Glücklich in einer dicken Ehe

Dicken Menschen wird oft nicht zugetraut, in einer glücklichen Ehe zu leben. Ich bin immer empört, wenn es Beiträge zu mir in den Medien gibt, die die Tatsache, dass ich verheiratet bin, mit einem "Sie ist sogar verheiratet" beschreiben. Ja, bitte, warum nicht? 

Für mein Buch "Wohl in meiner Haut" konnte ich ein sehr ehrliches und offenes Interview mit einem befreundeten Ehepaar führen. Dieses geben wir hier leicht verkürzt wieder. Möge es allen dicken Menschen, die das passende Gegenstück noch nicht gefunden haben, Mut machen. 

 

Marianne und Peter sind seit knapp 10 Jahren ein Paar. Sie haben sich damals über eine Internetanzeige kennengelernt, für ihn war es seine erste dicke Partnerin, für sie seit langem eine längere Partnerschaft. 

 

Erzählt mal, wie nehmt ihr Euch in der Partnerschaft war?

Marianne: Als ein sehr großes Geschenk im Leben. Nicht das ich nicht vorher schon mit Männern zusammen war, aber mit Peter ist es zum ersten Mal eine sehr harmonische Beziehung. Ich erlebe mich als rundum akzeptiert und liebe ihn von ganzem Herzen.

 

 

Peter: Was soll ich da noch anfügen. Mir geht es genauso. Marianne ist eine tolle Frau, sie ist absolut zuverlässig und wir sind gemeinsam wunderbar in der Lage uns und unseren Umgang immer wieder zu reflektieren. So entstehen einfach super selten Mißverständnisse und wir haben echt viel Spaß miteinander. Auch noch nach fast 10 Jahren und obwohl wir recht viel Zeit miteinander verbringen. Das könnte aber auch ein gerade deshalb sein. Wir verbringen nicht nur viel Zeit miteinander, sondern wir nehmen uns auch die Zeit viel miteinander zu reden. In diesen Gesprächen verstehe ich dann oft erst die Sichtweise von Marianne, auch gerade in Bezug auf körperliche Themen.

 

Was musst Du da genau verstehen?

Peter: Nun, ich finde Marianne so wie sie ist wunderschön. Ihr dicker Po und ihre großen Brüste machen sie für mich sehr attraktiv. Manchmal habe ich nicht verstanden, warum sie wenig körperbetonte Kleidung anzieht, ja sich oft eigentlich gar nicht herausputzt. Ich denke, da hat sich in den Jahren schon etwas verändert, aber nur in kleinen Schritten. Ja und in vielen Gesprächen musste ich erst lernen, wie viele schlechte Erfahrungen Marianne schon gemacht hat und wie sehr dies dann auch prägt.

 

Marianne: Ja, das kann sich manchmal ein schlanker Mensch nicht so recht vorstellen. Bevor ich mit Peter zusammen war, hatte ich maximal mal kurze Affären mit Männern, die in erster Linie an meinem Körper interessiert waren. Und einige Beziehungen, bei denen ich sehr verliebt war und ich glaube, die Partner schon auch. Aber sie hätten mich lieber schlanker gesehen und waren jeweils ganz happy, wenn ich 5kg abgenommen hatte. Es waren Beziehungen, die bei mir sehr stark von Unsicherheit geprägt war, weil ich nie wusste ob ich so begehrt werde, wie ich gerade nunmal bin. 

 

Peter: Wenn ich das so von Marianne höre, dann kann ich mir gut vorstellen, wie schwer es manchmal war. Ich habe sowas in meinem Leben noch nie erlebt. Ich konnte früher einfach auf irgendeine Party gehen und wenn alles gut ging, habe ich dort jemanden kennengelernt. Das ich wegen meines Körpers abgelehnt wurde, ist mir noch nie passiert. Klar, dass ich nicht immer angekommen bin, aber ich hätte das nie auf meine Attraktivität geschoben.

 

Marianne: Ja, das war bei mir ganz anders. Ich war auch ein bisschen überrumpelt, als Du mich bei unserem ersten Kennenlernen zum Abschied gleich auf den Mund geküsst hast. Ich habe für mich immer gespeichert, dass ich zunächst mit meiner Intelligenz und meiner Wortgewandtheit, vielleicht sogar mit meinem Klavierspiel, punkten muss und sich dann ein Mann langsam in meine inneren Werte verliebt.

 

Peter (lacht): Da kannst Du schon von Glück reden, dass ich nicht gleich mit Dir nachhause gekommen bin. 

 

Marianne: Stimmt, ins Bett ging es schnell. Aber mit mir in der Öffentlichkeit und bei Deiner Verwandtschaft hattest Du dann etwas Schwierigkeiten. 

 

Peter: Ich geb´s zu, am Anfang war es etwas komisch, mich mit Dir in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ja und ich hatte vielleicht auch ein bisschen Angst vor der Vorstellung von Dir gerade gegenüber meinem Vater. Und Du weisst ja, wieviel wir auch heute immer noch zu tun haben, um ihn davon abzuhalten, Dich mit dummen Bemerkungen zu traktieren.

