Die dicke Frau – ein Symbol der Fruchtbarkeit

 

Der dicke Körper, die dicke Frau, war nicht immer verpönt und ist es auch jetzt nur in der industrialisierten Welt und in den Weltteilen, in welchen der industrialisierten Welt nachgeeifert wird. Ursprünglich wurde die dicke Frau als Göttin verehrt. Ein Blick in die Geschichte soll Ihnen zum Einstieg in dieses Kapitel Mut machen und die Subjektivität von Schönheitsidealen verdeutlichen.

 

Die ersten Darstellungen des Frauenkörpers überhaupt waren Fetische – in religiösen Riten eingepaßte Nachbildungen schwangerer Leiber, steinerne Anrufungen der Fruchtbarkeitsgöttinnen, deren Segen und Kraft auf ein Geschlecht oder eine Region nieder- und übergehen sollten. Der Archetyp des Weiblichen hat diese Konnotation bis heute behalten. Die Frau soll fruchtbar sein, und die fruchtbare Frau ist die schwangere Frau, deren Bauch sichtlich erfüllt ist von neuem Leben. Zum gewölbten Leib gehören die schweren Brüste, die sich darauf vorbereiten, Nahrung für das Kind zu spenden. So gehört Fülle zum Bild der vollkommenen Frau. Sie, die Fülle, ist das archetypische Attribut, ohne das Weiblichkeit nicht dargestellt werden kann. Der Zeitgeschmack kann sie bestätigen und feiern, wie die barocken Maler es getan haben. In einer Gegenwart blutiger Kriege und verheerender Seuchen lag es nahe, Fülle und Fruchtbarkeit in der Kunst zu beschwören. Vermutlich waren auch die „Busenwunder“ der fünfziger Jahre eine verzögerte Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Andere Zeiten wieder haben die neuen Lebenswege, die Frauen gehen wollten, zur Inspiration für das weibliche Leitbild genutzt. Die knabenhafte Frau der zwanziger Jahre, mit Herrenschnitt und Matrosenkragen, ist als Typ gar nicht zu verstehen ohne die bedeutenden Emanzipationsschritte nach dem ersten Weltkrieg. Das Frauenwahlrecht war errungen, und die Mädchen drängten zum Studium in die Universitäten. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich mit dem „Busenwunder“ nochmals eine Phase der runderen Formen ein, diese wurde dann aber von immer dünneren Schönheitsidealen abgelöst. Dabei konnte sich das englische Mannequin Twiggy – die „Bohnenstange“ – als das Extrem der sechziger Jahre, nicht sehr lange halten. Die Abstraktion weiblicher Eigenheiten war bei diesem Schönheitsideal einfach zu weit gegangen. Trotzdem ging und geht das Schönheitsideal weiter in eine schlanke Richtung, nun verbunden mit dem schon fast übermenschlichen Anspruch, dabei auch noch über weibliche Rundungen zu verfügen. Je extremer sich diese Richtung weiterentwickelt, desto mehr lassen sich kritische Stimmen dazu finden. Gerade viele für dieses Schönheitsideal notwendige Schönheitsoperationen, gekoppelt mit Diäten und Bodybuilding lassen kritische Stimmen aufkeimen. Und wenn die feminine Urgestalt zu radikal in Frage gestellt wird, geht das Stilempfinden der Massen eben auch nicht mehr mit.[i] In der Kunst und besonders in der förmlich gestaltenden Kunst lassen sich die Veränderungen bereits zum Teil ablesen, hier machen sich wieder verstärkt Skulpturen breit, die die dicke Frau und ihre ausladenden Formen huldigen.

 

