Entwicklung von Schönheitsidealen

Schönheitsideale sind sehr subjektive Vorstellungen von Schönheit einer jeweiligen Zeit. Unser heutiges ausgeprägt schlankes Schönheitsideal ist historisch gesehen nicht besonders alt und hat hoffentlich auch in diesem neuen Jahrtausend keinen allzu langen Bestand. Dieser Text soll einen kleinen Überblick über die unterschiedlichen Schönheitsideale in der Geschichte geben.

Von der Altsteinzeit bis zum Viktorianischen Zeitalter

Die ersten Darstellungen, die für diese Betrachtung relevant sind, stammen aus der jüngeren Altsteinzeit. Beispielhaft läßt sich die berühmte Venus von Willendorf anführen. Ihre Formen lassen sich als sehr üppig beschreiben, mit großen, hängenden Brüsten, dicken Beinen, rundem Bauch und Hinterteil. Möglicherweise symbolisiert diese Figur die Fruchtbarkeit und Ursprünglichkeit der Mutter der Erde.

In der griechischen Klassik entsprechen die Darstellungen dem Zeitgeist: Das Streben nach körperlicher und geistiger Harmonie drückte sich in einem Schönheitsideal aus, das eine vollkommene Körperform suchte. Diese „ästhetische Vollkommenheit” wurde durch ausgewogene Proportionen und Haltungen ausgedrückt.

 

In der Renaissance sowie im Barock bevorzugte man mehr und mehr üppige und volle Körper, was als sinnlich-verlockend galt. Dies wurde durch die Kleidermode sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern noch verstärkt. Im Viktorianischen Zeitalter kam dann die Wespentaille in Mode, die durch das Korsett künstlich erzeugt wurde. Hier wurde durch entsprechende Kleidung das Ideal „schmale Taille” verstärkt; darunter waren die Formen weiblich-üppig.

 

Das 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhundert gehörten noch üppige Busen und Dekolletés zum Schönheitsideal, doch schon in den 20er Jahren kam die erste Schlankheitswelle auf. Die Frauen emanzipierten sich: Im 1. Weltkrieg hatten sie gelernt, auch ohne ihre Männer für sich und ihre Kinder zu sorgen und diese neue Selbständigkeit wollten sie nicht mehr aufgeben. Im Kampf um die Gleichberechtigung wurde eine androgyne Figur angestrebt, sehr schlank und mit kurzem Haarschnitt. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, daß die Frauen ihren weiblichen Körper bewußt oder unbewußt verbergen wollten, um in der Männergesellschaft Fuß zu fassen. Im Zweiten Weltkrieg waren die Formen wieder üppiger. Es wurde die neue Weiblichkeit propagiert, die auf die Aufgabe der Mutterschaft hinwies. Die NS-Ideologie schrieb die Rolle der Frau auf die biologische Funktion des Kinder Gebärens fest. Zu diesem Zweck war es sinnvoll, weibliche Formen zu betonen. Die Nachkriegszeit als eine Zeit des Mangels und der Entbehrungen ließ auch weiterhin volle, gut genährte Körper als erstrebenswert erscheinen, zeugte dies doch von Reichtum. Es wurden sogar gepolsterte BH`s getragen, um dem Körper mehr Fülle zu verleihen. In den 60er Jahren vertraten rassige Frauen mit langen Beinen, schmaler Taille und viel Busen das Schönheitsideal; Frauen wie Sophia Loren oder auch Marilyn Monroe. Letztere war mit Kleidergröße 44 durchaus gut gebaut. Am Ende dieses Jahrzehnts wurde dann das Model Twiggy berühmt, die mit ihren Körperformen an eine Magersüchtige erinnerte. Diese als androgyn zu bezeichnende Figur fällt zeitlich zusammen mit der aufkommenden Studentenbewegung, die gesellschaftliche Umwälzungen forderte und der feministischen Bewegung zu einem Aufschwung verhalf. Die Motivation, Kinder zu bekommen, sank allgemein. In den achtziger Jahren wurden wieder etwas weiblichere Formen mit der Twiggy-Figur kombiniert. Busen sollte wieder sein, dabei sollte aber eine schlanke Taille und wenig Hüfte weiterhin beibehalten werden. Dieses Schönheitsideal kann nur von wenigen hochbezahlten Modells eingehalten werden, dient aber immer noch als Vorbild für viele Frauen. Mit dem Jahrtausendwechsel wurde das Schönheitsideal insofern verschärft, als Bilder mit Photoshop und anderen Tools künstlich leicht verändert werden können. So wurde das Bild der idealen Frau nochmals hochgebauscht. Perfekte Formen, an Taille wenig, an Hüfte ein bisschen, lange Beine und einen gut geformten Busen. Ganz zu schweigen von einer faltenfreien Haut, keinen Hautflecken, Haar mit Volumen. Die perfekte Frau, die in Medien und Werbung abgebildet wird, ist selbst mit Modells nicht mehr zu erreichen, sondern selbst diese werden künstlich aufgehübscht. Ein Frauenbild entsteht, was mit einer echten Frau nichts mehr zu tun hat. 

 

Beim Betrachten des Wandels des Schönheitsideals fällt auf, daß Frauen immer dann schlank sein sollten, wenn sie sich emanzipierten und Gleichberechtigung forderten. „Weiblich-üppig“ waren sie besonders in Zeiten des Mangels und in Zeiten, in denen ihre Gebärfähigkeit gebraucht wurde. Insgesamt zeigt sich aber, daß sich Schönheitsideale im Laufe der Jahrzehnte durchaus gewandelt haben und in keinster Weise statisch sind. Wie viele subjektiven Modeerscheinungen verhält sich auch das „Figurideal“ pendelartig. Der Pendel bewegt sich zeitweise eher hin zum rundlicheren Schönheitsideal, um dann wieder in die andere Richtung auszuschlagen. Die derzeitigen magersüchtigen Modells und der sich langsam äußernde Protest dagegen, lassen hoffen, daß das Pendel sich wieder zurück zu runderen Formen bewegen kann. Neue Plus Size Modells, die durchaus bekannt sind, lassen hoffen. Wenn sie auch leider längst noch nicht den Mainstream darstellen. 

