Sie müssen Ihrem Körper endlich mal was Gutes tun

Ich war neulich bei meiner Heilpraktikerin. Bisher hat sie mich in Sachen Akupunktur behandelt, mein Gewicht war kein ausgesprochenes Thema. Nun war ein Nierenwert nicht ganz so gut und ich wollte neben meiner klassischen Hausärztin gerne noch von ihr wissen, was ich für die Nieren tun kann.  

Natürlich wurde jetzt auch mein Gewicht zum Thema. Weniger Industriezucker und kein Weizenmehl. Das würde meine Verdauungsorgane und damit meine Nieren entlasten und ich würde damit automatisch abnehmen. Ersteres lass ich stehen und gelten. Ich weiß, dass mein Darm mit Weizenmehl nicht gut umgehen kann und Industriezucker in den aktuellen Mengen, die wir so vorgesetzt bekommen, ist bestimmt nicht gut. Aber das mit dem Abnehmen? 

Ich habe das in Frage gestellt. Denn ich ersetze Weizenmehl durch Dinkelmehl und Industriezucker durch natürlichen Zucker. Das macht meinen Verdauungsorganen Freude und vielleicht regt es meinen Stoffwechsel an. Ja, sie mag Recht haben, es kann sein, dass ich ein oder zwei Kilo abnehme. Lass ich auch stehen. Was mich aber an dem Gespräch wirklich empört hat, war die - nachdem ich eben auch ein bisschen kritisch die Sichtweise, Abnehmen ist gut, in Frage gestellt habe - die Aussage:

 

"Sie müssen ihrem Körper jetzt endlich mal was Gutes tun!"

 

Was sagt dieser Satz denn umgekehrt aus? Das ich meinem Körper sonst nichts Gutes tue? Das ich ihn schlecht behandelt habe? Ich fürchte, dass diese Annahmen im Kopf meiner Heilpraktikerin durchaus präsent sind. Und ich plädiere auf unschuldig! Wenn ich meinem Körper wissentlich etwas schlechtes angetan habe, dann waren das Diäten. Dann war das Nahrungsentzug oder schwachsinnige einseitige Ernährung. Ich erinnere mich lebhaft an eine Ananas- und eine Traubendiät. Und bin froh, dass ich heute diese Früchte wieder mit Genuss und ohne Gedanken an heftigen Stuhlgang essen kann. Ich gestehe, dieser Umgang mit meinem Körper war nicht gut. Ich habe es irgendwann eingesehen und Diäten eingestellt. Ich habe allerdings auch nicht aus eigenem Willen gehandelt. Andere Menschen haben mir gesagt, dass es gut für mich sei, wenn ich gegen meinen dicken Körper kämpfe. Also habe ich es getan. 

 

Seit vielen Jahren tue ich es nicht mehr. Ich übe mich in einem liebevollen Umgang mit meinem Körper. Er bekommt Nahrung, Bewegung und Liebe. Und beschenkt mich die meiste Zeit mit guten Funktionsfähigkeiten. Jetzt sind wir schon ein halbes Jahrhundert zusammen auf dieser Welt und so langsam stellen sich die einen oder anderen Funktionsschwierigkeiten ein.

 

Ich möchte mich für diese nicht schuldig fühlen müssen!

 

Ja, es kann sein, dass das eine oder andere nicht mehr so gut funktioniert. Aber das mir vermittelte Gefühl, ich hätte bisher meinem Körper nichts Gutes getan und wäre damit wahrscheinlich auch Schuld an den "Funktionsschwierigkeiten", das möchte ich nicht gelten lassen. Zum einen, weil ich mir keiner Schuld bewusst bin. Zum Anderen aber auch, weil ich nicht glaube, das Schuldgefühle mir und besonders meinem Körper gut tun. Ich habe bisher keine und ich will mir auch keine machen lassen. 

 

Ob ich die sonst geschätzte Heilpraktikerin nochmal aufsuche, weiß ich nicht. Vorerst habe ich keine Lust dazu. Das Vertrauen ist gestört und ich möchte nicht in Situationen, in denen ich krank und schwach bin, auch noch darauf aufpassen müssen, dass ich gut behandelt werde. Schade!

