Ernährung, ohne ans Essen zu denken

Nun sind sie wieder da. Die zahlreichen Diättipps. Natürlich können wir wieder auf die Gefahren von Diäten hinweisen. Aber wir fanden es dieses Jahr mal spannender, über das Essen im Allgemeinen und besonders das intuitive Essen zu schreiben. 

Natürlich denken wir ans Essen, wenn wir ernähren. Meistens tun wir aber noch viel mehr. Nahrungsmittel werden eingeteilt in gut und böse, wir kennen sehr genau die Kalorien, Fettwerte oder den Zuckergehalt von unterschiedlichen Nahrungsmitteln und wir beschimpfen uns, wenn wir gerade mal die vermeintlich falschen Nahrungsmittel gegessen haben.  Ganz zu schweigen von den vielen Verboten, die auch ganz ordentlich eingehalten werden. Und den zahlreichen Plänen, die ums gute Essen gemacht werden. 

 

 

Intuitives Essen

 

Beim intuitiven Essen ist dies komplett anders. Intuitiv meldet der Körper, was er gerade braucht. Auch worauf er gerade Lust hat. Für viele dicke Menschen, die eine jahrelange Diätgeschichte hinter sich haben oder mehr oder weniger noch drin stecken, ist diese Nachricht revolutionär und bedrohlich. Denn es bedeutet natürlich zunächst Kontrollverlust. Nicht die Kalorientabellen geben vor, was gerade ansteht und auch nicht irgendwelche Tipps zur aktuellen Ernährung. Der Körper legt fest, was gegessen werden soll.  Alles ist erlaubt, alles darf gegessen werden. In beliebigen Mengen. Erfahrungsgemäss sind in den ersten Tagen zunächst die verbotenen Lebensmittel dran. Eine Klientin von mir kaufte sich zu Beginn dieses Experiments drei große Gläser Schokocreme. Und machte sich eifrig dran, Weißbrote mit Schokocreme zu essen. Bei unserem nächsten Treffen war ein Glas alle und sie hatte definitiv keine Lust mehr auf Schokocreme. Das hat dann auch eine ganze Weile angehalten und etwa ein halbes Jahr später berichtete sie auf Nachfrage, dass sie manchmal Schokocreme zum Frühstück essen würde, aber meist eher Marmelade, die sei viel leckerer.

 

Was ist da passiert?

Ganz einfach. Alles was verboten ist, hat seinen Reiz. Und je mehr wir unserem Körper und unseren unterbewussten Anteilen irgendwas verbieten, umso mehr entwickelt sich darauf ein gewisser Heißhunger. Den können wir natürlich – kontrolliert wie wir nunmal sind – eine gute Weile beherrschen. Aber in schwachen Momenten bricht dieser Heißhunger durch. Dann ist es eh egal und wir essen von was auch immer reichlich.

 

Wenn Lebensmittel nicht mehr verboten sind, dann entwickelt sich auf diese auch kein Heißhunger. Das heißt, in dem Augenblick, in dem alle Lebensmittel erlaubt sind, findet zwar am Anfang eine gewisse Umorientierung statt. Der Körper lernt wieder, das Kommando zu übernehmen. Dies kann übrigens auch Schritt für Schritt gehen. Manchen Menschen fällt es leichter, nicht gleich die ganze Kontrolle aufzugeben, sondern sich zunächst ein bisher verbotenes Lebensmittel zu erlauben. Und zu schauen, was passiert.

 

Ein neues Hungergefühl entdecken

 