 

Peter, dass will ich genau wissen. Was war da komisch für Dich dran? Obwohl Du eine dicke Partnerin im Internet gesucht hast.

Peter: Ich war vorher immer mit schlanken Frauen zusammen und hatte aber irgendwie eine Sehnsucht nach wunderbaren runden Formen. Nicht, dass ich nicht gerne mit meinen Partnerinnen zusammen gewesen wäre, aber in meiner Phantasie sollte mehr an Frauen dran sein. Aber diese Phantasie hat nichts mit dem öffentlichen Leben zu tun. Es ist eine ganz private Phantasie. Ich hatte vielleicht unterschätzt, was es bedeutet mit einer dickeren Frau durchs Leben zu gehen. Und was es heißt, plötzlich angestarrt zu werden, weil man seine Traumfrau in den Armen hält. Und eben auch ein bisschen Angst zu haben, ob es in der Familie abwertende Bemerkungen geben wird. Oder eben auch von Freunden. Das dann sowas kommt, wie der hat es jetzt aber nötig und hat wohl keine andere mehr abbekommen.

 

Ist sowas denn eingetreten?

Peter: Na ja, Marianne hat schon recht, dass mein Vater immer mal wieder auf ihre Figur anspielt. Da muss ich sie dann schnell verteidigen, weil ich auch sehe, dass sie da in eine blöde Rolle kommt. Meine Mutter weist meine Vater auch immer ganz gut zurecht. Außerdem weiss ich, dass es auch mein Vater nicht wirklich so meint, er ist bloss in seinem hohen Alter alles andere als reflektiert. Alle andere Familienmitglieder und auch Freunde haben Marianne so aufgenommen, wie sie ist und mir gegenüber hat nie jemand eine dumme Bemerkung gemacht.

 

Haben sich die Schwierigkeiten als Paar in der Öffentlichkeit verändert, Peter?

Peter: Ja. Wir sind ja jetzt schon eine ganze Weile zusammen. Und Marianne ist in vielerlei Hinsicht gerade in der Öffentlichkeit eher unbefangen. Entsprechend lässt sie mir oft keine Wahl, weil sie mich einfach küsst oder in den Arm nimmt. Und ich finde das auch gar nicht schlimm. Aber ich sehe dann schon manchmal andere Menschen, die uns komisch anschauen. Marianne blendet solche Blicke einfach aus, sie kriegt das gar nicht mit. Na ja, ich mache mir dann in solchen Situationen schon Gedanken, was die anderen denken. Das verunsichert mich dann auch.

 

Marianne, Du bekommst das einfach nicht mit? Wie das?

Marianne: Nun, ich glaube, ich habe über die Jahre gelernt, dass dumme oder kritische Blicke von Anderen sehr verletzend sein können. Und wahrscheinlich habe ich unbewusst angefangen, diese Blicke weitestgehend auszublenden. Anscheinend scheint mir das gut zu gelingen. 

 

Peter: Ich finde das bewunderswert, wie Du das ausblendest. Ich kann das manchmal nicht. Aber ich werde mich noch mehr bemühen, es Dich nicht wissen lassen. Denn Du sollst schließlich richtig viel Spaß am Leben haben.

 

Wenn es hier gerade um Spaß geht, darf ich Euch auch noch eine Frage zum Spaß im Bett stellen? Wie ist Sex für Euch?

Marianne: Oh, das musste ich viel dazulernen, eigentlich tue ich es heute immer noch. Ich habe einen sehr dicken Po und ich kann nun nicht gerade behaupten, dass dies ausgerechnet mein schönstes Körperteil wäre. Dass Peter ausgerechnet meinen Po sehr sexy findet, verwundert mich schon manchmal. Am Anfang unserer Beziehung musste ich da schwer an mir arbeiten, um das nicht irgendwie pervers zu finden.

 

Peter: Na, wenn das keine Vorurteile sind. Da findet man etwas am weiblichen Körper attraktiv und wird als pervers beschimpft. (lacht). Trotzdem ist da was dran. Ich bin immer ein bisschen auf der Hut, welche Komplimente ich Marianne zu ihrem Körper machen darf. Ohne das sie komisch schaut oder sich eher zurückzieht. Da würde ich mir auch ein bisschen mehr Traute wünschen. Ich liebe es zum Beispiel, wenn sie mir ihren Hüften und ihrem Hintern wackelt. Oder ihre Brüste zusammenpresst. Ach, ich mag da ganz viel. Aber ich habe immer das Gefühl, beim Sex muss ich anfangen und Du machst dann mit. Ich weiß immer nicht so genau, ob Du das wirklich willst oder einfach nur mir zuliebe mitmachst.  Das ist tatsächlich manchmal irritierend und ich kenne das von meinen anderen Partnerinnen nicht so.

