, das Gleiche zu tun. Das werde ich nicht. Und ich werde dich nicht auch noch dazu ermuntern und dafür loben.

 

  • Erzähl mir nicht, dass „Gerede über Diäten“ gleichbedeutend wäre mit Gesprächen über Gesundheit. Erzähl mir nicht, dass es bedeutet, Gesundheit wäre mir egal, wenn ich Gerede über Diäten in meinem Blog nicht erlaube (oder im direkten Gespräch entmutige oder all den Leuten nicht folge, die anfangen, ihr tägliches Kalorienzählen auf Twitter zu posten). Es ist nicht das Gleiche. Du willst mir erzählen, wie großartig du dich fühlst, seit du angefangen hast zu laufen? Tu dir keinen Zwang an. Du willst mir erzählen, wie du dich um deine Knie sorgst, und wie du einen gesunden Weg finden willst, sie zu stärken und die Funktionalität deines Körpers zu verbessern? Ist mir recht. Aber beleidige weder Deinen eigenen Körper, noch erwarte von mir, dass ich Deiner impliziten Aufforderung, eine Diät oder Dein Ziel abzunehmen, gut heißen werden. Da gibt es einen großen Unterschied zwischen den beiden Aussagen „Ich denke, ich brauche mehr Vitalität: Ich sollte aktiver sein.“ =/= „Mein fetter Hintern ekelt mich an. Ich zwinge mich dazu, ins Fitnessstudio zu gehen.“ Verstanden.

 

Ich habe schon früher darüber geschrieben, wie uns Kritiker der FA (Fat Acceptance – Fettakzeptanz/Dickenakzeptanz) vorwerfen „aufzugeben“. Andere Kritiker werfen uns vor, Leute auszuschließen oder der Bewegung durch zu viele Regeln zu schaden, oder indem wir die körperliche Autonomie leugneten mit unserem „Du sollst nicht diäten“-Dogma. Ich glaube nicht, dass da wirklich drüber nachgedacht wurde, worum es bei der Dickenakzeptanz geht.

 

 

Für mich ist das „Gerede über Diäten“ nicht das Gleiche wie „sich über Diäten unterhalten“. Das bedeutet, manchmal möchte man vielleicht über frühere Erfahrungen mit beabsichtigtem Abnehmen sprechen. Oder du möchtest vielleicht darüber reden, wie verlockend diese Diätanzeigen sind. Oder du möchtest vielleicht darüber reden, wie du eine operative Gewichtsreduktion in Erwägung gezogen hast (oder hast machen lassen). Und du möchtest diese Gefühle von Verzweiflung und Negativität abstimmen mit dem Wunsch, dich besser zu fühlen mit deinem Körper und gesund zu sein. Das ist OK. So lange du diese Gespräche nicht mit Sprüchen im Sinne von „alles Fett ist schlecht, also ist auch mein Fett schlecht“ gestaltest, habe ich kein Problem damit. Oder du möchtest vielleicht über deine Ernährung im Allgemeinen reden: du möchtest vielleicht über die Nahrungsmittel, die du isst und deine Essgewohnheiten reden. Vielleicht möchtest du sogar darüber reden, sie zu ändern und eine größere Esskompetenz zu erwerben. Auch das ist OK. Wo das Endziel nicht Abnehmen ist und wo der Fokus auf Dingen liegt wie „Ich möchte mehr Vollwertkost essen.“ statt „Ich werde 500 Kilojoule pro Tag aus meiner Ernährung streichen.“ könnte das Gespräch gut zu „Gesundheit in jeder Größe“ (Health At Every Size) passen und mit Dickenakzeptanz vereinbar sein.

 

 

Jeder, der sich mit Dickenakzeptanz beschäftigt, hat wahrscheinlich ein kompliziertes Verhältnis zum eigenen Körper und sehr wahrscheinlich Erfahrungen mit Diäten. Bei den meisten Menschen – besonders Frauen – in der „westlichen Welt“ ist das so. Daher sind wir alle am Lernen, und es wird immer Leute in verschiedenen Phasen der Selbstakzeptanz geben innerhalb der Bewegung. Das ist OK. Aber es gibt auch sehr gute Gründe, warum FA Blogs normalerweise frei von jeglichem Gerede über Diäten sind. 99,9 % aller Lebensbereiche sind offen für Diätgerede und deine Diskussionen darüber, wie viel besser es dir ginge, wenn du Gewicht verlieren würdest. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass du, wenn du nicht gerade sehr dünn bist, aktiv ermutigt wirst, so über dich zu reden (und wenn du dünn bist, wirst du aktiv ermutigt, andere negative Dinge über dich zu sagen, zum Beispiel, wie du dir wünschst, „kurviger“ zu sein). FA Blogs sind Bereiche, wo niemand dir sagen wird, du sollt „abnehmen“ (oder kurviger werden), um jedwedes emotionale oder körperliche Problem zu lösen, das dich belastet.

