Eßstörungen

Die einen sind zu dick, die anderen magern und sind hager, und die dritten wechseln zwischen beiden Extremen: mal Heißhunger, mal Erbrechen. Eßstörungen sind in den letzten Jahren in aller Munde. Bevor ich hier auf das Thema Eßstörungen und Eßsucht näher eingehe, möchte ich ein häufig von vielen dicken Menschen selbst geglaubtes Vorurteil ansprechen: Nicht alle dicken Menschen sind automatisch eßgestört oder gar eßsüchtig. 

Die Grenzen zwischen normalem Eßverhalten und einer Eßstörung sind zwar häufig fließend, da wir in unserer diätversessenen Gesellschaft alle sicherlich schon die eine oder andere Diät gemacht haben und damit das kontrollierte Essen eingeführt haben. Aber nicht jeder dicke Mensch ist aufgrund von einer Sucht und durch ungezügeltes Eßverhalten dick. Dennoch kann es natürlich die eine oder andere geben, die von Eßsüchten betroffen ist. 

Der folgende Text soll einen Überblick über die verschiedenen Eßstörungen geben und erste Ansätze zur Lösung des Problems liefern.

 

Eßstörungen zählen zu den psychosomatischen Erkrankungen mit einer erheblichen Beteiligung sozialer Faktoren. Neben dem gestörten Eßverhalten findet sich häufig ein zusätzlich erhöhter Konsum von Medikamenten, insbesondere von Abführmitteln und Psychopharmaka. Schätzungen gehen davon aus, daß in Deutschland ca. 5 bis 10 Prozent der weiblichen Bevölkerung eßgestört sind. Bei Männern ist in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz festzustellen; insgesamt sind sie von diesen Erkrankungen jedoch seltener betroffen.

 

Unter dem Begriff „Eßstörungen" werden im wesentlichen drei Krankheitsbilder eingeordnet. Die Betroffenen leiden entweder an Magersucht, Eß-Brechsucht oder latenter Eßsucht.

 

Bei der Magersucht oder Anorexie steht die Nahrungsverweigerung im Vordergrund, gekoppelt an eine panikartige Furcht vor Gewichtszunahme. Mit größtem Energieaufwand wird versucht, das Essen auf ein Minimum zu reduzieren. Ein starker Gewichtsverlust bis zu einem Restgewicht von bis zu 30 kg ist die Folge. Magersüchtige sind nicht in der Lage, ihre Krankheit wahrzunehmen. Manchmal sind künstliche Ernährung und eine intensiv-medizinische Therapie unumgänglich. Folgeschäden der Magersucht sind neben dem Untergewicht erniedrigte Körpertemperatur, Ausbleiben der Menstruation, Unfruchtbarkeit, Herzrhythmus- und Stoffwechselstörungen.

 

Zentrales Merkmal der Bulimie oder Eß-Brechsucht sind Heißhungerattacken, die von den Betroffenen nicht mehr kontrolliert werden können. Ausgelöst werden diese „Freßanfälle" durch ein unwiderstehliches Verlangen nach Lebensmitteln, die ohne Lust am Essen gierig verschlungen und anschließend durch selbstausgelöstes Erbrechen wieder ausgeschieden werden. Die Betroffenen erleben ihr Handeln im Gegensatz zu den Magersüchtigen als krankhaft und leiden unter ihrem Eßverhalten, welches sie vor der Umwelt streng verheimlichen. Folgen der Bulimie sind Entzündungen in Mund, Speiseröhre und Magen; außerdem kann es zu lebensbedrohlichen Störungen des Mineralhaushaltes kommen.

 

Eßsüchtige Frauen und Männer haben entweder periodisch auftretende Eßanfälle, oder aber sie essen permanent. Ein normales Empfinden von Hunger und Sattsein ist nicht vorhanden. Das Essen dient dazu, die eigene Gefühlswelt zu überdecken. Die Bezeichnung „latente Eßsucht" steht für ein andauerndes, kontrolliertes Eßverhalten. Das „eine Mal zu viel essen" wird mit Fasten oder einer Diät ausgeglichen.

