Respektvolle Berichterstattung - eine Rückmeldung

Neulich hat mich der Journalist David Eickhoff gebeten, einen Artikel anzuschauen, den er über übergewichtige Menschen geschrieben hatte. Er bat mich um ein Feedback, ob diese Berichterstattung respektvoll und sachlich richtig sein. Hier ist meine Antwort, die hoffentlich auch stellvertretend viele andere Anfrage an mich beantwortet:

 

Sehr geehrter Herr Eickhoff, 


Nachdem ich eben den Text gelesen habe, war mir nicht klar, was die Botschaft des Textes sein soll. Haben Sie sich dazu Gedanken gemacht? 

So hat der Artikel auf mich gewirkt: 


Als erstes sehe ich in einem Bild, dass in dicken Menschen Fastfood steckt und in einem dünneren Körper vermeintlich gesunde Nahrung.  Als Start lese ich, dass sich das Schönheitsideal gewandelt hat. 

Dann lese ich, dass dicke Menschen tendenziell arm sind und ungebildet – von einer Gesundheitsberaterin „bestätigt“ - sich ungesund ernähren. 

Mal nur bis hier werden viele Bilder über dicke Menschen gezeichnet, die in dieser Allgemeinheit leider eher Vorurteile bestärken, als das sie aufklärend wirken. 

 

Dicke Menschen essen nicht nur Fastfood – sie essen nicht mal mehr als andere Menschen. Und die Annahme, dass man dick wird, durch zuviel Nahrungsaufnahme stimmt in dieser Banalität einfach nicht. Dies stimmt genausowenig, wie dies für große Menschen stimmt. 1,90 m groß wird man auch nicht durch besonders spezielles Essen, sondern wegen unserer Gene. Und diese genetische Disposition macht dicke Menschen zu mindestens 70% dick. Das dicke Menschen eine schlechtere Ausbildung haben, könnte umgekehrt stimmig sein. Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, wie stark ein dickes Mädchen oder ein dicker Junge im Kindergarten und in der Grundschule gefördert werden? Welche Empfehlungen sie für die weiterführenden Schulen bekommen und sich später zutrauen, eine Hochschule zu besuchen? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, die Luft wird immer dünner. Dicke Kinder sind nicht richtig, sie sind fett und sollen dringend abnehmen. Sie werden gehänselt und fühlen sich in dieser Gesellschaft in ihrem Körper nicht wohl. Und mit diesen Rahmenbedingungen in der Schule Höchstleistung bringen? Die Harten schaffen das, sehr viele bleiben auf der Strecke. 

 

Es gibt inzwischen auch Ernährungsberaterinnen, die darauf fokussieren, dass gesunde Ernährung wichtig ist – aber ganz unabhängig vom Gewicht und nicht mit der Absicht, Gewicht zu verlieren (was übrigens in 95% der Fälle sowieso nicht gelingt, also eine gänzlich unbrauchbare Methode ist). 

Als nächstes erfahre ich in ihrem Artikel etwas über die Kosten, die dicke Menschen verursachen. 6% sollen die Folgekosten von Übergewicht sein. Die Krankheiten, die dann aufgeführt werden, sind Krankheiten, die schlanke Menschen u.a. vermeiden können, wenn sie ihren Stress reduzieren. Die Aussagen der Krankenkassen stehen leider unwidersprochen im Artikel, es wird nicht hinterfragt, ob es tatsächlich das Gewicht ist, was hier das Problem ist oder ob dies der Stress ist, dem dicke Menschen ausgesetzt sind oder ob dies vielleicht mit dem körperlichen Stress von Jojo-Diäten zusammenhängt. 

 

Dann lese ich im nächsten Absatz, dass es keine Kleidung für dicke Menschen gibt. Ich freu mich, ja das ist so, gut dass es einer bemerkt hat. Aber drei Sätze weiter wird mir ein neues Stereotyp serviert: Dicke Putzfrauen treffen sich zum Likör und Sahnetorte. 

Und nun kommt auch wieder die Medizinerin zu Wort, die diese schlanke Welt nun auch nicht mehr gut findet. Das Körperbild, was uns präsentiert wird, führt dazu, dass es bei jungen Frauen zu Essstörungen kommt. Wie recht sie hat. Nur das die Krankenkassen auch ihren Beitrag leisten, indem sie weiterhin predigen, dass Gewichtsverlust möglich ist und man nur als schlanker Mensch gesund sein kann, das geht ihr wahrscheinlich nicht mal auf. 

