Das Elternhaus –

leider nicht immer der beste Ort der Akzeptanz

 

Eine dicke Kindheit und die darauffolgende Pubertät können einen Vorteil haben: sie stählen fürs Leben. Soviel zum Versuch, die Sache positiv zu sehen. Ansonsten berichten die meisten dicken Menschen, die schon als Kind dick waren, nicht allzuviel Gutes über diese Zeit und den Umgang mit ihrem Gewicht. Nicht nur, daß die Nahrungsaufnahme eingeschränkt wird – und damit oft ein Teufelskreis der frühen Eßstörung beginnt, –es wird auch in der Familie gehänselt und mit Bemerkungen zum Körper verletzt, ja dem Kind das Signal gegeben, nur dann geliebt zu werden, wenn es sein „Figurproblem“ in den Griff bekommt.

 

Die eigene Mutter spielt dabei eine Schlüsselrolle, ist sie doch enge Bezugsperson und damit reich an Einfluß. Da Mütter auch unter Druck stehen, mit einer hübschen (schlanken) Tochter oder einem sportlichen Sohn glänzen zu können, und im Zweifel das eigene Versagen schuld ist, daß das Kind dick wurde, setzen sie oft alles daran, ihr Kind zum Abnehmen zu bewegen. Im Kindesalter wird Kindern das Essen begrenzt oder sie werden im Grundschulalter auf Abmagerungskuren geschickt.

 

Die Pubertät ist für dicke Kinder wahrscheinlich eine der schwersten Zeiten in ihrem Leben. Neben der Veränderung des eigenen Körpers vom Kind zur Frau oder zum Mann, muß sie und er sich auch noch damit auseinandersetzen, auch nur annähernd die körperliche Norm zu erfüllen. In den meisten Fällen werden junge dicke Menschen in diesem Alter nicht liebevoll durch die eigene Mutter unterstützt, sondern doppeldeutige Botschaften der Mutter bzw. auch des Vaters verstärken den sich entwickelnden Selbsthaß meist.

 

Susanne, heute 17 Jahre, berichtet zu dem Umgang mit ihren Eltern folgendes: „Eigentlich habe ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Es wäre sicherlich noch besser, wenn ich es endlich schaffen würde, abzunehmen. Nicht, daß ich richtig Druck bekommen würde, aber mein Vater sagte neulich, ich hätte eigentlich ein schönes Gesicht. Er hat es wohl positiv gemeint, aber er hat mir damit auch gesagt, daß mein restlicher Körper nicht schön ist, weil er nämlich zu dick ist. Meine Mutter ist manchmal deutlicher. Sie geht zum Beispiel häufig mit mir Kleidung einkaufen. Sie begründet es damit, daß ich dann in den Umkleidekabinen sehen müßte, wie ich aussehe und daß mir viele schöne Sachen eben nicht passen, weil ich zu dick bin. Solche Aussagen machen mich immer wütend und traurig. Aber vielleicht hat sie Recht?“

 

Susanne ist durch die eigenen Eltern schwer verunsichert und sie wird lange brauchen, bis sie (hoffentlich) ihren Körper akzeptieren lernen wird. Wir wissen nicht, welches Leid sie noch ertragen wird, und ob sie aus der Pubertät Eßstörungen oder „nur“ ein völlig unterentwickeltes Selbstbewußtsein mitnimmt. Dabei ist es gerade in der Pubertät, wo viele Veränderungen verunsichern, wichtig, von den eigenen Eltern Akzeptanz und Liebe entgegengebracht zu bekommen.

 

Für viele dicke Frauen hört das Problem „Mein Gewicht und meine Mutter“ auch nach der Pubertät nicht auf. Es geht bis zu den Fällen, in welchen selbstbewußte dicke Frauen, die eigene Mutter vor die Wahl gestellt haben: „Entweder mein Gewicht ist in unserer Beziehung kein Thema mehr, oder die Beziehung muß eingestellt werden“. Mütter, die es mit standhaften Töchtern zu tun haben, halten nach dieser Feststellung oft wenigstens den Mund. Bei Männern weiß ich ehrlich gesagt zu wenig, wie es ihnen als erwachsene Menschen mit ihren Eltern geht. Aber wahrscheinlich ähnlich. 

 

Oft können auch alle anderen Familienmitglieder nur schwer damit umgehen, daß ein Familienmitglied aus der Reihe tanzt und dick ist. Die Ausnahme bilden die Familien, in denen alle oder viele Mitglieder dick sind. Bei einigen findet man Toleranz untereinander. Kurios muten Familien an, die sich gegenseitig zum Abnehmen anhalten und doch selber merken, daß es bei ihnen selbst nicht funktioniert. Hier greifen immer wieder die Diätindustrie und unterstützende Modemagazine ein, die den kurzfristigen Erfolg von Diäten dokumentieren, aber nicht über langfristige Mißerfolge berichten. Entsprechend stempelt sich eine dicke Familie eher zum gemeinsamen Mißerfolg ab, als das sie sich gegenseitig und ihr eigenes Gewicht akzeptieren.

 

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