Mit Kontrolle geht das schon



In vergangenen Zeiten war Fülligkeit etwas erstrebenswertes. Wer Geld hatte, konnte dieses in gute Nahrungsmittel investieren - wer keins hatte, erlitt Mangel. Der gemeinsame Verzehr von diesen galt als ein Höchstgenuß. Entsprechend wurden früher Feste und Gelage gefeiert, die Reichen entwickelten dabei ihre „Standesbäuche“. Nicht nur die weltlichen Fürsten sondern auch in kirchlichen Kreisen wollte man sich den menschlichen Genüssen nicht verschließen. Im 16. Jahrhundert schritt der Erzbischof von Canterbury endlich ein und verschrieb „Diät“: Erzbischöfe sollten nicht mehr als sechs Fleischgerichte und vier Beilagen pro Mahlzeit vertilgen, Bischöfe nur fünf Fleischgerichte und drei Nebengerichte, niedrige Ränge entsprechend weniger.[i] Na, wenn das keine Diät ist, die unter heutigen Gesichtspunkten einfach und genußvoll einzuhalten wäre.

 

Die Zeiten der fülligen Regenten sind eindeutig vorbei. In den Industrieländern haben die Menschen aus den unteren Sozialschichten inzwischen deutlich mehr Speck am Bauch als die „Oberschicht“. In unseren Tagen zählt vor allem der Schein, und heute muss schlank und fit aussehen, wer zur Elite zählen will, also das genaue Gegenteil zu vergangenen Zeiten. Doch die heutige Angst vor jedem Gramm Fett hat gravierende Nebenwirkungen; sie führt in die Sackgasse: die Diätmentalität.

 

Ausgerechnet jetzt schlägt die Natur uns ein Schnippchen: Je stärker die Gesellschaft dieses neue Ideal anstrebt, je mehr die glamourösen Bilder der Show-welt als Ikonen dienen, je aggressiver kalorien- und fettarme Kost angepriesen wird und je mehr zur Entsagung und Kasteiung aufgerufen wird, um so dicker wird die Masse der Menschen in dieser Gesellschaft. Das kann kein Zufall sein.[ii]

 

Mit dem Versuch figurbewußt zu leben, kontrollieren wir unsere Nahrungsaufnahme sehr stark. Wir kontrollieren, wann, was und wieviel wir essen. Wir haben verlernt, dies über unseren Körper steuern zu lassen, sondern regeln dies nach Tabellen und Vorschriften, geregelt durch unseren Kopf. Von Zeit zu Zeit schlägt unser Körper zurück, wir entwickeln „böse Gelüste“, bei dem einen nur nach einem Stück Schokolade, bei anderen kann es zu ganzen Freßattacken kommen.

 

Kennst Du das Gefühl? Du hast lecker gegessen und bist satt. Nein, nicht dieses Gefühl, dass DeinMagen fast schmerzhaft aufschreit und Du nicht mehr piep sagen kannst. Das ist richtig voll. Satt ist das Gefühl, daß es reicht, aber sicherlich noch etwas reinpassen würde. Vielen erwachsenen Menschen ist dieses Gefühl abhanden gekommen, gegessen wird mit dem Kopf. Bei den einen sagt er schon nach wenigen Bissen, ich muß sofort aufhören. Bei den anderen verursacht er zwar Schuldgefühle, aber der Körper ist dennoch stärker und kennt aufgrund der vielen Kontrollversuche auch keine Grenzen mehr. Es wird gegessen, bis mit aller Gewalt nichts mehr rein geht, um dann am nächsten Tag einen Gurkentag –- angesättigt mit Schuldgefühlen und guten Vorsätzen –- einzulegen. Wenn Du vielleicht keine Menschen kennst, die über einen natürlichen Essrhythmus verfügen, dann beobachte mal kleine Kinder.

 

Diese verfügen noch über einen natürlichen Ess- und Schlafrhythmus. Sie fordern vehement Nahrung ein (im Notfall mit lautem Geschrei) und wenn sie satt sind, dann sind sie schlicht satt. Weitere Versuche, den Karottenbrei ins Kleinkind reinzubekommen, enden mit wunderbar verschmierten Lätzchen, je nach Temperament können sich auch diese netten orangen Spritzer auf Tisch und Tapete wiederfinden.

 

Leider legen die Erziehungsmaßnahmen der Erwachsenen diese Regulationsvorgänge meist sehr schnell völlig lahm. Willkürliche Festlegungen von Nahrungsart, Essensmenge und festgelegte Essenszeiten übertönen mit der Zeit die eigenen Körpersignale und verschütten langsam die natürliche Kompetenz, sich „gesund“ zu verhalten und zu ernähren. Die Angst, dicke Kinder zu bekommen, ist so groß, daß schon in sehr frühem Stadium auf die Essensreduktion geachtet wird. Entsprechende frühzeitige Eßstörungen sind vorprogrammiert.

 

Mit zunehmendem Lebensalter wird das ganze Eßverhalten durch solche Außensignale wie das Nahrungsangebot selbst, aber auch durch gesellschaftliche Erwartungen, Erziehung, religiöse Normen, Meinungen, Vorurteile und natürlich auch durch psychische Faktoren –  wie Stress am Arbeitsplatz und zu Hause, Anspannung, Angst, Kummer und Sorge – beeinflusst. Gerade die psychosoziale Komponente ist beim Essen äußerst interessant, aber noch viel zu wenig erforscht.

 

Wenn Menschen dick werden, beweist dies untrüglich, dass bei immer mehr Mitmenschen die normale Regulation der Nahrungsaufnahme durch Hunger, Appetit und Sättigung nachhaltig gestört ist. Warum funktioniert die Regulation nicht mehr? Im Zentrum des Verdachtes steht hier das Essen als „Ersatzhandlung“ bei Stress, Frust, Kummer, Liebesentzug oder Einsamkeit – alles Reize der Umwelt, die auf die Gefühlsebene einwirken. In solchen Situationen zu essen befriedigt, beruhigt und löst Wohlgefühl aus. Schnell kann man sich angewöhnen, negative Gefühle im Alltag mit Essen zu bekämpfen. Psychosozialer Stress, vor allem bei Frauen, ist als Risikofaktor für Überernährung und daraus folgendes hohes Gewicht anerkannt. Die moderne Arbeitswelt gilt dabei als einer der größten Stressfaktoren. 

 

Achim Peters hat in seinen Forschungen herausgefunden, dass genau dieser Stress, bzw. der unterschiedliche Umgang mit diesem Stress, dazu führt, dass einige Menschen dick werden und bleiben und andere nicht. Regulator dabei ist das Gehirn, welches in jedem Fall versorgt werden will. 



[i] Nicolai Worm „Diätlos glücklich“, S. 38

[ii] Nicolai Worm „Diätlos glücklich“, S. 39