Jede Frau, die Mutter geworden ist, weiß, was es bedeutet, dick zu sein und überbordend füllig. Sie weiß, daß ausladende weibliche Fleischlichkeit mit einem starken Stolz gepaart ist. Als Schwangere ist die Frau im Begriff, etwas hervorzubringen und zu geben. Die ganze Schwere hat einen tieferen Sinn, der irgendwann ans Licht kommt. Früher sagte man auch: Die dicke Frau wird der Welt eine Leibesfrucht schenken. Dieses Versprechen, fruchtbar zu sein, strahlen dicke Frauen auch dann aus, wenn sie nicht schwanger sind – sofern man ihnen den natürlichen weiblichen Fleischesstolz nicht abgewöhnt hat. Leider ist unsere Zeit groß darin. Das ganze letzte Jahrhundert – abgesehen von der Nazi-Zeit mit ihrer aufgesetzten Blut- und Boden-Ideologie – hat Fruchtbarkeit und ihre Zeichen kaum noch als Grund zu ästhetischem Jubel anerkennen wollen. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß in der modernen Gesellschaft Kindersegen nur noch sehr bedingt als erstrebenswert gilt. Kinder sind keine Gottesgeschenke mehr, sondern planbar. Unter diesen Umständen hat es die fruchtbare Frau schwer, als ästhetisches Ereignis akzeptiert und ernst genommen zu werden. Schwangere Frauen gelten als plump, werdende Väter als erotisch kaltgestellt, für ihre Seitensprünge hat man Verständnis. Daß Schwangere oft besonders viel Lust auf Sex haben, und daß mancher Mann eine Gefährtin mit großem Leibesumfang besonders gern umarmt – das entnimmt man privaten Bekundungen, in den Ratgeberspalten findet man es dagegen nicht.

Das hat Konsequenzen für die dicke Frau, die gar nicht schwanger, dafür aber auf der Suche nach einem Liebhaber ist. Nicht daß mollige oder dicke Frauen automatisch für schwanger gehalten werden – aber die Assoziation ist da und sei es unbewußt: So stellt sich leicht eine Distanz ein. Jedenfalls arbeitet außer der Mode auch noch das Tabu Schwangeren gegenüber an dem Vorurteil mit, Dicke seien nicht sexy. Glücklicherweise gibt es eine Gegenbewegung – die uralte männliche Lust an weiblicher Üppigkeit. Ob diese Lust der Freude auf ein Kind entstammt oder einfach nur der Freude an der Rundung, ist nicht zu entscheiden.[ii] Die Geschichte zeigt, daß erst in den Zeiten des Überflusses der schlanke Körper zu einem extremen Schönheitsideal hochstilisiert worden ist. Diese Epoche dauert noch nicht lange, an sich „nur“ das letzte Jahrhundert. Lassen Sie uns daran glauben – wenigstens ein bißchen – daß im neuen noch jungen Jahrhundert das Pendel der Extreme wieder umschlägt. Nicht in das andere Extrem, sondern in ein Schönheitsideal, welches alle Formen und Größen bei Menschen zulassen kann und Schönheit an anderen Parametern mißt als an Gewichtsangaben und Körpermaßen. Auch und gerade bei Frauen, aber selbstverständlich auch bei Männern. 



[i] Vgl. Sichtermann, Barbara in Koelbl, Herlinde: Starke Frauen, München 1996, S. 173 ff.

[ii] Sichtermann, Barbara in Koelbl, Herlinde „Starke Frauen“, München 1996, S. 175

 

Emanzipation und dicke Frauen

 

Aufgrund der Verbindung der dicken Frau mit dem Bild der Mutter und der Schwangeren, haben es emanzipierte – nicht an Mütterlichkeit orientierte – dicke Frauen tendenziell ein bisschen schwer. Sie regen zu unbewußten Bildern und Vorstellungen an, die sie selber gar nicht leben wollen. In unserer gesättigten und gut betuchten Gesellschaft versuchen Frauen ihre Gleichheitsvorstellungen vom Leben durchzusetzen. Diese Vorstellungen sind ungemein wichtig, die Kombination mit der Ablehnung gegenüber runden weiblichen Formen allerdings für viele Frauen fatal. Denn zu diesen Vorstellungen passt kein Frauenbild, das schwellende Formen zeigt und damit auf Fruchtbarkeit anspielt und Mütterlichkeit – wie indirekt auch immer –betont. Benötigt wird ein Leitbild, das Energie, Bewegung und Selbständigkeit assoziieren läßt. Der Typus, der zur emanzipierten, eigenständigen Frau paßt, könnte füllig sein – da aber die mit Fülle konnotierten Fähigkeiten und Eigenschaften zu stark mit der archaischen Fruchtbarkeitssymbolik verbunden sind, wären sie mißverständlich und unpassend. Noch sind die Frauen nicht so weit. Ihre Emanzipation ist ungesichert, sie benötigt noch ein Frauenbild, das an Aufbruch und Eigenständigkeit denken und die Sache mit der Fleischeslust und dem Kinderkriegen erstmal beiseite läßt. Entsprechend gilt für viele erfolgreiche Karrierefrauen die Sorge um das Gewicht als eine ganz zentrale Fragestellung, die zum Teil vor vielen anderen Aufgabenstellungen rangiert.

