Dick und fit!

Bewegung ist für jeden Menschen wichtig, ob dick oder dünn. Dennoch haben es dicke Menschen bei der Bewegung ein bisschen schwerer als andere. Auf der einen Seite ist es manchmal rein physisch tatsächlich schwerer. Dann macht es unser Umfeld aber noch hier und da zusätzlich schwer. Weil sie auf der einen Seite erwarten, dass dicke Menschen doch endlich Sport treiben sollten, es dann aber auch wieder sehr komisch und unästhetisch finden, wenn sie es tatsächlich tun. Dies sollte uns aber nicht davon abhalten, Spaß an der eigenen Bewegung zu entdecken. 

„Sport ist Mord“

 

Sport ist für die meisten dicken Menschen mit unangenehmen Erinnerungen verbunden. In der Schule waren gerade die Sportstunden für viele ein Horror. Wie um Gottes Willen soll man auch seinen eigenen Körper über ein Reck schwingen? Und wie furchtbar war es, mit anderen um die Wette zu laufen und nicht zu wissen, wohin mit dem eigenen hüpfenden Busen (der ja noch ganz neu war), aber eindeutig zu wissen, daß man als Letzte hechelnd ins Ziel laufen wird. Selbst die sportlichen dicken Mädchen unter uns werden noch gut in Erinnerung haben, wie der eigene Körper meist im Weg stand oder aber zumindest als Hindernis von Sportlehrern dargestellt wurde. Ich habe in meiner Jugend lange gebraucht, um mir einzugestehen, daß ich eigentlich ein sportlicher Typ bin, aber dies angesichts meiner Figur nie von meinen Sportlehrern gesehen wurde. Ich bin gerne täglich mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Schule gefahren und habe meine eigenen Bestzeiten immer wieder gesteigert. (Letzteres lag allerdings auch daran, daß mir zwecks frühem Schulbeginn und Verspätungen nichts anderes übrig blieb.) Über mehrere Sommer war ich regelmäßig schwimmen und hatte daran großen Spaß. Aber den Sportunterricht habe ich gehaßt. Ich hatte immer das Gefühl, ich kann mich noch so sehr anstrengen, ich werde immer schlecht bewertet werden, weil es eben komisch und ungewohnt aussieht, wenn ein dickes Mädchen versucht, Handball zu spielen. Für diese Sportart „entdeckte“ meine Sportlehrerin für mich dann die Position des Torwarts. Ich fand die Lösung eher verletzend und unoriginell.

 

Als erwachsene Menschen treiben Dicke fast immer nur Sport, um durch die Bewegung endlich abzunehmen. Da wird im Fitneßstudio geschwitzt – vorher wurde selbstverständlich ein genaues „individuelles Abnehmprogramm“ konzipiert – im Schwimmbad werden Bahnen geschwommen und im Sportverein versucht sich die eine oder andere mit weiteren Sportarten. Meist werden alle Sportprogramme mit viel Euphorie begonnen und schlafen mehr oder weniger schnell wieder ein. Dies kann an vielen Gründen liegen. Der dabei wahrscheinlich schlimmste Grund sind Verletzungen, die durch unsachgemäßes Training und zu forschem Start verursacht wurden. Auch die Einstellung uns selbst gegenüber, daß nur die Qual des Körpers zum Erfolg führen wird, ist meist nicht von langer Dauer. Oder aber die Gewichtsabnahme schreitet nicht weiter voran und wir geben auf, weil es dann ja doch keinen Erfolg hat das gesetzte Ziel zu erreichen. Also lassen wir es – und fühlen uns mal wieder als Versager.

 

Bewegung macht Spaß

 

Nach all den negativen Erfahrungen, die wir mit Sport gemacht haben, mögen viele die Aussage „Bewegung macht Spaß“ als einen schlechten Scherz verstehen. Dennoch, gerade da uns immer eingeredet wurde, daß wir zu dick sind, um Spaß an der Bewegung zu haben, kann eben genau das Erreichen eines sportlichen Zieles immens wichtig für unser eigenes Selbstvertrauen sein. Ich mache diese Erfahrung immer, wenn ich mit meinem Fahrrad längere Strecken zurücklege, besonders dann, wenn ich hechelnd, aber immer noch fahrend, eine Berghöhe erreiche. Ich habe es geschafft, mein eigener Körper ist in der Lage über einen Berg zu radeln. Ich bin nicht zusammengebrochen, nein, ich bin sogar vor meiner schlanken Freundin oben angekommen. Natürlich war es hart, und ich habe auf der Strecke viel Motivation gebraucht, um bis oben durchzuhalten. Aber ich weiß, wie stolz ich sein werde, wenn ich oben angekommen bin, und für dieses Gefühl halte ich trotz Schweiß und Herzklopfen durch.