Während man Diät hält oder laufend die Nahrungsaufnahme kontrolliert, kommt Hunger wahlweise in einer fast chronischen Form vor oder er wird durch kontrollierte regelmässige Nahrungsaufnahme fast vermieden. Umgekehrt ist auch das Gefühl, satt zu sein oder wahlweise auch voll zu sein, eher unbekannt. Dabei gibt es da viele spannende Nuance zu entdecken. In beide Richtungen. Beim Hunger gibt es das leichte Hungergefühl, der Kopf beginnt über die nächste Mahlzeit nachzudenken. Es kann aber auch zu richtigem Kohldampf kommen, bei manchen Menschen geht das dann soweit, dass sie beispielsweise im Büro Schwierigkeiten bekommen zu denken oder für die Kollegen unausstehlich werden. Zuhause funktioniert das natürlich auch. In die andere Richtung geht es genauso. Es gibt dieses leichte Sättigungsgefühl. Oder man kann auch richtig supersatt aufstehen, der Magen signalisiert diese Überfüllung meist mit einem unangenehmen Druckgefühl. Kohldampf und Schwierigkeiten beim Denken, wie unangenehme Druckgefühle und Einschlafschwierigkeiten weil man zu voll ist, sind beides Signale vom Körper, dass wir uns zu extrem benommen haben. In die eine, wie in die andere Richtung. Es fühlt sich nicht gut an. Und wir haben diesen wunderbaren Körper, der ohne jegliche Tabellen und Richtlinien in der Lage ist, uns dies ganz einfach mitzuteilen. Mit großen Hunger oder massivem Sättigungsgefühl.

 

Dieser wunderbare Körper kann noch mehr. Er kann nämlich auch zum richtigen Zeitpunkt mit einem leichten Hungergefühl Vorfreude auf die nächste Mahlzeit produzieren und er kann uns ein angenehmes Sättigungsgefühl bescheren, wenn der Magen gefühlt aber nicht überfüllt ist. Für die einen oder andere gilt es, diese etwas feineren Gefühle erst wieder zu entdecken.

 

Zumal Nahrungsaufnahme ja nicht nur eine Handlung ist, die unseren Körper betrifft. Wir haben mit Essen eine lange Geschichte und damit verbunden viele Emotionen. Die erste Bindung zur Mutter findet, zumindest wenn man gestillt wurde, über die Nahrungsaufnahme beim Stillen statt. Emotionale, körperliche Bindung ist hier mit der Ernährung zentral verknüpft. An diese erste Erfahrung knüpfen sich unzählige Erlebnisse bei denen bestimmte Lebensmittel mit bestimmten Ereignissen geankert werden. Die Schokolade zum Trost, wenn man hingefallen ist. Das Familienessen, bei dem der Teller leergegessen werden soll, aber man gleichzeitig auch familiäre Zugehörigkeit (oder auch irgendwas anderes) erlebt. Der Alkohol am Abend, der vermeintliche Entspannung vom Tag bringen soll oder, oder, oder.

Es ist spannend, diese Verknüpfungen und Emotionen selbst zu entdecken. Und zu erforschen, was Ernährung eben noch alles ist. Nicht, um dem dann nicht trotzdem auch mal oder immer nachzugeben. Aber mit dem Wissen, was das eigentliche Bedürfnis dahinter jetzt gerade ist.

 

Für uns in Europa spielt dabei der zweite Weltkrieg und die Jahre der Knappheit danach noch eine weitere große Rolle. Über unsere Großeltern oder Eltern haben wir als Kinder noch mitbekommen, das Nahrung knapp sein kann und das ausreichend und gerne auch reichlich Nahrung ganz viel Sicherheit mit sich bringt.

 

Eine weitere Verknüpfung ist die Verknüpfung von gemeinsamen Mahlzeiten mit Geselligkeit und Zugehörigkeit. Letztlich Bedürfnisse die ein Grundbedürfnis nach Liebe befriedigen. Wie viele familiäre Veranstaltungen sind mit Essen verbunden? In vielen Familien sind dies unzählige, ja manchmal gibt es gar keine anderen. Da entsteht natürlich schnell die Verknüpfung Essen gleich Liebe.

 

Ob sich aufgrund der entdeckten Verknüpfungen etwas ändern muss? Ich weiß es nicht. Ich finde, diese Entscheidung kannst Du nur alleine für Dich fällen. Auch ohne schlechtes Gewissen. Wenn Schokolade eben gerade der einzige Trost ist, dann ist das eben so.

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Kommentare: 1
  • #1

    Miriam (Dienstag, 07 Juni 2016 10:47)

    So ein Konzept habe ich noch nie ausprobiert und es macht mir auch ein bisschen Angst. Klappt dass den wirklich, das man wenn man so isst, nicht zunimmt? Ich hab ziemliche Angst zuzunehmen. Das könnte ich gerade nicht ertragen.
    Ich gebe zu, ich zweifle. Viele Grüße
    Miriam