 

In der Lebensgeschichte der Betroffenen mit Eßstörungen finden sich häufig unbewältigte familiäre Konflikte und Störungen in der Entwicklung einer unabhängigen Identität. Eßstörungen treten meist in der Pubertät erstmals auf, d.h. in einer Zeit, in der Eigenständigkeit und Loslösung von der Familie anstehen. „Einstiegsdroge“ ist immer die Diät und die gehören bei Mädchen und eben zunehmend auch bei Jungen heutzutage leider zur Standardlösung und wird von viel zu vielen ausprobiert.

 

Für alle Formen der Eßstörungen gilt, daß die Nahrungsaufnahme und die Nahrungsverweigerung häufig im Zusammenhang mit Bedürfnissen stehen, die mit Ernährung nichts zu tun haben. Eßgestörte können oft nicht mehr zwischen körperlichem und psychischem Hunger oder Sattsein unterscheiden. Unbewußt haben die Kranken einen seelischen Konflikt auf die körperliche Ebene verschoben. Bitten oder Aufforderungen, „normal" zu essen, sind praktisch nie erfolgreich. Selbsthilfegruppen und psychotherapeutische Behandlungen bieten dagegen gute Heilungschancen. Solltest Du für Dich oder andere Hilfe suchen, wende Dich bitte an Deinen Arzt oder an eine Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen.

 

 

Hilfe für Eßgestörte

Millionen von Familien weltweit stehen heute vor dem Problem, daß eine Angehörige an einer Eßstörung leidet. Fälle von Bulimie (Freß-Brech-Sucht), Magersucht (anhaltende Unfähigkeit oder Weigerung zu essen) und Fettsucht (unbeherrschtes Essen) sind in vielen Regionen rapide angestiegen. Betroffen sind Menschen aller Altersgruppen, meistens weiblich. Zu den Erkrankten gehören sowohl junge Mädchen als auch Frauen im reiferen Alter, darunter Großmütter.

 

Wenn jemand, den man gern hat, an einer Eßstörung leidet, möchte man ihr oder ihm zweifellos helfen. Aber eine bulimische Patientin zu bitten, die Eßanfälle und das Erbrechen zu unterlassen, wäre so, als würde man jemanden mit einer Lungenentzündung auffordern, nicht zu husten. Bevor man überhaupt helfen kann, müssen die zugrundeliegenden tiefgehenden psychischen Probleme erkannt und angegangen werden. Wichtig ist Geschick – nicht nur die gute Absicht. Manchmal ist das verursachende Problem sexueller Mißbrauch in der Kindheit. In diesem Fall braucht die Betroffene meist spezielle Hilfe von einem qualifizierten Berater oder eine Beraterin.

 

Auf das Problem eingehen

Es ist nicht immer leicht, bei einer Tochter, Ehefrau oder Freundin eine Eßstörung zu erkennen. Das liegt daran, daß die Betroffenen ihr Problem versuchen zu verbergen. Doch eine Eßstörung verschwindet im allgemeinen nicht von selbst. Je früher die Erkrankte angesprochen wird und Hilfe erhält, um so größer sind die Heilungsaussichten. Ehe man aber jemanden anspricht, der vermutlich eine Eßstörung hat, sollte man sorgfältig überlegen, was man sagt und zu welcher Zeit. Am besten ist es, wenn man selbst ruhig ist und keine Störungen zu erwarten sind. Falsches Vorgehen, zum Beispiel heftiges Drohen, behindert die Kommunikation und macht alles nur noch schlimmer.

 

Im Gespräch mit der Betroffenen kommt es darauf an, sie nicht zu verurteilen, sondern präzise Aussagen zu machen. Man könnte sagen: „Du hast ziemlich viel abgenommen. Deine Kleider sind Dir zu groß. Hat das einen Grund?“ Oder: „Ich habe gehört, wie Du Dich im Bad übergeben hast. Ich weiß, das ist Dir peinlich, aber ich möchte Dir helfen. Können wir nicht offen zueinander sein?“ Selbst wenn sie ärgerlich wird und alles abstreitet, läßt sie sich vielleicht durch ruhige Worte zu einem Gespräch überreden. Offenheit ist ein realistisches Ziel für das erste Gespräch. Eßstörungen entstehen oft in Familien, in denen großer Wert auf die Figur gelegt wird und die Kinder hauptsächlich für ihr Aussehen oder ihre Leistungen gelobt werden. Wenn somit ein Familienmitglied eine Eßstörung hat, müssen die Angehörigen womöglich ihre Einstellung und ihre Prioritäten überdenken. Um eine Besserung zu erreichen, ist es mitunter unerläßlich, daß sich die Angehörigen ändern. Ihre Bemühungen sind häufig ausschlaggebend für eine Heilung.

