Vielfältige Diskriminierungen verursachen Streß



 

Jenseits besonderer Situationen im Leben eines dicken Menschen ist besonders der alltägliche Streß sehr tükisch und anstrengend. Solche zufälligen dickenfeindlichen Situationen sind für die meisten dicken Menschen eine besondere Herausforderung und Belastung, da sie völlig unberechenbar auf einen zukommen. Es sind keine Prüfungssituationen, in welchen man sich im Vorfeld mögliche Antworten zurechtlegen und Situationen in Gedanken durchspielen kann. Sie kommen plötzlich, beim Aussteigen aus der Straßenbahn: „Was für ein fetter Arsch“, im Schwimmbad: „Achtung, die Wale kommen“, oder auf dem Fahrrad: „Das das nicht zusammenkracht“. Manchmal reichen auch schon Blicke, um das eigene Selbstwertgefühl für einige Stunden oder gar Tage gegen null zu fahren.

 

Dicke Menschen reagieren auf diese möglichen Angriffe unterschiedlich. Dabei gibt es eine Bandbreite von unterschiedlichen Verhaltensformen - an der einen Seite steht dabei die Möglichkeit des Rückzugs, an der anderen die Strategie des Durchzugs. Die eine Möglichkeit besteht darin, relativ angespannt durchs Leben zu gehen und sich Antworten für unterschiedliche mögliche Angriffe zurechtzulegen. Auch wenn man dann vielleicht die passende Antwort auf einen Angriff parat hat, so kann man sich vorstellen, daß die entsprechende Anspannung natürlich sehr anstrengend ist. Die andere Strategie besteht darin, sich auf mögliche Angriffe gar nicht vorzubereiten. Wenn dann ein starkes Selbstbewußtsein ausgestrahlt wird, kann es zu wenigen Angriffen kommen, die man mit entsprechendem Großmut vielleicht auch wegstecken kann. Ist das Selbstbewußtsein aber nicht so groß, grundsätzlich oder auch, weil man mit dem falschen Bein aufgestanden ist, dann treffen Angriffe doppelt. Da man nicht vorbereitet ist und keine Antwort parat hat, grübelt man den ganzen Tag über die Peinlichkeit der Situation und welche Antworten man hätte so gut geben können.

 

Beide Extreme und alle Möglichkeiten dazwischen machen deutlich, welchen Streßsituationen dicke Menschen alltäglich ausgesetzt sind. Hier stellt sich bei Gesundheitsdiskussionen über dicke Menschen immer wieder die Frage, was ist wirklich gesundheitsgefährdend: Das sogenannte „Übergewicht“ oder vielleicht doch mehr die Streßbelastung, die dicke Menschen alltäglich aushalten müssen?

 

Einsamkeit verhindert Streß

 

Eine mögliche aber dennoch sehr traurige Konsequenz für dicke Menschen ist der Rückzug aus der Gesellschaft. Angefüllt mit Schuld- und Schamgefühl wird die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben immer seltener. Dies kann dann fast zu völligem Rückzug führen. So schrieb Sabine an mich: „Ich erlebe immer so viele Blicke und bekomme so viele dumme Bemerkungen ab, daß ich nur in wirklich wichtigen Fällen das Haus verlasse. Lebensmittel kauft häufig eine Nachbarin für mich mit ein, wenn ich es selber machen muß, habe ich immer große Angst davor. Kleidung bestelle ich über Katalogen, ich habe eh nicht viel Geld um mir Kleidung zu kaufen. Sonst muß ich nicht oft meine Wohnung verlassen und tue es auch ungern.“  Auch wenn Sabine sicherlich eine sehr extreme Lebenssituation darstellt, gibt es wahrscheinlich noch viele andere dicke Menschen, die entweder einsam sind, da sie keine richtigen Freunde finden können oder für sich sind, da sie gar nicht mehr mit anderen Menschen zusammen kommen.

 

Einsamkeit macht krank, denn diese Lebenssituationen üben massiven Druck auf die Psyche aus. Aber anstelle hier einen Notschrei an die Gesellschaft auszugeben, der hilft, einsame dicke Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, wird ihnen eine Diät empfohlen, denn mit einem dünneren Körper würde ihnen dieses Malheur natürlich nicht passieren.

 

Aber auch Menschen, die unter Menschen gehen, berichten häufig über ein fehlendes Gefühl von Zugehörigkeit. Denn der eigene dicke Körper wird als Unterscheidungsmerkmal wahrgenommen, der dazu führt, daß man sich Freunden und Bekannten eben nicht gleichberechtigt akzeptiert und zugehörig fühlen darf. Ein oft unbewusster, aber dennoch vorhandener Stressfaktor.