 

Andere dicke Frauen machen ähnliche Erfahrungen bei anderen Sportarten. Pat Lyons beispielsweise berichtet von ihren Erfahrungen als Langstreckenläuferin in Kalifornien. Über viele Jahre hinweg hatte sie das farbenfrohe Rennen „The Bay of Breakers“ in San Francisco von ihrem Haus aus beobachtet, aber nie auch nur im Traum daran gedacht, jemals an diesem gut zwölf Kilometer langen Rennen teilzunehmen. Mit 33 Jahren hat sie, bei einem Gewicht von etwa 90 Kilo und einer Größe von etwa 1,72 Meter, täglich zwei Schachteln Zigaretten geraucht und war gerade mal in der Lage, einmal um den eigenen Block zu laufen. Aber sie blieb dabei, jeden Tag diese Runde zu laufen und sich dann langsam zu steigern. Nach einem Jahr – sie hatte inzwischen das Rauchen aufgegeben – war sie endlich in der Lage, eine Meile durchzulaufen. Nach einem weiteren Jahr waren schon fünf Kilometer möglich. Der Traum, den Bay of Breakers zu laufen, kam in Sichtweite. Nach einem weiteren Jahr wurde er zum ersten Mal wahr, sie rannte und schaffte den Lauf. Auch sie beschreibt ein unendliches Gefühl des Stolzes. Nicht weil sie eine besondere sportliche Leistung vollbracht hat, ihre Laufzeit war im hinteren Mittelfeld. Nein, weil sie es geschafft hat, obwohl sie als „übergewichtig“ bezeichnet wird und die entsprechende Fachliteratur von solchen Läufen für dicke Menschen abrät. In der Fachliteratur lautet es, nehmen sie erst ab und fangen sie dann an zu joggen. Glücklicherweise hat Pat erst nach dem Lauf diese Fachliteratur in die Hände bekommen. Sie wußte da schon, daß ihr Körper vom Laufen unendlich profitiert hat. Nicht so sehr in der Gewichtsabnahme, aber Blutdruck und Puls haben sich verbessert und viele Depressionen sind durch das Laufen einfach verschwunden. Aufgrund der guten Erfahrungen und der ständig anwachsenden Kondition war sie in der Lage, das Rennen noch mehrere Male in den darauffolgenden Jahren zu laufen und viele neue Sportarten für sich zu entdecken.[i]

Beide Beispiele zeigen, daß Sport im Leben eines dicken Menschen, viel erreichen kann. Es kommt im Zweifel nicht unbedingt zu wesentlichen Gewichtsabnahmen, aber es kommt bestimmt zu einer Steigerung von Lebensqualität und Selbstbewußtsein. Und wenn wir lernen, unsere Gesundheit nicht nur nach der Waage zu bestimmen, sondern auch andere Körper- und Gesundheitsveränderungen in unsere Beobachtungen miteinzubeziehen, ja, dann merken wir auch ganz schnell, wie gut Sport unserem Körper tut.

Foto: Thomas Balder
Foto: Thomas Balder

Der behutsame Start

 

Grundsätzlich brauchen alle, auch dicke Körper, Bewegung. Du merkst dies beispielsweise nach einer langen Autofahrt. Es stellt sich irgendwann das Bedürfnis ein, sich zu recken und zu strecken und ein bißchen zu laufen. Ähnliche deutliche Zeichen gibt es, wenn Du lange Zeit in einer bestimmten Position verharren müssen. Dein Körper macht Dir schnell deutlich, daß einzelne Muskelpartien ganz dringend bewegt werden müssen. Nun ist dies noch nicht als Sport zu verstehen, aber unser Körper braucht – egal welchen noch so breiten Umfang er hat – Bewegung.

 

Vielleicht hast Du ja mittlerweile auch schon Lust bekommen und willst etwas für Deinen gesunden dicken Körper tun. Du wirst dadurch beweglicher und wacher. Zu Zeiten, in welchen ich keine Lust oder Zeit für Sport habe, stehe ich morgens oft auf und könnte mich direkt wieder hinlegen. Der Tag plätschert dann so vor sich hin. Dieses dumpfe Gefühl wird mit regelmäßigem Sport deutlich seltener. Außerdem tust Du etwas für Deine Gesundheit. Immerhin liegt der Schlüssel für eine lange Lebenserwartung und ein gesundes Leben eben nicht im Körpergewicht, sondern in der Bewegung. Du kannst dick sein, aber wenn Du Dich regelmäßig bewegst, führst Du ein gesünderes Leben, als ein schlanker Mensch, der sich nur auf der Couch aufhält. Außerdem wird es Dir irgendwann wahrscheinlich einfach gut tun!

 

Bewegung für die Gesundheit

 

Aktive Bewegung bringt dem Organismus viele Vorteile: Das Herz-Kreislauf-System arbeitet ökonomischer, der Blutdruck wird günstig beeinflußt. Die Muskulatur, das größte Stoffwechselorgan in unserem Körper, wird besser durchblutet und stärker mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Fettverbrennung wird angeregt. Das Körpergewicht ist besser zu stabilisieren. Auch die Knochen profitieren von Aktivität: Sie werden fester, der Osteoporose wird vorgebeugt.

