Selbsthaß – die schmerzhafteste Form der Diskriminierung

 

Aufgrund von Vorurteilen und Diskriminierungen entwickeln dicke Menschen ein konstantes Gefühl, auf dieser Welt nicht richtig und voll akzeptiert zu sein. Statt sich für die eigenen Rechte stark zu machen, reagieren die meisten Betroffenen mit Schuldgefühlen und Scham. Warum? Weil seit Jahrzehnten versucht wird, Dicken weiszumachen, sie könnten an ihrem Gewicht langfristig etwas verändern.

 

Dies wird eifrig probiert – in der Hoffnung irgendwann schlank zu sein und sich dann auch unterhalb des eigenen Halses akzeptieren zu können (vorausgesetzt der Selbsthaß geht nicht soweit, auch die eigenen Gedanken, sprich den Kopf zu hassen).

 

Diese Veränderungswünsche werden von Diätfirmen eifrig unterstützt und genährt, machen sie doch immensen Profit mit dem Kampf um die Traumfigur. Also wird immer wieder eine Diät probiert, in der Hoffnung, daß es diesmal funktionieren wird. Natürlich kommt es anfangs zu einer Gewichtsabnahme. Aber langfristig ruiniert die Diäthaltende nur ihren Stoffwechsel, sie provoziert Eßstörungen und was wohl das Allerschlimmste ist, sie ruiniert ihr Selbstbewußtsein. In der Anfangszeit erhält eine diäthaltende Person zahlreiche gesellschaftliche Bestätigung zu ihrem Gewicht. Andere Qualitäten und Erfolge rücken in den Hintergrund, was zählt ist die Gewichtsabnahme. Aber leider folgt in 95 Prozent aller Fälle nach der Gewichtsabnahme die Gewichtszunahme. Hier wird dann die gesellschaftliche Bestätigung versagt (Bestätigungen für andere Qualifikationen sind in der Wahrnehmung längst zurückgefallen) und übrig bleibt ein Häufchen Elend, welches sich schon wieder nicht beherrschen konnte.

 

Das Schlüsselwort ist dabei „Versagen“. Dicke Frauen haben versagt. – Versagt, sich den Regeln der Gesellschaft und Kultur, nach denen wir leben, anzupassen, versagt, den Normen, welche die Gesellschaft, die Medizin und die Medien uns vorschreiben, nachzukommen und zu erfüllen, versagt, nach den eigenen Erwartungen zu leben, versagt, Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Stolz und Willensstärke zu nutzen. Diese Litanei ließe sich endlos fortsetzen.

 

Kein Wunder, daß eine dicke Frau kaum noch an sich selbst und die eigenen Vorzüge glauben kann. Ihr wird eingeredet, daß dick sein ungesund ist und ihr höchstes Ziel ist oder wird es, schlank zu werden. Sie schafft es nicht und fühlt sich elend. Vorteile an ihrer Figur, und leider oft dann auch an ihrer ganzen Person, kann sie nicht finden. 

 

Leider trifft dies mittlerweile auch auf Männer zu. Sie waren lange verschont geblieben, aber in den letzten 20 Jahren hat die Diätindustrie auch sie als Ziel entdeckt und mittlerweile erleben dicke Männer einen ähnlichen Druck wie dicke Frauen. 

 

Dicke Menschen in der Öffentlichkeit

Öffentliche Einrichtungen sehen dicke Menschen in der Regel nicht vor. Ob im Bus oder im Eiscafe, im Flugzeug oder im ICE, die Sitze sind für „Normmenschen“ ausgelegt und machen dicken Menschen mindestens an den Hüftknochen deutlich, daß sie hier nicht dazugehören. Drehkreuze vor Schwimmbädern oder Museen sind auch mögliche Fallen für dicke Menschen, die zu sehr peinlichen Situationen führen können.

 

Mit dem Blick eines Fremden (der unsere Gesellschaft nicht kennt) würde sich die Frage aufdrängen, warum Menschen Dicke mit Sprüchen oder auch handgreiflich belästigen, und warum nicht auch Sitzangebote für dicke Menschen gemacht werden beziehungsweise warum dicke Menschen meist gar nicht aktiv werden, um zu einem angenehmen Aufenthalt zu kommen. Warum wird dies alles so hingenommen, warum akzeptiert die große Masse es beispielsweise schweigend, wenn ich auf der Straße mit „Du Fettsau“ beschimpft werde?

 

Im Vergleich zu zahlreichen anderen Minderheiten und Randgruppen haben dicke Menschen ein besonderes Merkmal, welches sie unterscheidet: Sie könnten (vermeintlich) an ihrem Zustand etwas ändern.

 

Vorurteile gegenüber anderen Menschen, ob mit einer anderen Hautfarbe, einer anderen Religion, ob alt oder mit einer Glatze, werden in unserer Gesellschaft soweit es eben geht unterdrückt. Sie werden gesellschaftlich so gut wie irgend möglich sanktioniert – und das ist gut so. Auch wenn sich hier eine starke Verrohung in den letzten Jahren bemerkbar macht, die in meinen Augen auch sehr besorgniserregend ist. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Bei dicken Menschen kommt eine Facette hinzu, die es leicht macht, diese zu diskriminieren.  Nach der landläufigen Meinung sind sie selbst dran schuld. Sie sollten ihren Zustand verändern. Sie müssen das Ergebnis ihrer Völlerei, ihrer Unersättlichkeit, ihren Mangel an Selbstkontrolle und Selbstrespekt nicht auch noch zur Schau stellen. Sie sollten lieber etwas dagegen tun.

 

Wenn dicke Menschen dann auf schlanke Menschen stossen, die wahlweise selbst auf Dauerdiät sind oder laufend sehr viel Angst davor haben, dick zu werden, wird ihnen schnell sehr viel Ablehnung entgegengebracht. Sind sie doch die lebendige Antithese gegen den Schlankheitswahn. 

 

Hier geht es weiter zum Thema Ablehnung durch die Familie.