Gesellschaftlicher Stress macht krank



Stress ist wahrscheinlich ein sehr wesentlicher Faktor für viele Krankheiten von dicken Menschen, die immer wieder und viel zu schnell auf zu viel Gewicht geschoben werden. Dicke Menschen sehen sich täglich mit vielen unangenehmen, demütigenden und isolierenden Situa­tionen konfrontiert, mit denen die Gesellschaft dicke Menschen wegen ihres Ge­wichtes heimsucht - und wenn es ihnen auch real nicht immer passiert, so rechnen sie trotzdem damit, für das Stressempfinden macht dies keinen Unterschied.

 

Jedesmal wenn wir wütend werden, uns der kalte Schweiß aus­bricht, unser Herz wie wild klopft und wir wünschen, der Boden möge sich öffnen und uns verschlucken, reagiert unser Körper mit Streß. Unser Adrenalinspie­gel steigt und überflutet unseren Körper mit Hormonen, die beim primitiven Kampf-/ oder Flucht-Mechanismus ausgeschüttet werden. Bei einer dicken Person kann dies mehrmals am Tag geschehen; es wird in der Tat häufig zu einer so normalen Reak­tion, daß der Streß nicht mehr als solcher erkannt wird. Die betroffene Person nimmt ihn nicht mehr wahr, wie sie ihn in einer Situation wahrnehmen würde, in der sie mit einem großen, grimmigen Hund konfrontiert wäre oder in einer dunklen Nacht von schneller werdenden Schritten verfolgt würde. In solchen Situationen ist sich ein Teil von ihr bewußt, daß sie entweder angreifende oder vermeidende Maßnahmen er­greifen muß, und auf diese Weise externalisiert sie den Mittelpunkt des Stresses. Wenn wir nicht in der Lage sind, wütend zu werden über den Arzt, der zu uns sagt, daß uns geholfen werden kann, wenn wir abnehmen, und über den Schuljungen, der „dicke Vogelscheuche” ruft oder über den hochnäsigen Verkäufer, der mit offensichtlicher Abneigung sagt: „Nicht in Ihrer Größe” – dann schlucken wir den Streß hinunter, verinnerlichen ihn und bieten für gewöhnlich statt dessen eine versöhnliche Erwiderung an. Etwas, worauf uns unsere kompensierende Persönlichkeit konditioniert hat.[i]

 

Aufgeklärte Mediziner sind der Meinung, dass die Tatsache, dass dicke Menschen häufiger als der Durchschnitt an lebensbedrohenden Herzkrankheiten und Bluthochdruck leiden, eher durch den Stress verursacht wird, der sich aus Schrecken, Bedrohung und Stigmatisierung ergibt, als durch Übergewicht. Gary Cooper und sein Team erforschen den Stress in allen auftretenden Formen. Professor Cooper ist Inhaber des Lehrstuhls für Organisatorische Psychologie am Institut für Wissenschaft und Technologie an der Universität Manchester (UMIST). Laut Cooper ist Stress für dicke Menschen ein wahres Schreckgespenst, das nicht ignoriert und bagatellisiert werden darf. Dick zu sein zwingt einen Menschen in eine bestimmte Rolle, die aus den bereits erwähnten Gründen nicht richtig für ihn ist; er muß einen bestimmten Part spielen, um zu be­schwichtigen oder auszugleichen. Außerdem ist er ständigen Angriffen ausgesetzt. Der Streß an sich ist eine Risikokomponente für das Herzgefäßsystem: 90% aller Herzanfälle werden durch arterielle Probleme verursacht. Die Biochemie des Stres­ses ist Auslöser für die vermehrte Ausschüttung von Adrenalin, einem Hormon, das die Wände der Kranzarterien beschädigt. Der Körper muß dann Fibrinogen, eine Gerinnungssubstanz, produzieren, um die beschädigten Stellen der Arterien zu flicken, die sich dadurch verengen.[ii] Ebenso wichtig für die Arterien ist die Ernährung und es kann nicht mehr viele Men­schen geben, die sich nicht bewußt sind, wie wichtig es ist, arterienverstopfende, gesättigte Fettsäuren zu meiden. Eine zu fetthaltige Ernährung kombiniert mit star­kem Stress erhöht die Risiken einer Herzerkrankung oder eines Herzinfarkts. Ernährt man sich richtig und vermeidet Stress, dann ist ein dicker Mensch nicht gefähr­deter als die anderen. Der wesentliche Schlüssel aber liegt in der Beseitigung des Stres­ses, den die westliche Kultur hervorbringt.

 

Dr. Margaret Mackenzie ist Antrophologin, deren Spezialgebiet die Erforschung des Körperbildes in verschiedenen Kulturen ist. In West-Samoa entdeckte sie, dass Frauen nach jeder Schwangerschaft zunehmen, bis sie sehr dick sind. In dieser Gesellschaft hält man einen dicken Körper für wünschens- und bewundernswert. Be­sonders im mittleren Alter, wenn den Frauen erlaubt wird, die Tänze vorzuführen, von denen die Touristen des Pazifiks häufig erzählen, bewegen sie sich und tanzen frei und ungezwungen, ohne Scham, denn ihr Körpergewicht ist nicht mit einem Stigma behaftet. Diese dicken Frauen leiden nicht an Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Sogar wenn sie sich für eine andere Kultur entschieden haben und in die USA auswan­dern, zeigen nur drei von hundert Frauen, die über 90 Kilo wiegen, irgendwelche Anzeichen von erhöhtem Blutdruck. Aufgrund ihrer Erkenntnisse bei den Frauen Samoas kam Dr. Mackenzie zu der Überzeugung, daß die Gründe für die Krankheiten, die mit Übergewicht in Verbindung gebracht werden, vielleicht nichts mit der Belastung des Körpers durch das hohe Gewicht zu tun haben, sondern auf die durch ständige Beunruhigung und Streß verursachten Schäden zurückzuführen sind.[iii]

