Wie unser Unterbewusstsein unsere Essgewohnheiten beeinflusst

Eine Leseprobe aus dem neuen Buch "Wohl in meiner Haut"


Unterbewusste Muster beim Essen entdecken

 

Natürlich essen wir in erster Linie, um unseren Körper zu nähren. Mit diesem Grundinstinkt sind wir auf die Welt gekommen. Im Laufe unseres weiteren Lebens haben wir dann aber noch viele andere Emotionen, Zielvorstellungen und Erfolgsgefühle mit der Aufnahme von Nahrung gekoppelt.


Vieles davon ist unbewusst, manches aber durchaus bewusst. Relativ einfach finde ich die Überprüfung des Ziele-Systems „Aufessen“. In meinem Leben sind bei meinem Großvater Soldaten verhungert, meine Oma hat schlechtes Wetter prophezeit und meine Mutter ist davon ausgegangen, dass es nicht geschmeckt hat – wenn ich mal früher satt war und meine Portion auf dem Teller nicht aufgegessen habe. Daraus hat sich bei mir ein klares Ziele-System entwickelt. Wenn ich einen Teller mit Essen serviert bekomme, wird dieser aufgegessen. Egal, wie hungrig ich bin, egal wie gut es mir schmeckt. Es ist eine Leistung, die ich zu erfüllen habe – sonst enttäusche ich Erwartungen und verletze Gefühle. Kennst Du das?

Dies geht übrigens nicht allen Menschen so. Es gibt auch Menschen, bei denen sich andere Ziele-Systeme entwickelt haben. So berichtet mir eine Freundin, dass sie beispielsweise bei Buffets nie Lust hätte, diese zu essen. Ihre einfache Begründung ist, dass es ihr zu viel sei. Sie würde sofort sehen, dass das nicht zu schaffen ist, und anstatt dass sie sich dann eine Kleinigkeit von den besten Dingen nehmen würde, hätte sie gleich gar keinen Appetit mehr. Dasselbe ginge ihr bei zu großen Portionen. Sie ist auch eine Frau, die es ganz normal findet, auf dem Teller etwas liegen zu lassen – denn sonst würde sie nie Appetit haben, wenn diese Option nicht bestehen würde. Bei ihr ist es also eher andersrum. Der Leistungsdruck aufzuessen ist schon auch da, bei ihr aber mit gegenteiliger Wirkung. Wenn es zu viel ist, dann fängt sie erst gar nicht an. Denn es ist ja eh nicht zu schaffen. Und damit sie anfangen darf, braucht sie die innere Erlaubnis, etwas liegen lassen zu dürfen, weil sie sonst nie anfangen würde. Du kannst Dir wahrscheinlich vorstellen, dass diese Frau vom Gewicht her eher an der unteren Skala angesiedelt ist.

In uns läuft sozusagen ein innerer Film ab, der sich durch Belohnung und Gewohnheit entwickelt hat. Möglicherweise kennst Du auch den Film des kontrollierten Essens, der gerne verbunden ist mit schlechtem Gewissen. So war bei mir Susanne, die jahrelang Diät gehalten hat. Für sie war der innere Film, dass Nahrungsaufnahme mit Kontrolle verbunden war, mit Buchführung über jeden Apfel und mit schlechtem Gewissen bei jedem Keks. Auch dieses Programm lässt sich nicht von heute auf morgen durchbrechen. Die Vorstellung, intuitiv zu essen und alles zuzulassen, worauf sie gerade Lust hat, war bei ihr mit totalem Kontrollverlust und entsprechenden Ängsten verbunden. Es war im ersten Schritt einfach nicht machbar. Wir haben hier in kleinen Schritten gearbeitet. Kontrolle bei einzelnen Nahrungsgruppen aufzugeben und gleichzeitig Kontrolle im restlichen Leben neu zu erlangen. Bei Susanne war eine Wechselwirkung im Laufe der Jahre entstanden. Je mehr sie in ihrem restlichen Leben, besonders in ihrer Partnerschaft und in ihrem Berufsleben, schleichende Übergriffe zugelassen hatte, desto mehr hatte sie bei ihrem eigenen Essen Kontrolle walten lassen und mit zunächst Gewichtsabnahme auch wenigstens hier Erfolgserlebnisse durch ihre eigene Kontrolle erreicht. Um hier ein neues Gleichgewicht herzustellen, war es wichtig, zu schauen, welche Bedürfnisse in ihrer Partnerschaft und im zweiten Schritt auch bei ihrem Job nicht ausreichend bedient werden und hier Veränderungen zuzulassen.