 

Die Koordination der Bewegung verbessert sich, dadurch verringert sich auch das Verletzungsrisiko im Alltag. Die Stimmung wird insgesamt positiv beeinflußt und die Antriebskraft steigt, da es eine Stoffwechselverbindung zwischen Muskulatur und dem Gehirn gibt. Auch das Anspannungsniveau kann durch Bewegung gesenkt werden, Streß kann somit „abgearbeitet“ werden. Die mit hohem Gewicht häufig verbundenen Stoffwechselveränderungen und möglichen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Blutfettwerte lassen sich sämtlich durch vermehrte Bewegung auch ohne Gewichtsabnahme günstig beeinflussen.

 

Vielleicht wirst Du Dein Körpergewicht reduzieren. Dies kann Bewegung hervorbringen, muß aber nicht. In jedem Fall wird Dein Stoffwechsel durch regelmäßigen Sport angeregt. Aber, das Gewicht sollte nicht zu Deinem Erfolgskriterium werden, auch und gerade nicht, wenn es um sportliche Aktivitäten geht. Es kann sogar zu einer Gewichtszunahme kommen. Dies ist einfach zu erklären: Muskelgewebe ist schwerer als Fettgewebe. Wenn in Deinem Körper also der Muskelanteil anwächst und sich dafür das Fettgewebe reduziert, wird sich Dein Körper zwar fester anfühlen, aber Deine Waage zeigt auch mehr an.

 

Zu den wahren Erfolgskriterien solltest Du Deinen Blutdruck und Pulsschlag machen. Dieser wird sich durch Deine sportlichen Aktivitäten deutlich verändern. Er ist für Dich auch ein Signal, wann Deine Grenzen erreicht sind und wann diese überschritten werden. 

 

Es muß nicht gleich „Sport“ sein

 

Vermehrte Aktivität muß nun nicht Sport oder strenges Training bedeuten. Jede gleichmäßige Bewegung größerer Muskelgruppen von mehr als zehn Minuten Dauer belebt den Organismus. Es gibt viele Möglichkeiten. Geh mehr zu Fuß, nehme nicht für jedes kurze Stück das Auto. Drehe beim Einkaufen eine Extrarunde zu Fuß auf dem Parkplatz oder um den Block. Benutze die Treppe statt Aufzug oder Rolltreppe. Wenn Du mit dem Bus zur Arbeit fährst, steige eine Haltestelle früher aus und geh das restliche Stück. Verabrede Dich doch mal mit einer Freundin oder einer Bekannten zu einem Spaziergang statt zu einer Tasse Kaffee. Motiviere Bekannte oder Familienmitglieder zu einer Wanderung oder treffe Dich zum Tanzen – gemeinsam macht es mehr Spaß. Allerdings sollte die Leistungsfähigkeit der Partner Deiner eigenen etwa entsprechen.

 

Zu Hause kannst Du natürlich auch aktiver werden, zum Beispiel bei der Gartenarbeit. Dort wird nicht nur die Muskulatur trainiert, sondern es kommen auch kreative Aspekte zum Tragen. Laufe in der Wohnung auf der Stelle oder spring auf einem dicken Teppich Seil. Zwei Treppenstufen eignen sich zum Hoch- und Runterhüpfen. Gymnastik trainiert den Körper auf vielfältige Weise, scheue Dich nicht davor. Wenn Du ein Fahrrad hast, dann erledige doch einfach mal ein paar Wege mit diesem. Wichtig ist, die Erfahrung zu machen, wie positiv sich Bewegung auf das Wohlbefinden und die Stimmung auswirkt. Kinder, die im Freien herumtoben, sind hierfür ein gutes Beispiel.


[i] Pat Lyons, Debby Burgard „Great Shape“, S. 4 ff.

Kommentare: 3
  • #3

    Naumann (Samstag, 28 Oktober 2017 23:40)

    Guten Abend, ich suche in Mannheim einen Sportpartnerin oder eine Gruppe wo sich regelmäßig zum Sport machen trifft. Mein Name ist Margarita Naumann

  • #2

    Gerlinde Heutzenröder (Freitag, 11 August 2017 18:51)

    Guten Tag, wir suchen eine Aqua-Gymnastik-Gruppe für Dicke (Frauen und Männer). Wir waren beide schwer erkrankt und möchten mit Aqua-Gymnastik wieder beweglicher werden. Können Sie uns bitte dabei helfen?
    Freundliche Grüße
    G. Heutzenröder

  • #1

    Velma (Donnerstag, 16 Februar 2017 06:46)

    Hallo,
    gerne möchte ich Euch hier auf meine Seite aufmerksam machen.
    Ich biete in Essen / NRW Yoga für Frauen mit Kurven an.
    Herzliche Grüße
    Velma