   

Mythos: Dünne Menschen sind gesünder

 

Obwohl es so viele vermeintliche Begründungen dafür gibt, daß man als dünner Mensch ge­sünder lebt, würde man eigentlich erwarten, daß Untersuchungen auch tatsäch­lich beweisen, daß dünne Menschen länger leben. Dies ist nicht der Fall, wie mittlerweile einige Studien bewiesen haben: Sie leben nicht länger.

Die sieben Länder Studie[iv] bestätigt, daß Menschen mit einem Gewicht von 20 bis 40 Prozent mehr über dem sogenannten „Normalge­wicht” die höchste Lebenserwar­tung haben. Menschen deren Körpergewicht unter dem „Idealgewicht” liegt, also unsere Traumfiguren, haben nach dieser Studie die geringste Lebenserwar­tung.[v]

 

Fett und vor allem das eigene Körperfett wird von den meisten von uns als etwas „schlech­tes” angesehen. Uns wurde von der Gesellschaft beigebracht das Fett zu hassen und gegen dieses ständig anzukämpfen. Obwohl zu fettiges Essen tatsächlich für die Ge­sundheit schäd­lich sein kann, ist das Körperfett ein lebendiger Teil des Körpers, das ihn mit Energie versorgt, vor Kälte be­wahrt und den restlichen Körper wie ein Kissen schützt. Verschiedene Körpertypen haben ver­schiedene Stärken und Schwächen. Wäh­rend eine dicke Person eventuell mehr Schwierigkeiten haben kann, ein ge­brochenes Bein zu heilen, so sind die Chancen geringer, daß sie sich die­ses überhaupt bricht.

   

Aber es gibt doch Grenzen

 

In vielen Diskussionen wurde ich mit der Fragestellung konfrontiert, daß es trotzdem zahlreiche gesundheitliche Risiken gibt und Grenzen, ab denen man etwas gegen das Gewicht tun müßte. Ich habe dar­aufhin immer zurückgefragt, wo denn diese Grenze liegen soll. Noch viel zen­traler aber ist die Frage, wie denn diese sehr dicken Menschen abnehmen sol­len? Warum sollten Diäten bei sehr dicken Menschen helfen, wenn doch ansonsten deutlich wird, daß Diäten dick und/ oder süchtig machen? Besteht nicht eher die Gefahr, daß sehr dicke Menschen durch weitere Diäten noch dicker werden, weil auch bei ihnen der Jo-Jo-Effekt zuschlägt? Und gilt nicht für jeden Menschen die Forderung nach Respekt und gesellschaftlicher Teilhabe? 

 



[i] Vgl. Shelley Bovey, S.86

[ii] vgl. Mackenzie 1980

[iii] Shelley Bovey, S. 90/91 vgl. wiederum Mackenzie 1980

[iv] sowie weitere Studien wie die Fra­mingham, die Albany, die Tecumseh, Chicago People's Gas und die Chicago Western Electic Studien

[v] Dwan Atkins, "Weight Loss, Fact and Fiction" von NAAFA, USA

 


Was ist normales Essen?

 

Viele Leser werden sich im Laufe des Diätrubrik sicherlich gefragt haben, was denn jetzt „normales“ Essen bedeutet. Immerhin haben viele von uns Jahre der Be­herrschung und der Schuldgefühle hinter sich. Dennoch ist die Frage nach der nor­malen Ernährung schwierig. Hier einige Anregung. Die wichtigste Aufgabe ist sicherlich wieder zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören, Signale zu verstehen und diesen den entsprechenden Raum einzuräumen.

 

Normales Essen bedarf keines besonde­ren Essenplanes. Normales Essen be­deutet, essen zu können, wenn Du Hunger hast und soviel zu essen, bis Du satt bist. Es bedeutet, in der Lage zu sein, alle Nahrung auszusu­chen und genug davon zu es­sen – und nicht aufzuhören, weil man denkt, man muß. Normales Essen bedeutet auch, mit ei­nem moderaten Zwang die unter­schied­liche Nahrung zu kontrollieren, um sich gesund zu ernähren, aber nicht so streng, daß man leckere und nicht so gesunde Nah­rungsmittel auslassen muß. Es bedeu­tet auch, sich selbst die Erlaubnis zu geben, manchmal zu essen, wenn man glücklich, traurig, gelangweilt ist oder nur, weil es sich gut an­fühlt. Normales Essen bedeutet für viele Menschen drei Mahlzeiten, man kann aber auch entscheiden, Zwischenmahlzeiten einzulegen. Dies bedeutet auch, ein paar Kekse auf dem Teller zurückzulassen, weil man ja weiß, daß man sie am nächsten Tag auch noch es­sen kann.

 

Kurz gesagt, normales Essen ist sehr flexibel. Es variiert mit den eigenen Bedürfnissen, dem aktuellen Zeitplan, dem Hunger und der Erreichbarkeit von Nahrung. Wenn man das Essen ißt, was gut für einen ist und regelmäßig Sport treibt, wird man zwar vielleicht nicht gleich dünner, aber gesünder und glück­licher.