 

Heute ist es leider noch eine sehr reizvolle Utopie – morgen vielleicht Wirklichkeit, daß dicke Frauen als schön und stark empfunden werden, mit deren Erscheinung man die Fruchtbarkeit der alten Venus-Statuen verbindet und denen man auch als Personen zutraut, daß sie gerne Mütter sind. Problemlos ist eine solche neue Venusgestalt nur zu entwerfen, wenn die Assoziation zur schwangeren Frau und nährenden Mutter gefahrlos in das Leitbild eingebaut werden kann, weil mit ihr keine Beschränkungen der Frau auf die Familie mehr verknüpft wird; weil von vornherein garantiert ist, daß Frauen vieles können: arbeiten, Kinder kriegen, schön und eigenständig sein.

 

„Stark“ ist in Modezeitschriften oft der verschämte Ausdruck für leicht bis mittelschwer übergewichtig – er kann aber auch anders verstanden werden. Starke (dicke) Frauen, an denen ein bißchen mehr dran ist, stehen fester im Raum, sie sind eben wirklich stärker. Nichts wirft sie so leicht um. Da sie außerdem dem archaischen Urtyp entsprechen und den geheimen (und zensierten) Wünschen der meisten Männer entgegenkommen, haben sie Grund, zu strahlen und stolz zu sein. Viele dieser starken Frauen tun das auch wirklich. Aber so ganz reif ist unsere Zeit noch nicht für sie. Sie kann sich den Reizen der starken dicken Frau noch nicht vorbehaltlos zuwenden, muß mäkeln, schmälern und unterstellen, als sei sie von Neid darauf erfüllt, daß eine Frau es wagt, uralten Wunsch- und Leitbildern zu entsprechen und doch heute zu leben – heute, wo es so viel anzupacken gibt, wofür man feste Muskeln und große Schritte braucht, anstatt wogendes Fleisch und einen wiegenden Gang. Die starke Frau im Schmuck ihrer Fülle könnte ein Vorgeschmack auf eine Zukunft sein, die insofern glücklich wäre, als sie alle Frauentypen in ihr Recht setzt und den fülligen genauso herausstellt und abbildet wie die anderen, vielleicht ein bißchen mehr. Denn: Eine starke Frau fängt besonders viele Blicke – außer denen, welche die Pharisäer, die modisch Angepaßten und Gesundheitsapostel auf sie werfen und in denen immer ein Vorwurf steckt – gibt es auch solche der spontanen Bewunderung. Auf diese Blicke reagiert sie mit einer Mischung aus Vergnügen und Nachsicht, als wüßte sie genau, daß das Kompliment, welches im Blick, der sich nicht abwenden mag, liegt, nicht nur ihr als Person gilt, sondern der ewigen Venus, als deren Verkörperung sie dasteht.[i]

 

Bis die Zeit reif ist, bis dicke Frauen ohne Vorbehalte leben können, wird es wahrscheinlich noch eine Weile dauern. Wer kann schon vorhersagen, wann es so weit sein wird? Niemand, aber wir können die ersten Frühlingsboten ausmachen. Mode wird für dicke Menschen angeboten, mittlerweile auch in bunten und schrillen Farben, die ersten Agenturen vermitteln dicke Modells und vermelden, daß sie nur schwer alle Anfragen bedienen können. In den USA gibt es gleich mehrere wunderschöne Magazine für dicke Frauen und ihre Bewunderer und auch in Europe versuchen sich die ersten Hefte. Beim bewußten Hinsehen auf der Straße und in Fußgängerzonen sieht man sie immer häufiger, die selbstbewußte dicke Frau, die über eine Ausstrahlung verfügt, die jenseits ihrer Pfunde einfach auffallen muß. Natürlich wird eine gesellschaftliche Veränderung nicht einfach so passieren. Gesellschaftliche Veränderungen treten in der Regel durch einzelne Schritte von einzelnen Personen ein, die sich langsam mehren. Entsprechend sind wir alle, wir – die dicken Frauen – gefragt, unseren kleinen und großen Beitrag zur Veränderung beizutragen.

 

Dabei will ich nicht verhehlen, daß der Weg zu einer dickenfreundlichen Gesellschaft noch ein möglicherweise sehr langer Weg sein wird. Ein Weg, der für die eine schon angetreten und gar nicht so schwer und für die andere als steiniger oder auch bisher kaum begehbarer Weg erscheint. 



[i] Sichtermann, Barbara in Koelbl, Herlinde „Starke Frauen“, München 1996, S. 177