Menschen, die Dich verabscheuen, können Dir nicht helfen!

Ein Beitrag, inspiriert durch einen englischen Text von Sleepydumpling: "You cannot help those you loathe".

Der zentrale Gedanke zu diesem Artikel entstand durch einen Artikel über häusliche Gewalt und die Arbeit mit verurteilten Männern. Dort kam die Autorin zu der Erkenntnis: „Ich kann Menschen, die ich verabscheue, nicht helfen.“ 

Mit diesem Gedanken ging ein anderes "Klick" in meinem Kopf an. Stimmt dieser Gedankengang nicht auch für viele Menschen, die meinen, dicken Menschen helfen zu wollen? Alle diese Ernährungsberater, Adipositasexpertinnen, Chirurgen, die unser Fett wegschneiden, die Diätmittelindustrie und leider auch viele Ärzte. Sie alle behaupten, sie wollen uns helfen – aber wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, verabscheuen sie uns. 

Manche reden sogar von Ekel. Möglicherweise verabscheuen sie nur unser Fett oder ekeln sich davor, aber dieses Fett gehört nunmal zu uns. Es ist nicht eine Masse, die man einfach abtrennen kann und keine Hülle, die es gilt, abzulegen. Sie gehört zu uns, und wenn diese Ekel hervorruft, dann ekeln wir die Menschen, die uns da vermeintlich helfen wollen.

 

Sie können keinen Menschen helfen, die sie eigentlich verabscheuen.

 

Mit diesem Satz macht dann auch die Sprache, die verwendet wird, um angeblich zu "helfen", Sinn. Sie ist gewalttätig, aggressiv und voller Hass.

 

  • Kampf gegen Fett
  • Krieg gegen Fettleibigkeit
  • Der Kampf gegen das Übergewicht
  • Adipositas -Epidemie

 

Dies sind nur wenige Beispiele, wie in der Sprache Gewalt gegenüber Fettleibigkeit eingesetzt wird.  Übergewicht wird gleichgesetzt mit Krankheit und Epidemien, mit frühem Tod und hohen Kosten. Es muss ein Krieg geführt werden, die sprachlichen Muster sind mit Gewalt und Wut garniert. Sie führt dazu, dass dicke Menschen Schuldgefühle entwickeln, einen eigenen Kampf gegen den eigenen Körper starten und voller Scham alleine zurückbleiben, wenn die, die sie verachten, nicht helfen konnten bzw. man sich selbst bzw. der eigene Körper nicht so verhalten hat, wie es von diesen Menschen geplant war.

 

Ein Kampf gegen das Übergewicht geht nicht ohne einen Kampf gegen übergewichtige Menschen.  Unser Gewicht ist ein Teil von uns, es gehört zu unserer Identität und lässt sich nicht abspalten. Körper sind keine beliebig formbare Hülle, die man beliebig verändern kann – sondern sie gehören in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit zu uns. Mit diesen Worten beschreibt Marilyn Wann den Kampf, der eben kein Kampf gegen eine Masse sondern gegen Menschen ist.

 

Diese Verachtung verursacht für dicke Menschen große Schäden und Verletzungen. Weil sie eben nicht als liebenswerte Menschen gesehen und behandelt werden, sondern als welche, die zunächst verachtet werden und die Großes leisten müssten, um gegen diese Verachtung anzukämpfen. Für Viele zu Großes, was sie niemals und schon gar nicht langfristig erreichen können.

Anstatt uns als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft anzuerkennen und wenn gesundheitliche oder sonstige Beratung notwendig ist, diese mit dem Blick der bestmöglichen Lebensverbesserung für jede individuelle Person zu tun, wird ein Kampf gegen unser Gewicht gestartet, bei dem wir uns im Feuer der Geschütze irgendwie zu bewegen haben. Dicke Menschen, denen dabei Schaden zukommt, werden als Kollateralschäden abgetan. Im Kampf gegen das Fett kann es eben auch mal zu kleineren und größeren Blessuren und Pannen kommen. Dabei wird der Tod von einigen billigend in Kauf genommen, die Traumatisierung vieler Menschen, die ihren eigenen Körper bekämpfen, sind genauso flächendeckende Kollateralschäden, wie auch der gestörte Stoffwechsel von vielen, die diesen durch Diäten ruiniert haben.  Und es werden immer mehr an diese Kriegsfront gegen das Übergewicht geschickt. Sie sind immer jünger, sie sind zunehmend auch männlich und insgesamt sind es viele. Kanonenfutter im Kampf gegen das Übergewicht. Alle Mittel sind recht, Opfer an der Front müssen gebracht werden. Die Strategen und Kriegsführer, die uns verachten und meist selbst sicher in einem schlanken Körper zuhause sind, planen neue Kampagnen und Maßnahmen,  neue Kriegszüge und Kämpfe gegen unser Gewicht. Das dies auch gegen uns geht, wird leider nicht gesehen – es wird übersehen.

 

Jeder, der sich wirklich um das Wohlbefinden von dicken Menschen kümmert, kann unmöglich das Bedürfnis verspüren, einen Krieg gegen das Körpergewicht zu führen. Das Gefühl von Aggression und Abscheu macht jegliche Fähigkeit zu helfen – die vielleicht mal da gewesen war – obsolet. Es kann keine Fürsorge oder Mitgefühl von jemandem geben, der Gewalt am Körper eines anderen ausführt. In seiner Wirkung sind solche, die helfen wollen uns aber eigentlich verachten, nicht besser, als die, die uns gleich als Fettsau und dicke, fette Kuh bezeichnet und offen verachten. Vielleicht ist es sogar noch schlimmer, weil wir es erst aufdecken müssen und uns in falscher Fürsorge gewähnt haben.

 

Wenn sich dicke Menschen dann in Beratung und Unterstützung begeben, die liebevoll und ernst gemeint ist, merkt man schnell, wie sehr sich die Lebensqualität dieser Menschen verändert. Denn wenn wir lernen, unseren Körper zu schätzen und ihn mit Freundlichkeit und Mitgefühl zu behandeln, wird unsere Lebensqualität plötzlich erheblich besser. Wenn wir unterstützende Ärzte finden, wird unsere Gesundheit besser. Wenn wir Hilfe beim Essen und unserer Ernährung benötigen, können die Schäden, die wir durch Diäten und Essstörungen, sowie durch unseren eigenen Körperhass entwickelt haben, geheilt werden. Wenn wir Orte finden, in denen wir uns ohne Scham und Spott körperlich bewegen können, dann lernen wir wieder unseren Körper im Wasser, auf der Tanzfläche oder bei allen möglichen anderen bewegenden Aktivitäten zu genießen. Wenn unsere Familien und Freunde uns lieben und unterstützen, so wie wir sind - sind wir in der Lage, von dem Trauma der Scham und Stigmatisierung zu heilen.

 

Wenn wir mit Respekt und Würde behandelt werden, wird sich unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualität verbessern. Unabhängig davon, wie schwer wir sind.

 

 

 

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