 

 

Es gibt Bereiche, wo sich Menschen nie stigmatisiert oder verteufelt fühlen wegen ihres Gewichts, ob sie „gesund“ sind oder nicht, ob sie in der Vergangenheit Diäten gemacht haben oder nicht. Das zu respektieren ist nicht nur anständig, es ist auch entscheidend für die Bewegung. Dickenakzeptanz baut ein alternatives Körpermodell auf und ein neues Vorbild, wie wir Gewicht sehen – es ergibt keinen Sinn, von FA Bloggern zu verlangen, Kommentare anzunehmen, die die gängige Mehrheitsmeinung zeigen statt unserer eigenen Ansichten. Aber es ist sinnvoll zu verlangen, dass Dickenakzeptanz Vielfalt begrüßt, inklusive vielfältigen Ansichten (so lange sie nicht den zentralen Werten der Bewegung diametral entgegenlaufen). Es ist auch sinnvoll, die Tatsache anzuerkennen, dass viele dicke Leute und andere potentielle FA-Unterstützer Diäten machen, Patienten von Schönheitskliniken oder Leute sind, die sich von Essstörungen erholen. Mein Verhältnis zu meinem Körper und meiner Gesundheit ist nicht perfekt, und ich habe Tage und Wochen, an denen ich mich der Vorstellung, dünn(er) zu sein, hingebe. Anderes zu behaupten oder von Leuten zu verlangen, dass sie sich ausschließen, bis sie eine magische Ebene einer perfekten Körperakzeptanz erreicht haben, wäre lächerlich (weswegen das FA auch nicht tut).

 

 

Viele DickenaktivistInnen sind auch FeministInnen und meiner Meinung nach ist der wichtigste Grundsatz, den beide Bewegungen gemeinsam haben, der Kernglaube an körperliche Unabhängigkeit. Sich für Dickenakzeptanz einzusetzen, bedeutet Freiheit von Unterdrückung und vorurteilsbehafteter Behandlung zu verlangen. Es bedeutet auch, Respekt als menschliches Wesen zu verlangen: wenn ich dieses Törtchen essen möchte, werde ich es essen, weil es mein Recht ist, unabhängig davon, wie andere vielleicht meinen dicken Körper überwachen möchten und das Verhalten, was ihrer Auffassung nach mein Dicksein „verursacht“ hat. Es macht daher natürlich auch Sinn, dass Du wenn du dieses Törtchen (oder welche Nahrung auch immer) nicht essen möchtest, dies genauso dein Recht ist. Wenn du berechnen möchtest, wie viele Kalorien in dem Törtchen sind, bevor du entscheidest, ob du es essen kannst? Na gut. Dein Recht. Körper- und Nahrungskontrolle gehört nicht zu meinen Zielen, und das gilt auch für dünne Körper und Körper, die Diät halten. (Beachte den Riesenunterschied zwischen „Ich unterstütze das nicht.“ und „Ich möchte das verbieten.“)

 

 

Aber, die Sache ist so, in unserer Kultur ist Diät halten eine Aktivität, die äußerst populär, normiert und stark beworben ist, nicht nur von der Industrie, sondern auch Regierungsbehörden, die Medien, kulturellen Anspielungen … im Grunde allen. Wir brauchen keine Diätakzeptanzbewegung!

 

 

Anzuerkennen, dass wir dickenfreundliche Bereiche brauchen, wo Leute ihre Gefühle ausdiskutieren können, sei es die fortbestehende Scham über ihren Körper, Verwirrung über Gesundheitsberichte oder verinnerlichte Ängste und Hassgefühle, ist nicht das Gleiche wie zu sagen, dass FA Diätdiskussionen erlauben sollte. Gleichermaßen zu behaupten, FA muss die Praxis mittels Diät abzunehmen, akzeptieren, um integrativer zu sein, ist ein bisschen wie die Aussage, der Feminismus sollte Frauenfeindlichkeit akzeptieren, um mehr Unterstützung zu bekommen. Die meisten Leute haben Frauenfeindlichkeit verinnerlicht: das ist etwas, was FeministInnen anerkennen und damit umzugehen versuchen, allein und in der Bewegung. Genauso haben die meisten Leute Scham über ihren Körper verinnerlicht, und es nützt nichts so zu tun, als hätten wir das nicht.