 

Bei dem anstehenden Kontrollverlust in Bezug auf Nahrung hatte Susanne die wenig überraschenden Ängste, dass sie auseinandergehen würde wie ein Hefekloß, wenn sie plötzlich unkontrolliert essen würde. Und dass sie auch nur noch ungesunde Dinge essen würde, wenn diese erlaubt wären. Ein schöner Satz von ihr, als sie mit einer „Wir tun mal so als ob-Übung“ durchgespielt hatte, wie es wäre, alles essen zu dürfen, war:

 

„Dann esse ich nie wieder einen Apfel, und Gurken kommen mir nicht mehr ins Haus. Ich hab dieses gesunde Zeug so über!“

 

Eine Gegenreaktion, wenn irgendwas im Leben aus der Balance geraten ist und es eine Zeitlang zuviel von etwas gab. Diese Gegenreaktion des Körpers tritt übrigens auch ein, wenn wir zuviel von was auch immer für Lebensmitteln essen, auch den ungesunden. Mit diesem Hintergrund hat sich Susanne dann auf den Weg gemacht um verbotene Lebensmittel in beliebiger Menge zu essen. Sie fing mit Chips an, kaufte sich zehn Tüten und verband dies mit der Erlaubnis, diese nach Lust und Laune aufzuessen und weitere nachkaufen zu dürfen. Nach drei Tüten war die Lust weg. Ja, Chips haben Geschmacksverstärker und sind sehr darauf ausgelegt, dass man beliebig viele davon essen kann. Aber wenn es abends immer nur Chips gibt, wird es langweilig. Diese Erfahrung hat nicht nur Susanne gemacht, sie ist sehr gängig. Mit Schokolade, dem zweiten „verbotenen“ Lebensmittel, kam es bei Susanne dann zu Bauchschmerzen. Toll! Körperliche Grenzreaktionen sind, finde ich, das beste Lehrmittel, in Zukunft solche Zustände zu vermeiden. Weil es sich nicht gut anfühlt.

Susanne hat so Stück für Stück gelernt, zunächst verbotene Lebensmittel erlauben zu dürfen, dann auf den eigenen Körper zu hören und mit diesen Körpersignalen auch irgendwann zu merken, dass der Körper sich sehr wohl wieder über einen leckeren Apfel und ein frisches Stück Gurke freut. Dass man im Restaurant einen Salat bestellen kann, nicht weil das gesund ist, sondern weil sie einfach Lust darauf hat. Bei Susanne wurde ihr „Kontrollfilm“ langsam verändert, wenn wir uns ihn als Kinofilm vorstellen, dann war es zunächst ein Film, der ausschließlich im Supermarkt und am Küchentisch stattfand, mit der Suche nach gesunden Lebensmitteln und der Kontrolle der richtigen Nahrungsaufnahme. Einzelszenen spielten noch im Bad, wahlweise auf der Waage oder beim kritischen Blick in den Spiegel. Ihr neuer Film hatte mehr Szenen, sie spielte aktivere Rollen mit ihrem Partner und war im Job aktiv unterwegs. Nahrung spielte sich in Geselligkeit ab, mit viel Lachen und Freude am Essen. Und bevor dieser neue Film in ihrem Kopf entstehen durfte, mussten wir auch einen Horrorfilm zulassen, in dem sie sehr viel Gewicht zunahm und alles in sich hineinstopfte. Der hatte ja jahrelang die Funktion, andere Filme nicht zuzulassen. Aber das schöne ist, unsere eigenen Filme im Kopf lassen sich verändern!


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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Sonntag, 19 Juli 2015 15:11)

    Hallo,

    die Idee mit dem unterbewussten Programm des Aufessens finde ich sehr interessant und ich finde mich da sehr wieder. Nachdem ich den Text vor einigen Tagen gelesen habe, habe ich ausprobiert, mal bewusst Dinge auf dem Teller liegen zu lassen. Eine Zeitlang - solange ich bewusst dran denke - ging es gut. Kaum passe ich nicht auf, fange ich wieder an, sehr automatisch den Teller leerzuessen, manchmal auch noch den meiner Kinder. Das muss ein starkes unterbewusstes System sein, was da aktiv ist. Trotzdem eine tolle Anregung, das Buch habe ich mir eben auch bestellt. Viele Grüße Barbara