 

Nun kommen zum Schluss noch einige Sätze, die vermeintlich versöhnlich für dicke Menschen klingen sollen, leider sind sie es nicht. Ich bin ein Mensch und kein "Problem Übergewicht“, selbst die Belastung für die Krankenkassen mag ich bezweifeln. 

 

Dicke Menschen sind in erster Linie Menschen und wenn Sie in dem Artikel von Übergewicht reden, dann reden Sie von Menschen. 

 

Zusammenfassend meine Anregungen: 

Leider kommen im Artikel Betroffene nicht zu Wort. Experten reden über ein abstraktes Problem, in der Bildsprache kommt die Zielgruppe des Artikels nur einmal vor und das stark bewertend. Wie oft schreiben Sie sonst Artikel, in dem die eigentliche Zielgruppe nichts sagt und in dem die eigentliche Zielgruppe auch nicht bildlich vorkommt? 

 

Der Begriff Übergewicht ist für uns nicht so schön, über wessen Gewicht bitte? Aber das ist sicherlich Geschmacksache. Auch wenn wir die Begrifflichkeit dick lieber sehen, weiß ich, dass dies in den Mainstreammedien auch negativ rüberkommen kann. 

 

Über dicke Menschen haben Sie in dem Artikel eigentlich nicht geschrieben, sondern über das Problem Übergewicht. Wenn ich als dicke Frau ihren Artikel (ohne viel Wissen, was ich Gott sei Dank habe) lesen würde, bleibt für mich das Gefühl zurück, dass ich zu dumm bin, um mich richtig zu ernähren, dass ich ein Kassenproblem bin und dass sich wenigstens noch mehr zu mir gesellen werden, weil wir immer mehr dicke Menschen werden. Aus dieser Mischung entsteht Schuldgefühl und Scham, Respekt fühlt sich für mich anders an. Das wir übrigens immer dicker werden, stimmt nebenbei auch nicht. Wir sind nur statistisch mehr Dicke, weil die WHO die Definition von Übergewicht gesenkt hat. Nebenbei wird das Gremium, welches diese Senkung in der WHO durchgesetzt hat, von der Pharmaindustrie finanziert. Natürlich die, die Schlankheitspillen herstellen. 

 

Gerne stehe ich Ihnen mit Rat und Tat bei einem neuen Artikel zur Verfügung. Und ich hoffe, dass Sie meinen Rundumschlag gut verdauen können. 

 

Viele Grüße

Gisela Enders

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Kommentare: 3
  • #1

    Becci (Montag, 16 Februar 2015 10:11)

    Klasse Giesela!!!! Mehr Worte sind da nicht notwendig....Bitte mehr davon...;)
    LG aus Österreich

  • #2

    Elke (Freitag, 10 April 2015 09:51)

    Liebe Gisela, ich schließe mich Becci an, klasse! Zumal Du wortgewandt antwortest und dabei diplomatisch bleibst... wobei mir die Diplomatie, Du kennst mich, schwer fällt :-).
    Lieben Gruß!

  • #3

    Frank Linnhoff (Dienstag, 09 Juni 2015 00:27)

    Am meisten erschüttert hat mich die Ignoranz der Ärztin über die häufigste Ursache, welche zu starker Adipositas (BMI knapp unter 40 und höher) und Diabetes führt, nämlich Insulinresistenz, immerhin eine Kohlehydratintoleranz, von welcher etwa die Hälfte der deutschen Erwachsenen mehr oder weniger betroffen sind. Eine Glutenintoleranz behandelt man am besten, indem man kein Gluten mehr zu sich nimmt. Eine Erdbeerallergie, indem man keine Erdbeeren isst. Doch unsere EndokrinologenInnen und ErnährungsberaterInnen raten stark übergewichtigen Menschen mit ausgeprägter Kohlehydratintoleranz dazu, etwa 70% ihrer Nahrung in Form von Kohlehydraten (Zucker und Stärke) zu sich zu nehmen. Das ist, als ob man Alkoholkranke mit der Gabe von Schnaps heilen will. Absurd.

    Adipositas und Diabetes Typ 2 heilt man durch eine Ernährungsumstellung (keine Diät) auf wenig Kohlehydrate bei viel tierischem Fett, ohne Kalorienbegrenzung. Die Ärztin und Ernährungsberaterin, welche in diesem Artikel zu Wort kommen, sind genauso ignorant, wie ihre Vorgänger vor noch 200 Jahren, welche ihren Patienten solange den Aderlass verschrieben, bis diese ermattet dahinschieden.