Angst vor sportlicher Betätigung?

 

Trotz all der aufgeführten Vorteile, ist der sportliche Funken noch nicht gesprungen? Im Gegenteil, alle angeführten Argumente sind schlüssig, aber Du hast Angst oder bist einfach nur misstrauisch? Alle bisherigen Erfahrungen waren nun mal negativ und eher mit Schmerzen verbunden. Warum sollte es jetzt plötzlich Spaß machen? Und warum sollte es diesmal anders werden, als sonst? Ist dies nicht dieselbe Falle, in die man auch regelmäßig bei den zahlreichen Diäten tappt, indem man jedesmal von neuem denkt, daß es diesmal doch funktionieren wird, obwohl es tausendmal nicht geklappt hat.

 

Es gibt einen wesentlichen Unterschied, der für uns Dicke neu und manchmal revolutionär ist. Du brauchst nicht Sport zu treiben, um danach ein besserer, weil gesünderer und fitterer (und vielleicht sogar schlankerer) Mensch zu sein. Dies bedeutet nämlich, daß Du jetzt kein guter Mensch bist. Und genau das ist Du! Du bist ein guter Mensch, der keine Schuld an seiner Figur hat! Wenn Du Sport treibst, dann nur, um vielleicht nochmal anders durchs  Leben zu gehen. Aber auch wenn Du Dich dagegen entscheidest, bleibst Du ein guter Mensch. Genauso wie tausend andere dünne und dicke Menschen, die nämlich auch nicht viel Wert auf ihre sportliche Bewegung legen.

 

Es kann aber noch andere Gründe geben, warum sich Deine Nackenhaare beim Gedanken an Sport sträuben. Eine mögliche Ursache ist die Angst vor Schmerzen und Verletzungen. Vielleicht bist Du mit dem Grundsatz „Sport ist Mord“ aufgewachsen, und vor einigen Sportarten hast Du auch nach wie vor Angst. Nun ist zum einen nicht jede Bewegungsform unbedingt gefährlich und es gibt natürlich auch viele Möglichkeiten, sich vor Unfällen und Verletzungen zu schützen. Solltest Du aber Angst vor Verletzungen haben, setz Dich hin und liste Deine Ängste auf. Vor welchen Verletzungen fürchtest Du Dich und welche negativen Erfahrungen bringst Du in dieser Hinsicht mit? Je nachdem wie diese Liste aussieht, musst Du bei der Wahl Deiner Bewegungsformen mögliche Risiken versuchen zu begrenzen. Außerdem ist natürlich wichtig, daß Du beim Beginn einer angeleiteten Sportart mit der Trainerin Deine Ängste besprichst, so daß diese darauf Rücksicht nehmen kann. Solltest Du Dich eher für eine individuelle Sportart ohne Anleitung entscheiden, dann berücksichtige auf jeden Fall die Aufwärmtipps, die noch folgen werden und frag eine Ärztin Deines Vertrauens, auf was Du achten musst. 

 

Respektiere in jedem Fall Deine Grenzen. Kleine Schmerzen in Muskeln lassen sich oft durch Lockerungen der Muskelpartie lösen. Schüttel und locker die entsprechenden Partien, um sie anschließend langsam und nicht zu weit zu dehnen. In den meisten Fällen sollten die Verspannungen dann langsam nachlassen. Hast Du stechende oder sehr starke Schmerzen, höre sofort mit der sportlichen Betätigung auf. In diesem Fall nennt der Körper seine Grenzen, denen durch Trainer oder Ärztin Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

 

Bei Gruppensport, in der die restliche Gruppe schon länger unterwegs ist, darfst auch Du langsam fiter und beweglicher werden. Ich mache gerne den Fehler, dass ich genauso sportlich sein will, wie die Anderen. Also mache ich eifrig mit, keiner soll merken, dass ich vielleicht noch gar nicht die passende Kondition habe. Mein Körper gibt mir dann am nächsten Morgen die Rückmeldung. Mit schmerzhaftem Muskelkater. Ich habe meine Lehren daraus gezogen. Ich fange jede neue Sportart langsam an und achte auf mich und nicht die Anderen. 

 

Belästigungen durch dumme Sprüche

 

Dumme Sprüche gegenüber dicken Menschen, die Sport treiben, sind super ärgerlich. Und dazu so paradox.  Auf der einen Seite wird immer gesagt, dicke Menschen sollten sich nur ein bißchen mehr bewegen, dann wären sie auch nicht so dick und träge. Auf der anderen Seite wird sich dann beschwert, es sei eine Zumutung, dicke Menschen im Schwimmbad oder auf dem Fahrrad zusehen zu müssen. Ja, was denn nun? Sollen wir uns bewegen, dann müssen wir dies auch irgendwo tun können. Oder sollen wir uns auf die Couch ablegen und damit alle Vorurteile bestätigen? Es ist ausgesprochen ärgerlich und verletzend, gerade am Anfang, wenn Menschen sich über Dich, Dein Aussehen und Deine Mühen lustig machen.

