Beruflicher Erfolg – auch für Dicke?

 

Frei nach dem Vorurteile, dicke Menschen sind faul, ist der berufliche Werdegang für viele dicke Menschen ein sehr steiniger. Mit dem „Risikofaktor Übergewicht“ behaftet, wird es oft schon bei der Einstellung schwer. Die Universiät Leipzig hat in einer groß angelegten Studie herausgefunden, daß es vielfältige Benachteiligungen gibt, die auch dazu führen, dass bereits in der Schule, dicken Menschen weniger zugetraut wird. Entsprechend selten finden sie sich an Hochschulen oder in anderen aufwendigeren Ausbildungen. Wenn für viele LehrerInnen die Vorurteile zutreffen, die auch für die restliche Gesellschaft vorhanden sind, nämlich auch, daß dicke Menschen dumm seien, dann ist es naheliegend, daß einem dicken Kind weniger zugetraut und es auch entsprechend weniger gefördert wird. Wieviel Kraft kostet es ein Kind, neben der Benachteiligung durch die Lehrpersonen, sich ständig gegenüber Hänseleien aus der restlichen Kinderschar zu wehren? Wie soll man sich da noch auf den Unterrichtsstoff konzentrieren?

 

Nach dem Schulabschluß steht die spannende Frage der weiteren beruflichen Laufbahn auf der Tagesordnung. Wieviel traue ich mir zu, welchen Beruf kann ich mir vorstellen und wo schränke ich mich ein? Stewardess, Sportler und Schauspielerin fallen so gut wie gleich weg. Aber bei wievielten anderen Berufen fehlt zu diesem Zeitpunkt das eigene Selbstvertrauen und die Förderung durch andere Menschen, die dem jungen Mensch zureden, daß sie natürlich nach den Sternen greifen darf? Und wo gibt es sichtbare, erfolgreiche Vorbilder, die selbst dick sind? 

 

Die Suche nach einer passenden Stelle – egal mit welcher Ausbildung – ist eine oft langwierige und schwierige Aufgabe, denn bei Einstellungen kommt es zu erheblichen Nachteilen für dicke Menschen. Selbst wenn eine dicke Person noch so qualifiziert ist, beim Blick auf das Bewerbungsfoto werden sie allzu schnell aussortiert. Oder spätestens beim Bewerbungsgespräch ist schon nach der ersten „Ganzkörperbetrachtung“ klar, daß das Gespräch eigentlich gelaufen ist.

 

Marianne, eine gut ausgebildete aber sehr dicke Sekretärin, berichtet zu ihrer Jobsuche folgendes: „Nachdem ich wochenlang nur Absagen auf meine schriftlichen Bewerbungen erhalten habe, habe ich irgendwann angefangen, mich erst telefonisch zu bewerben. Es war spannend, wie lange die potentiellen Arbeitgeber sehr interessiert an mir waren. Ich habe gute Qualifikationen und eine angenehme Stimme. Entsprechend wurde ich dann auf diesem Weg auch mehrmals zu Gesprächen eingeladen. Aber wenn ich dann dort mit meiner Figur sitze, sehe ich richtig, wie die Gesichtszüge runterfallen und es klar ist, daß ich wieder verloren habe.“

 

Besonders frustrierend wird es, wenn die Diskriminierung auf einen festen Arbeitsplatz mit gesundheitlichen Risiken angeblich wissenschaftlich begründet wird. Daß grundsätzlich „dick sein“ ein Gesundheitsrisiko darstellt, stimmt so nicht, wie auch die Annahme, daß dicke Menschen etwas an ihrem Gewicht langfristig verändern könnten.

 

Im Job selber haben es viele dicke Menschen – analog zu den Ausbildungs- und Einstiegsschwierigkeiten – mit vielen Vorurteilen und Einschränkungen zu tun.

 

Sybille – im medizinischen Bereich in führender Position in einem Krankenhaus tätig, versehen mit einer stattlichen Kleidergröße von 64, berichtet dazu: „Ich bin für wirklich viele Bereiche in unserem Krankenhaus zuständig und erledige die Aufgaben mehr als zuverlässig. Und dennoch habe ich oft den Eindruck, daß es zahlreiche Menschen gibt, denen ich erst vermitteln muß, daß ich überhaupt in der Lage bin, zwei gerade Sätze zu sprechen und einen klaren Gedankengang zuende zu denken. Ich habe im vergangenen Jahr eine wichtige Weiterbildung für mich gemacht und war in dieser Gruppe eine von zweien, die mit einem „sehr gut“ den Kurs abgeschlossen hat. Für mein Selbstbewußtsein war das Gold wert, denn diese ständige Infragestellung meiner Person ist schon sehr zermürbend.“

 

Ob über Bemerkungen zur Figur, Diskussionen zu den neusten Diäten, Absprache der eigenen Arbeitsfähigkeit bis hin zum schweren Mobbing – dicke Arbeit­nehmer sind eine geeignete Angriffsfläche für Vorurteile und Haß. Aber das Traurigste daran scheint zu sein, daß die meisten sich nicht wehren und über nicht genügend Selbstwertgefühl verfügen, um sich das Recht des Widerstandes zuzugestehen.

 

Trotzdem gibt es auch andere Erfahrungen, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Es gibt dicke Menschen, die Karriere machen und die ihren beruflichen Weg mit Selbstverständlichkeit gehen. Besonders in dieser Selbstverständlichkeit scheint übrigens ein Schlüssel zu liegen. Ich habe für mein Buch "Wohl in meiner Haut" einige dicke Karrieremenschen interviewen dürfen. Alle sagten, dass sie bei Bewerbungen oder bei weiteren Karriereschritten sich nie über ihre Figur definiert hätten, noch diese als Einschränkung wahrgenommen haben. 

 

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