 

Selbstvertrauen fördern

Die meisten Eßgestörten sind Perfektionisten. Viele von ihnen haben kaum Fehlschläge erlebt. Manchmal haben die Eltern trotz bester Absichten zu dem Problem beigetragen. Wie? Dadurch, daß sie ihr Kind zu sehr behütet haben und es gegen alle Anfeindungen abschirmen wollten. Eltern müssen ihrer Tochter vor Augen führen, daß Fehler zum Leben gehören und nicht ihren Wert als Person bestimmen. Wenn Eltern ihrer Tochter verstehen helfen, daß Niederlagen normal sind, vorübergehen und zu überwinden sind, wird sie bei Fehlschlägen nicht am Boden zerstört sein. Zudem müssen Eltern akzeptieren und erkennen, daß jedes Kind anders ist. Sie sollten es nicht in eine von ihnen ausgedachte Form pressen. Um die Eßstörung überwinden zu können, muß diejenige fühlen, daß sie als Individuum respektiert und geschätzt wird.

 

Offener Gedankenaustausch

In vielen Familien, in denen eine Tochter oder die Ehefrau eine Eßstörung hat, läßt der Gedankenaustausch zu wünschen übrig. Eßgestörten fällt es meist schwer, ihre Meinung zu äußern, wenn diese anders ist als die der Eltern oder des Ehepartners. Das gilt besonders für Familien, die nach der Regel leben: „Wenn Du nichts Nettes zu sagen hast, dann sag nichts.“ Essen wird zum Mittel, Frustrationen zu verdrängen. Matthias konnte seiner Frau nicht helfen, von ihrer Fettsucht loszukommen. „Immer wenn sie aufgeregt ist, weint sie und stopft sich voll“, klagte er. „Sie sagt mir nie, was sie stört.“ Ein Berater empfahl dem Ehepaar, wöchentlich eine Stunde für ein privates Gespräch zu reservieren, bei dem beide abwechselnd irgendwelche Klagen vorbringen können, ohne unterbrochen zu werden. „Das öffnete mir die Augen“, sagte Matthias. „Ich hatte keine Ahnung, daß Monika über vieles unglücklich war und daß ich dazu neigte, mich ständig zu rechtfertigen. Ich hielt mich für einen guten Zuhörer, aber das war ich gar nicht.“ Will man der eigenen Frau oder Tochter helfen, muß man bereit sein zuzuhören, wenn sie sich negativ äußert und unzufrieden ist.

 

Anzeichen von Eßstörungen:

  • Drastische Nahrungsreduktion wie bei strenger Diät oder beim Fasten
  • Extremer Gewichtsverlust oder starke Gewichtsschwankungen
  • Absonderliche Eßrituale, zum Beispiel Nahrung in winzige Stücke zu schneiden
  • Trotz geringen Gewichts große Angst, dick zu werden
  • Beschäftigung mit Essen und/oder Gewicht und ständiges Sprechen darüber, dabei oft anstrengende sportliche Betätigung
  • Ausbleiben der Menstruation
  • Isolierung, Heimlichtuerei, langes Verbleiben im Bad
  • Veränderungen des Gemütszustands wie Depressionen und Reizbarkeit
  • Eßanfälle bei Ärger, Nervosität oder Aufregung
  • Mißbrauch von harntreibenden Mitteln, Appetitzüglern oder Abführmitteln


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Kommentare: 2
  • #1

    Annette (Donnerstag, 25 Dezember 2014 11:56)

    Hallo,
    ich fürchte, ich habe das Problem bei einer Freundin, aber ich finde es tatsächlich sehr schwer, sie anzusprechen. Sie ist Meisterin im Ausweichen und Themenwechseln und es ist ihr sicherlich peinlich, darauf angesprochen zu werden. Aber abzuwarten, bis es richtig schlimm wird, fällt mir sehr schwer. Ich freu mich über Ratschläge, wie ich vielleicht besser an sie rankommen könnte.

  • #2

    Susanne Biro (Mittwoch, 04 Mai 2016 11:09)

    Danke für diese schöne Zusammenfassung, die mir etwas Klarheit gebracht hat. Auch Erleichterung, ich glaube, ich bin nicht esssüchtig.