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Gabi (Mittwoch, 27 Juli 2016 08:09)

    Ach, das kenne ich. Ich bin im gleichen Alter, und bis auf einige Kleinigkeiten wie leicht erhöhter Blutdruck habe ich wesentlich weniger Zipperlein als die meisten meiner zumeist schlanken Kolleginnen. Trotzdem muss ich mir jedes Mal beim Arzt anhören, dass mit "einem bisschen weniger Gewicht" alles besser würde. Unglaublich.
    Lieben Gruß

  • #2

    Myri Roet (Donnerstag, 22 September 2016 20:57)

    Was auch sehr demütigend ist: "Sie müssen endlich lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen". Hallo? Gute Ausbildung, guter Beruf, keine Schulden, tolle Freunde, super Ehemann - das alles zählt offenbar nicht. Man wird reduziert auf das einzige, was nicht gut klappt: abnehmen. Was mir in solchen Situationen oft fehlt: passende, gut sitzende Antworten auf diese Unverschämtheiten :-((

  • #3

    Kerstin (Samstag, 24 September 2016)

    Als meine, wirklich tolle und mich nie auf mein Gewicht reduzierende, Gynäkologin plötzlich nicht mehr in der Praxis war (und mir die "freundlichen" Arzthelferinnen leider auch nicht sagen wollten, wohin und warum sie denn gegangen ist), bin ich halt notgedrungen zu ihrer Nachfolgerin gewechselt.
    Gleich bei der ersten Untersuchung durfte ich mir anhören, wie fatal es doch wäre, wenn ich mit meinem Gewicht (ü 150) schwanger werden würde.
    Gut, damit kam ich in dem Moment klar, da ich selbst weiß, dass es schwierig ist und einige Risiken birgt und da war der Kinderwunsch zwar da, aber kein Thema, da ich keinen Mann hatte, mit dem ich diesen ausleben hätte können.
    Wie ich dann beim zweiten Mal bei ihr war kam dieser Satz dann wieder (und ich habe in keinster Weise ihr gegenüber einen Kinderwunsch oder ähnliches geäussert, im Gegenteil, ich war dort wegen der Pille) und beim Verabschieden gab sie mir so ganz beiläufig die Worte mit "lassen sie sich doch ein Magenband legen, das ist die komfortabelste Art abzunehmen" ich bin schier aus allen Wolken gefallen...
    Zumal eine Freundin ein Magenband hatte und noch heute mit den gesundheitlichen Folgen zu kämpfen hat.

    Aber das ist nur eine von vielen Geschichten... Solange in den Köpfen der Ärzte "Dick = verantwortlich für alles" ist, wird es nie eine wertfreie Behandlung Dicker geben und leider auch viel zu wenige dicke Menschen, die mit ihren Problemen zum Arzt gehen, eben genau aus diesem Grund.

  • #4

    Gisela (Samstag, 24 September 2016 15:59)

    Hallo, danke für die Beispiele, die wirklich erschreckend sind. Ich hoffe, Ihr habt inzwischen passende Ärzte gefunden. Ich persönlich finde das bei Ärzten, die man häufiger aufsucht, einfacher, als bei Fachärzten. Wenn ich nur zu ein oder zwei Untersuchungen muss, wechsle ich ja nicht nach dem ersten Mal den Arzt, wenn ich da nur zweimal hin muss.
    Tschüß Gisela

  • #5

    Susi (Dienstag, 14 Februar 2017 15:57)

    Kann Euch nur zustimmen.
    Für viele Ärzte u.ä. ist es ja so herrlich einfach, uns in die Schublade "Dicke" zu stecken und sich somit weitere Diagnostik zu ersparen. Mein früherer Arzt hat mich mehrmals im Jahr gefragt, ob ich (mittlerweile > 160 kg) denn noch immer keine Rücken-Probleme habe. Irgendwann war ich davon so genervt, dass ich geantwortet habe, leider könne ich damit noch immer nicht dienen, aber ich hätte einige spindeldürre Bekannte und Verwandte, die übelst mit dem Rücken zu tun haben. Danach war Ruhe.