 

Diesen Text habe ich übrigens ursprünglich für mein Buch "Dick das Leben leben" geschrieben. Das ist einige Jahre her und in diesen Jahren habe ich viel Sport getrieben. Bei der Überarbeitung des Textes fällt mir heute auf: Je länger und selbstverständlicher ich Sport treibe, desto seltener gibt es überhaupt Bemerkungen. Wir strahlen ja immer viel aus und laden unbewusst Menschen ein, uns anzugreifen oder eben nicht. Ich vermute, je selbstverständlicher ich mich in meinen Sportsachen wahrnehme, je weniger biete ich überhaupt Angriffsfläche. Deshalb sehe ich den nachfolgenden Text auch zum Teil kritisch. Es macht vielleicht Sinn, sich auf dumme Bemerkungen einzustellen. Die Kehrseite der Medaille ist aber auch, dass wir möglicherweise unbewusst die Erwartungshaltung ausstrahlen, angegriffen zu werden. Ich habe mich entschieden, den Text nicht zu löschen - aber schau bitte kritisch, ob diese Herangehensweise für Dich hilfreich ist. Vielleicht macht es auch viel mehr Sinn, Dir gar keine Gedanken zu machen und einfach selbstverständlich Sport zu treiben. Es gibt nämlich auch viele schlanke Menschen, die uns dafür bewundern! 

 

Wenn Du Dich aber auf Angriffe "vorbereiten" willst, dann gibt es viele Möglichkeiten. Stell Dir im Vorfeld vor, welche Bemerkungen im schlimmsten Fall gemacht werden könnten. Fallen sie dann tatsächlich, bist Du nicht mehr ganz so überrascht und völlig von den Socken. Du kannst Dir natürlich auch schon mal Erwiderungen einfallen lassen, vielleicht hast Du ja „Glück“ und kannst diese dann auch tatsächlich anwenden. Ist es dann tatsächlich passiert, Du wurdest beleidigt und Dir ist im entscheidenden Augenblick keine passende Erwiderung eingefallen, versuche möglichst schnell mit Deiner Verletzung und Wut umzugehen. Wir tendieren dazu, eine dumme Bemerkung tage- oder wochenlang mit uns rumzuschleppen, und das ist der Idiot, der Sie von sich gelassen hat, nun wirklich nicht wert. Rufe eine gute Freundin an und erzähle ihr von der Begebenheit. Überlegt gemeinsam, welche Bemerkungen angemessen gewesen wären. Auch im nachhinein kann dies helfen und bestimmt fürs nächste Mal vorbeugen. Ja, und lass Dich trösten, immerhin ist so ein verbaler Angriff eine Unverschämtheit, den Du nicht verdient haben.

 

Zur Vorbereitung hier einige mögliche Reaktionen im Schwimmbad auf Beleidigungen, die Kathrein, eine begeisterte Schwimmerin zusammengestellt hat:

Am besten kontert man auf blödes Glotzen (und Tuscheln) mit ganz sturem Zurückstarren – bis das Gegenüber knallrot wird oder wegguckt (auch wenn das eine Weile dauern kann, also unbedingt üben!). Und wenn man den „Glotzwettbewerb" gewonnen hat, kann man ja noch ein „Das war ja wohl nichts, oder?" hinterherwerfen.

 

Ein möglichst scharfes „Was ist Dein (Ihr) Problem? Noch nie 'ne dicke Frau im Badeanzug gesehen oder was?" (oder ähnlich, je nach Situation) treibt auch manchem Glotzer die peinlich berührte Röte ins Gesicht – sehr aufbauend. Manchmal hilft auch ein Hinweis auf offensichtlich nicht vorhandene, gute Manieren. Hängt natürlich vom Gegenüber ab – nicht jedem ist es unangenehm, wenn seine „Kinderstube“ kritisiert wird.

 

Dumme junge Bengels, die besonders gerne Frechheiten ablassen, kann man mit folgendem Spruch besonders gut verstummen lassen: „Ist mir ja klar, daß du noch zu jung und zu grün bist, um echte weibliche Formen zu schätzen, aber das macht nichts, du wächst ja noch." Peinlich, peinlich, vor allem, wenn seine Kumpels dabei sind.

 

Auf Unverschämtheiten kann man – je nach Situation – manchmal auch recht sachlich und ruhig reagieren: „Das ist ja 'n Ding. Wieso haben SIE eigentlich ein Problem damit, daß ICH dick bin???" Wichtig ist auch, daß man solche Sprüche „parat“ hat, also daß man nicht unbedingt schlagfertig zu sein braucht. Am besten ist es, wenn man solche Reaktionen zum Beispiel mit einer Freundin oder in einer Gruppe übt, vielleicht als Rollenspiel.

 

Im großen und ganzen ist der beste Schutz gegen Beleidigungen, hocherhobenen Hauptes und nicht mit hochgezogenen Schultern durch die Welt zu gehen, Leuten in die Augen zu schauen und möglichst viel Selbstvertrauen auszustrahlen. Angegriffen wird man vor allem dann, wenn man verletzbar erscheint und den Eindruck macht, ein gutes, weil wehrloses, Opfer zu sein.