 

Und was mache ich an den Tagen, an denen ich anfange, negative Selbstgespräche über meinen Körper zu führen und der Gedanke kommt, doch auf das Hamsterrad des Abnehmens zu springen? Dies sind die Tage, an denen FA-Seiten, die explizit Diätdiskussionen verbieten, am wertvollsten sind. Und zwar weil ich überall sonst Gefahr laufe zu hören „Ja, du sollst abnehmen, um deine Probleme zu lösen.“ (ungeachtet der Tatsache, dass permanenter Gewichtsverlust für 95 % der Leute derzeit unerreichbar ist.) Überall sonst laufe ich Gefahr, verurteilt zu werden für mein Aussehen und an unerreichbaren Körpergrößennormen festzuhalten. Ich laufe Gefahr, dazu verführt zu werden, zu glauben, dass eine Diät oder eine andere schnelle Maßnahme meine Gesundheit und mein Wohlbefinden verbessern wird, an Stelle von nachhaltigen, gesunden Verhaltensweisen, die vielleicht oder vielleicht auch nicht in einer Gewichtsveränderung resultieren. Ich bin gefährdet, weil wir das alle sind. Die Konditionierung ist so mächtig, dass es für viele Leute fast unmöglich ist, sie zu überwinden. Deshalb ist FA so beängstigend und sogar anstößig für manche Leute. Es fordert die Grundglaubenssätze heraus, die wir über uns selbst gebildet haben.

 

 

Wie Marianne Kirby so treffend sagt: Die Antwort auf “Ich hasse meinen Körper” sollte nie sein „Hast du schon mal an Abnehmen gedacht?“

 

Das bedeutet nicht für eine Sekunde, dass du ein schlechter oder dummer Mensch bist, wenn du versuchst abzunehmen oder dies in Erwägung ziehst, oder dass du hier nicht willkommen bist oder dass du automatisch ausgeschlossen wirst aus der Dickenakzeptanzbewegung. Es bedeutet einfach nur, dass das Kernstück der Dickenbewegung und der Förderung eines positiven Körperbildes die Akzeptanz ist. Es ist nicht verpflichtend, die ganze Zeit nett zu dir selbst zu sein, aber wenn du dich auf die Dickenakzeptanz einlassen möchtest, musst du es versuchen. Du musst in der Lage sein, eine Verbindung herzustellen zwischen deiner Angst oder deinem Hass deinem eigenen Fett gegenüber und was dies über den Platz sagt, den dicke Leute in der Gesellschaft haben. Und du musst daran arbeiten, Wege zu finden, die diese Ansichten ändern – sogar deine eigenen. Wenn du dich auf die Dickenakzeptanz einlassen möchtest, musst du nicht auf alles eine Antwort haben und du musst ganz bestimmt nicht glauben, dass ich oder irgendeine andere Person auf alles eine Antwort hat. Du musst nur bereit sein, außerhalb der dominierenden Botschaften, die wir von der Diätkultur bekommen, danach zu suchen.

 

 

Und das bedeutet vielleicht, dir die Zeit zu nehmen, für eine Minute aufzuhören über dein Abnehmen zu reden, damit du hören kannst, was dir die Alternative bietet.

 

—–

 

Dies ist eine ziemlich schwer zu verdauenden Ausgabe, daher habe ich ein paar Gedanken anderer auf der Seite (oder anderswo) über Diät in der Dickenakzeptanz hinzugefügt – wenn du andere Links hast, fühle dich frei, sie in den Kommentaren zu posten.

 

Low Fences: why yes, FA is difficult The Rotund was involved in a recent tweetsplosion about this issue and here are some of her thoughts.

 

Why I’m not against dieting This post by Fatuosity is interesting in its own right, and it also generated some engaging discussion in comments.

 

The elephant (so to speak) in the room This post at Shapely Prose outlines why FA and diet culture (not individual dieters) aren’t compatible.

 

 

Vielen Dank nochmal an Anja, für diese lange Übersetzung!!!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0