Monique - eine erfolgreiche, dicke Frau

Im Rahmen meiner Buchrecherche für mein Buch "Wohl in meiner Haut" habe ich beruflich erfolgreiche dicke Menschen interviewt. Lest hier das spannende Interview mit Monique: 

 

Wie ist Dein Name und wie alt bist Du?

 

Mein Name ist Monique, ich bin 40 Jahre alt, Sternzeichen Krebs und derzeit Single. Ich bin 1.57 cm gross und wiege 112 kg, bin also übergewichtig, aber dabei sehr gut proportioniert. 

 

Was machst Du beruflich?


Ich arbeite seit 2010 für ein Schweizer Unternehmen in der Luftfahrtindustrie und bin von diesem Unternehmen aus Deutschland in die Schweiz akquiriert worden. Meine Gesamtaufgabe bestand in der Standortsicherung, da ich aber kaufmännisch alles abdecken kann, habe ich hier das Exportwesen ganz unter mir, vier Personen für die ich als Supervisor im Lagerlogistik Bereich zuständig bin (davon zwei Auszubildende), arbeite im Personalwesen, lerne Kräfte im Einkauf und Vertrieb an und vertrete diese auch, unterstütze in der Qualitätssicherung und bin die Assistentin der Geschäftsleitung. Meine Wochenarbeitszeit umfasst 55-90 Wochenstunden je nach Arbeitsaufwand.


Ist dies der Beruf, den Du gerne machst?


Ich habe in früheren Berufen als Produktionsplanerin, Sales Supervisor, Restaurantleiterin gearbeitet und jeder einzelne Job, inklusive dem aktuellen, haben mich ausgefüllt. Ich bin ein Mensch, der sehr gern arbeitet und der nicht auf die Uhr schaut, wenn noch was auf dem Schreibtisch liegt.


Was macht Deine Tätigkeit für Dich erfolgreich?


In der Position, die ich inne habe, bin und war ich auch in anderen Unternehmen immer die, die alle Zügel zusammen hält, nicht nur der gute Engel ist, sondern auch die, die motiviert, antreibt und jeden Tag die Ergebnisse erkennt. Ich gehe immer erfüllt heim und habe immer das Gefühl, etwas bewegt zu haben, selbst an Tagen, an denen Kunden reklamieren, die Produktion mal still steht oder die Kollegen durchhängen. Ich bin sehr positiv, strahle das auch aus und reisse meistens damit die Anderen mit.


Hast Du im Entscheidungsprozess für diese Stelle darüber nachgedacht, dass Du sie nicht bekommen könntest, weil Du zu dick dafür bist?


Nein, ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, denn meine Leistung ist ganz unabhängig von meinem Übergewichts. Da ich selbst nicht nach Äusserlichkeiten gehe bei Personaleinstellungen oder Kündigungen oder anderen personellen Berücksichtigungen, erwarte ich grundsätzlich das Gleiche von meinem Gegenüber.

Und selbst als ich schwerer war, habe ich in der Gastronomie gearbeitet. Härter, länger und erfolgreicher als meine Kollegen. Gewicht kann, muss aber kein Leistungsdefizit bedeuten.


Hast Du in Deinem Job irgendwann Benachteiligungen wegen Deiner Figur erlebt?


Nein, ich habe aber zum ersten Mal in der Schweiz vor ein paar Jahren erlebt, dass sich 2 Kollegen (eine mit Sitz in DE und eine in unserer Filiale) über ein gesamtes Jahr unglaubliche Mühe gegeben haben, mich hinter meinem Rücken zu diskreditieren und weil sie meine Arbeit nicht schlecht machen konnten, griffen sie mich über das Gewicht an. Es gab haufenweise Mails mit Ausdrücken wie: das fette Schwein, die Fettbrigade, die Fette,  Ostschwabbel (ich bin aus der EX-DDR), sie wollten sogar einen Grunzklingelton für die Handys runterladen, wenn ich anrufe. Das Ganze ist aufgeflogen, als eine der beiden gekündigt wurde aufgrund schlechter Arbeit und ich alle ihre Mails aufs Konto bekam. Als ich die andere Dame (Key Account Managerin) damit offen konfrontierte, ruderte sie zurück und entschuldigte sich mit der Ausrede auch nur ein Rad in einem grossen Uhrwerk zu sein, in dem sie selbst schlecht behandelt werden würde. Wenn ich ihr nicht verzeihen könnte, müsste sie das Unternehmen verlassen. Was sie daraufhin auch tat. Ich habe ihr längst verziehen, denn ich empfinde solch ein Verhalten als armselig und geistig/emotional eingeschränkt, aber ich war damals nicht gewillt, weiter mit einer Person in der Firma zu arbeiten, die die Atmosphäre so vergiftet und andere Mitarbeiter schädigt um ihr eigenes Unvermögen damit zu vertuschen.


Gibt es heute unter Deinen Kollegen andere dicke Menschen? Und spielt das eine Rolle?


Es gab bis dieses Jahr Jemand dickes und bis letztes Jahr Jemanden mit Magersucht. Es spielt keine Rolle, welche Figur jemand hat, denn die Figur rettet keinen verlorenen Auftrag, kann keinen motzenden Kunden besänftigen oder eine kaputte Maschine reparieren. Das machen Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten, ihrem Charisma und ihrem Fingerspitzengefühl. So sehe ich meine Kollegen auch, sie sind Mitmenschen und haben Figuren, sie sind aber keine Figuren und zufällig auch Kollegen.


Wie gehen allgemein Deine Kollegen mit Dir um? Gibt es  Bemerkungen zu Deiner Figur? 