 

Bilder in unseren Köpfen

Schlankheitsideale entstehen natürlich nicht dadurch, daß sie von irgendwem festgelegt werden. Sie werden maßgeblich beeinflusst von Bildern, die uns Tag für Tag begegnen und die sich gegenseitig verstärken. Dabei spielen die Medien eine wesentliche Rolle. Diese tragen in nicht unerheblichen Maße zur Stigmatisierung und Diskriminierung von dicken Menschen bei. Im Film, in Zeitschriften und in der Werbung dominieren durchweg schlanke Frauen. Dadurch entsteht der Eindruck, daß es überhaupt keine Frauen mit einer anderen Figur gibt, geschweige denn, daß diese als Vorbild fungieren könnte. Im Bereich des Films gibt es so gut wie keine dicken Schauspielerinnen, die Charakterrollen, unabhängig von ihrem Gewicht, spielen. Dicke Frauen haben mit wenigen Ausnahmen nur Rollen, in denen sie ungeschickt sind, oder in denen sie bestraft werden. Ausnahmen, wie beispielsweise Marianne Sägebrecht, bestätigen da eher die Regel. In Zeitschriften wird immer von einem schlanken Ideal ausgegangen, selbst kurzfristige Ausnahmen mit natürlichen Frauen lassen dicke Frauen nicht zu. Unwillkürlich entsteht bei der Leserin der Wunsch auch schlank zu sein, um in der Gesellschaft dazuzugehören.

 

Es gibt so gut wie keine Modetips für dicke Frauen; alle Models sind schlank, das heißt sie tragen maximal Größe 36. Selbst wenn es spezielle Mode für dicke Frauen gibt, wird diese von Models vorgestellt, die Größe 42/44 haben, was ich nicht als dick bezeichnen möchte. Das bedeutet, daß sich dicke Frauen mit dem in Frauenzeitschriften Präsentierten nicht identifizieren können; sie werden als Gruppe, die sich für Mode interessiert, einfach ignoriert. Statt dessen gibt es immer wieder Diätvorschläge, die dicken Frauen den Weg zum Idealgewicht ebnen sollen. Damit wird der Zustand des Dickseins als nicht erstrebenswert dargestellt, soll er doch verändert werden. Als Beispiel, wie „leicht” das Abnehmen ist, werden Frauen gezeigt, die durch eine Diät viel Gewicht verloren haben. Die „Vorher-Nachher-Bilder” machen den Unterschied deutlich. Das „Vorher-Bild” zeigt den Schnappschuß einer dicken Frau, die nicht geschminkt ist und meist auch sehr unglücklich aussieht. Das „Nachher-Bild” zeigt eine schlanke Frau, perfekt gestylt, die einen zufriedenen, glücklichen Ausdruck im Gesicht hat. Damit wird die dicke Frau gleich doppelt stigmatisiert: Auf der einen Seite spricht man ihr ab, mit einem solchen Gewicht glücklich sein zu können, auf der anderen Seite wird unterstellt, daß die dicke Frau ungepflegt sei, denn im Vergleich zu ihrem neuen schlanken Ich kommt sie viel schlechter weg. Durch solche Darstellungen wird dicken Frauen selbst die Schuld am Zustand ihres Körpers gegeben, da es ja andere Frauen geschafft haben abzunehmen. Auch in der Werbung ist kein Platz für dicke Frauen. Die Frau in der Werbung soll als Blickfang dienen und zum Kaufen anregen. Durch sie wird das angebotene Produkt mit angenehmen Reizen verknüpft, die dieses selbst nicht hat. Scheinbar werden nur schlanken Frauen angenehme Reize zugesprochen, denn dicke Frauen sind in der Werbung selten oder nur mit negativen Assoziationen zu finden.

 

Positiv hat sich in diesem Jahrtausend das Internet als Plattform für Mode für dicke Frauen entwickelt. Zahlreiche Blogs stellen echte Plus Size Mode vor, ganz zu schweigen von den vielfältigen Modeangeboten im Netz. Sie sind natürlich immer noch ein Klacks zur Modevielfalt für Frauen mit Größe 38. Aber dennoch muss sich keine dicke Frau in braune Cordhosen zwängen. Und die älteren werden diese Zeit noch kennen….

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Kommentare: 1
  • #1

    Elke (Mittwoch, 27 August 2014 13:17)

    Hallo! Ich erinnere mich an Zeiten Ende der 70er des letzten Jahrhunderts, wo ich in einem Jeansshop keine Frauenhose in Gr. 44 - 46 bekommen konnte, da hat sich zum Glück einiges geändert. Da machen wir uns natürlich nichts vor - es geht nicht darum, dicken Frauen Gutes zu tun, sondern an ihr Geld zu kommen, das von den ganzen teuren Abnehmversuchen übrig geblieben ist ;-). Und für alle zum Merken: Ich kaufe in keinem Geschäft mehr, wo Mode für Dicke an schlanken Frauen gezeigt wird. Ich will eine Kultur, in der dicke Menschen einen positiven Platz besetzen. Übrigens sind wir längst in der Mehrheit, seitdem der BMI-Wert für "Übergewicht" von den Gesundheitsbehörden auf 25 herab gesetzt wurde. Gruß an jeden, der das liest!