 

Marianne: Ja, das ist komisch und ich weiß, ich sollte da mehr machen. Aber weißt Du, ich habe bevor ich Dich kennengelernt habe, immer eher Erfahrungen gemacht, die auch mit Zurückweisungen zu tun hatten. Die sitzen tief. Ich merke das immer noch, wenn ich Dich streichle und Du streichelst nicht gleich zurück. Dann werde ich unsicher und denke, er will bestimmt nicht. Ich brauche dann immer ganz viel Rückmeldung. Um weiter machen zu können.

 

Kann man sagen, dass Peter Du in Deiner Sozialisation überwiegend positive und befürwortende Erfahrung in Bezug auf Deinen Körper und Sexualität gemacht hast und bei Dir Marianne das genau umgekehrt war?

Peter: Ja, definitiv. Es ist mir ehrlich gesagt auch ein bisschen fremd, mir das anders vorzustellen.

 

Marianne: Ja, um mich zu verstehen, ist das nötig. Bei mir war es genau umgekehrt. Meine Erfahrungen mit Jungs waren bereits in der Pubertät meist von Ablehnung geprägt. Man war gerne mit mir als Kumpel befreundet, aber eben auch nicht mehr. Wie bitte soll frau sich da in ihrer Sexualität erproben? Auch später waren die Erlebnisse tendenziell nicht von prickelnder Erotik umgeben, das habe ich erst bei Dir kennengelernt. Also muss ich da noch viel nachholen und das braucht Zeit.

 

Peter: Es ist immer wieder gut, wenn wir da so offen drüber reden. Dann kann ich dies besser verstehen. Ich finde alles erotisch an Dir, mein Schatz. Du darfst experimentieren, wie Du willst, ich werde Dich nicht zurückweisen. Nur kitzeln ist verboten (beide lachen schallend).

 

Meine Lieben, ich danke Euch beiden für dieses offene und ausführliche Gespräch. Ich bin überzeugt, ihr werdet weiterhin eine wunderbare und stetig wachsende Beziehung leben und dafür wünsche ich Euch alles Gute.

 

Das komplette Interview findet sich im Buch "Wohl in meiner Haut" von Gisela Enders. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Dorothee Keßler (Montag, 22 August 2016 13:22)

    Ich habe diesen Beitrag schon im Buch gelesen, hier auf der homepage dann noch mal, und ich muss sagen, ich war etwas enttäuscht von Peter. Ich hatte vor dem Lesen erwartet, dass er, da er ja auf dicke Frauen steht, voller Begeisterung für seine Marianne ist und auch nur so von ihr spricht und vor allem auch in der Öffentlichkeit zu seiner wie er sagt- privaten Phantasie- steht. Aber dann ist er eben doch verunsichert, wenn Marianne ihn in der Öffentlichkeit umarmt und die Leute gucken, er spricht davon dass sie ihm keine andere Wahl lasse, was sich für mich so anhört, dass er sie lieber nach aussen als guten Kumpel dastehen ließe. Vielleicht bin ich da superkritisch, und es ist ihm ja auch anzurechnen dass er ehrlich antwortet, aber ich an Mariannes Stelle wäre enttäuscht und befremdet über diese Aussagen. Er steht auf dicke Frauen, aber sich dann ganz stolz und vor aller Augen dazu zu bekennen, ist dann doch nicht sein Ding. Ich hoffe, wir kommen irgendwann mal an einen Punkt, wo es völlig normal ist, sich mit einem dicken Partner total selbstverständlich und glücklich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und damit dem Partner nicht mehr das Gefühl zu geben, wenn auch noch so unterschwellig, so wie er ist nicht in Ordnung zu sein!

  • #2

    Gisela (Mittwoch, 24 August 2016 13:55)

    Liebe Dorothee, danke Dir für Deinen Kommentar. Du hast schon Recht, ein Mann der zu seiner Frau in jeder Lebenslage steht, wäre noch toller. Den habe ich bloss bei der Recherche zum Buch nicht kennengelernt. Gerne greifen wir dies auf, wenn sich bei uns Paare melden, die ihre Sicht der Dinge öffentlich machen wollen.

    Viele Grüße
    Gisela

  • #3

    Manni (Sonntag, 30 Oktober 2016 12:41)

    Eine schöne Geschichte. Es ist immer wieder erfreulich Erfolgsstories zu lesen. Bei uns war das ähnlich.
    Meine Frau hat meine Fotoanzeige im Internet gefunden. Ich wollte schon immer eine sehr dicke Frau als Partnerin. Na ja, der Wunsch ging in Erfüllung, heute sind wir verheiratet. :) Woher diese Vorliebe kommt, weiß ich auch nicht, ich steh' halt drauf. Und das muss ok sein.

    @Dorothee Keßler
    Ich habe kein Problem damit mich mit meiner Dicken in der Öffentlichkeit zu zeigen.

    Grüßchen
    Manni