Ich ernte sehr viel positives Feedback aufgrund meiner Ausstrahlung. Es gibt offene Gespräche, bei denen mir mein Chef auch schon mal gesagt hat, dass er findet, mit 20kg weniger wäre ich wesentlich attraktiver. Auf meine Frage „für ihn“, hat er dann nur gelächelt. Wir unterhalten uns häufig und offen beim gemeinsamen Mittag oder Abendessen mit den Kollegen über Diäten, Figuren etc. und ich fühle mich dabei nie schlecht. Ich werde so akzeptiert, wie ich bin und geschätzt wegen meiner menschlichen Qualitäten. Es gibt auch oft Bemerkungen von Kollegen, dass ich wohlgerundet sei, wenn ich mich selbst als dick oder fett betitel.


Wie gehen Kunden mit Dir um? 


Ich bin den täglichen Umgang mit Kunden gewöhnt und kleide mich dementsprechend. Schon in den 20ern hab ich für mich entdeckt, dass mir Kleider und Röcke am Besten stehen und so kleide ich mich auch. Kunden empfinden mein Auftreten als sehr feminin und ich bekomm schon das ein oder andere Lob für ein tolles Kleid oder die Garderobe an sich. Ich weiss, dass auch im Geschäftsleben abschätzig über Figuren gedacht wird und bin sicher, dass der eine oder andere Kunde sich gewiss dachte oder denkt, Mensch ist die dick, aber wenn sie mir in die Augen sehen und wir reden, bin ich sicher, dass sie meinen Bauch oder Po nicht mehr im Kopf haben.


Gibt es für Dich selbst oder von anderen die Erwartungshaltung, Du musst mehr schaffen als andere um Vorurteile gegenüber dicken Menschen in welcher Art auch immer entgegen zu treten?


Ich war vor ein paar Jahren mit einer Gruppe von Mollies im Leipziger Zoo und hab das erste Mal wirklich erfahren, wie es sein kann angestarrt oder gar fotografiert zu werden. Mir ist dabei aufgefallen, dass manche aus der Gruppe aggressiv oder genervt reagiert haben, weil für sie so eine Erfahrung Alltag ist. Ich selbst bin dann zu einem der Schaulustigen gegangen und hab gefragt, worüber er sich so amüsiert und hab ihn direkt damit konfrontiert, wie verletzend es ist. Ich hab ihn gefragt, ob er es schön fände, wenn eine Gruppe junger Mädchen sich über seinen dünnen Körper, seine abstehenden Ohren und seine Akne Narben lustig machen würde. Da sagte er zu mir, dass er das nicht in Ordnung findet und ich sagte ihm, dass sein Verhalten von Niemandem in der Gruppe in Ordnung gefunden wird. Er hat den Mund verzogen, peinlich gelächelt und ist gegangen.

Ich selbst empfinde nicht, dass ich mehr leisten muss für dieselbe Anerkennung, weiss aber mittlerweile, dass es vielen anders ergeht und dafür gibt es eben so viele Gründe. Ich wünsche mir, dass Dicke umdenken und die Menschen, die sie verletzen direkt damit konfrontieren, weil ich glaube, dass viele nicht damit rechnen und Dich plötzlich anders – ebenbürtiger – menschlicher wahrnehmen.

Im Alltag geht oft der Mensch unter und wir vergessen was wichtig ist im Leben. Jemanden zum Lächeln zu bringen macht uns reicher als Jemandem einen abschätzigen Blick zuzuwerfen.


Was würdest Du jungen, dicken Menschen empfehlen, wenn sie ihren Platz im Berufsleben finden wollen?


Nehmt das Gewicht nicht schwerer als es ist. Du bist nicht die Masse, die Du trägst, sondern das Herz und das Charisma mit der Du es präsentierst.


Was ist Dir noch wichtig, wenn Du an Dein Berufsleben denkst?


Ich werde genauso oft im Berufsleben angeflirtet wie meine schlanken Kolleginnen und weiss meine Reize auch einzusetzen um das eine oder andere Mal aufzufallen. Ich glaube, dass wir letztendlich nicht über den Körper definiert werden, unsere Angst davor ist aber manchmal so gross, dass dies passiert, weil wir darauf aufmerksam machen.

Mehr Gelassenheit, Stolz und Selbstbewusstsein und eine gesunde Einstellung zu mir als Mensch und nicht zu mir als Körper lässt mich von der Umwelt vielleicht etwas mehr so sehen wie ich mich selbst sehe.

Dicke Menschen sind die Einzigen, die man in der Öffentlichkeit angreifen und diskriminieren darf,  ohne, dass gleich 20 Leute aufschreien, wie bei Kleinwüchsigen, Schwarzen, Behinderten, Entstellten, Magersüchtigen.

Warum sind wir anders als die? Sind wir weniger menschlich, hat ein magersüchtiger Mensch seinen Körper nicht ebenso geformt wie ich? Warum erntet dieser Mensch Mitleid und Fürsorge und ein dicker Mensch Spott und Hohn? Die Gesellschaft ist nicht konsequent in ihren Werten, wie kann es da die Einzelperson sein? Und bin ich denn überhaupt bereit selbst über den Tellerrand zu sehen was meine eigenen Vorurteile betrifft? Ich persönlich glaube, dass Dicke ebenso verletzen und ebenso voreingenommen und gemein sein können. Das Leben ist bunt und wo mein Platz ist, kann ich nicht immer selbst bestimmen, aber ich kann versuchen ihn in die Richtung zu bewegen, die mir gefällt, denn ich habe immer eine Wahl.


Liebe Monique, vielen Dank für dieses ausführliche und offene Gespräch. Alles Gute weiterhin!

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