Wenn schon nicht lieben, dann wenigstens nicht hassen!

 

 Im Frühjahr sind die Zeitschriften wieder voll davon: Mit allen möglichen Diäten und den Fotos dürrer Models werben sie mit dem Versprechen eines schlanken Körpers. Wer ihnen glaubt, wird nicht etwa selig, sondern nur noch unglücklicher. Was dicke Menschen längst aus Erfahrung wissen, wird zunehmend auch von der Forschung bestätigt: "Diäten bringen langfristig keine Gewichtsabnahme. Auf einen Zeitraum von 5 Jahren gerechnet, führen gerade mal 5 % aller Diäten zu einer Gewichtsabnahme. Bei allen anderen hat sich nicht nur ein Jojo-Effekt eingestellt, teilweise kam es sogar zu einer Gewichtszunahme und zu Essstörungen."

Trotzdem ist der Traum vieler Dicker, endlich dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, nicht tot zu kriegen. Sie wollen zu den «Normalen» gehören, obwohl es längst Berichte gibt, wonach die Mehrheit der Bürger übergewichtig ist.

 

Dicke Menschen haben es schwer. In der Überflussgesellschaft gilt ein dicker Körper als Makel und nicht, wie teilweise in ärmeren Ländern, als Statussymbol. Ein dicker Mensch ist mit einem Haufen von Stereotypen konfrontiert. Zumindest unbewusst herrscht das Vorurteil, es müsse sich um eine verfressene, faule und willensschwache Person handeln. Dick gilt als gleichbedeutend mit einem ungesunden Lebensstil und wird gesellschaftlich geächtet. Dahinter steckt auch die Angst der Schlanken, vielleicht selbst irgendwann «aus dem Leim zu gehen». In diesem gesellschaftlichen Klima ist es nicht verwunderlich, dass viele dicke Menschen selbst glauben, ihr einziges Lebensziel sei ein schlanker Körper. Wie soll man sich auch der Gehirnwäsche entziehen, die von Zeitschriften und Fernsehen, von Freunden und Ärzten ausgeübt wird?

Selbst bei offensichtlicher Diskriminierung, bei Einschränkungen und Beleidigungen gegenüber dicken Menschen wehren sich die Betroffenen nur selten. Auch sie haben schliesslich die These von der individuellen Schuld verinnerlicht. Von dicken Menschen wird erwartet, sich zu «bessern» und das Ergebnis ihrer Unersättlichkeit nicht auch noch schamlos zur Schau zu stellen. Aber nicht nur die Diskriminierung von Anderen ist ein Problem. Dicken Menschen fällt es oft schwer, sich selbst anzunehmen wie sie sind. Noch schwieriger ist es, sich schön zu finden und den eigenen Körper zu lieben. Sicherlich muss man die Frage nach den Gesundheitsrisiken dicker Menschen stellen. Aber auch hier ist es erlaubt zu fragen, ob es wirklich nur das gefährliche Fett ist, das zu Herzerkrankungen führt. Wirkt sich nicht auch Selbstablehnung bis zum Selbsthass negativ auf die Gesundheit aus? Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, bräuchte es zunächst mehr Toleranz gegenüber vielfältigen Formen, wie Menschen leben und aussehen. Aber auch grosse Veränderungen beginnen meist in kleinen Schritten. Der ist der Schritt ist dabei nicht, zu üben, den eigenen Körper zu lieben. Sondern ihn ein kleines bisschen weniger zu hassen und abzulehnen. 

 

Was können dicke Menschen selbst tun, um sich besser zu akzeptieren? Und welche kleinen Schritte können sie gehen, um die allgemeine Akzeptanz für ihr Aussehen zu erhöhen? Der wahrscheinlich schwierigste Schritt besteht darin, sich von dem Traum, einmal makellos schlank zu sein, zu verabschieden. Dabei hilft es, eine Lebenslinie zu malen und darauf einzutragen, wie oft man bisher ab- und wieder zugenommen hat. Das Ergebnis wird wahrscheinlich zeigen, dass bisher nichts so richtig geholfen hat. Und das liegt nicht an der Willensschwäche dicker Menschen. Zugrunde liegt der Trick einer wohlwollenden Natur bzw. Evolution, die uns vor Hungersnöten schützen will. Nach jeder Hungersnot (Diät) sorgt der Körper für die Zukunft mit einem verbesserten Stoffwechsel vor. Das ist eigentlich ein kluges Prinzip, aber in Zeiten des Ernährungsüberflusses ist es kontraproduktiv.

 

Der nächste mögliche Schritt hin zur Körperakzeptanz besteht darin, den eigenen Körper mit all seinen Eigenarten kennen zu lernen. Zunächst einmal aufzulisten, was dieser Körper alles kann. Und er kann viel: Er kann atmen, er bewegt Blut durch die Blutbahnen, er produziert Hormone, er kann sich (ein bisschen) bewegen, er trägt dich, er lässt Deine Haare und Fingernägel wachsen, er hält dich am Leben! Im nächsten Schritt ist ein bisschen Kontaktaufnahme angesagt. Wie fühlt er sich an, wie bewegt er sich, und wie ist es für ihn, berührt zu werden? Welche Bewegungen machen Spass – und zwar nicht, um abzunehmen, sondern um den Körper und sein volles Potenzial zu erforschen? Das ist für dicke Menschen nicht immer leicht, denn leider kennen sich viele von ihnen nur vom Hals aufwärts. Was darunter ist betrachten sie mit Hass und Ablehnung.

 

Bewegung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Betroffene sollten sich fragen: Welchen Weg kann ich zu Fuss statt mit dem Auto zurücklegen? Wie fühlt sich leichte Gymnastik an? Oder könnte mir ein Tanz zu lauter Musik Spass machen? Alles ist erlaubt, nur eines nicht: der anschliessende Sprung auf die Waage und die bange Frage, ob es denn auch etwas «gebracht» hat. Was zählt, ist allein die Freude an der Bewegung. Ich schlage sogar vor, die Waage ganz abzuschaffen. Diese Massnahme mag einigen zu radikal erscheinen. Aber es kann doch nicht sein, dass eine kleine Zahl die Macht hat, darüber zu entscheiden, ob es für uns ein guter oder schlechter Tag ist!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0